Wissenschaft

Die Ära Leggewie neigt sich in Essen dem Ende zu

Claus Leggewie genießt als Politikwissenschaftler hohes Ansehen. Dieses Bild zeigt ihn als Gast der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner.

Claus Leggewie genießt als Politikwissenschaftler hohes Ansehen. Dieses Bild zeigt ihn als Gast der ZDF-Talkshow von Maybrit Illner.

Foto: imago stock&people

Essen.   Nach zehn Jahren an der Spitze des Kulturwissenschaftlichen Instituts geht Claus Leggewie in Rente. Was ihn mit Emanuel Macron verbindet.

Er ist in Wanne-Eickel geboren, hat in Köln und Paris studiert und fühlt sich als Erforscher von Weltkultur und Klimawandel auf dem ganzen Planeten zuhause: Claus Leggewie, seit zehn Jahren Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts (KWI) Essen, wird sich in wenigen Wochen aus Altersgründen vom Chefposten des Hauses in der Goethestraße zurückziehen.

Ein „renommiertes Haus“ habe er 2007 vorgefunden, ein noch renommierteres wird der Gelehrte übergeben. An wen – das ist immer noch eine offene Frage. Die erfolglose Nachfolger-Suche ist wohl der einzige Makel, der sich auf die ausklingende Ära Leggewie legt.

Klimawandel geht auch Sozialwissenschaftler etwas an

Der Noch-KWI-Direktor macht trotzdem einen aufgeräumten Eindruck. Sein Haus nennt er „einen freien, ja einen glücklichen Ort“. Der Sozialwissenschaftler schwärmt von „fröhlichen Wissenschaften“ und erwähnt beiläufig, dass unter diesem Dach schon fünf Paare zueinander gefunden hätten.

Was der interdisziplinäre, fächerübergreifende Ansatz der Kulturwissenschaften zu bewegen vermag, macht Leggewie an der Durchleuchtung des Komplexes „Klimawandel“ fest. Ein Feld, das er vor zehn Jahren auf keinen Fall den Naturwissenschaftlern habe überlassen wollen.

Industrie soll sich transformieren

Sein Bestseller von damals – „Das Ende der Welt“ (Koautor Harald Welzer) – habe gezündet, aber in den Zentralen großer Energiekonzerne wie Eon und RWE seien sie wie „Mondsüchtige“ belächelt worden. Weitsichtige Forderungen wie „Raus der Kohle“ und „dezentrale Energie“ seien als weltfremd abgetan worden. „Und heute klingen die Werbeslogans derselben Konzerne wie unsere Visionen von 2007“, sagt Leggewie.

Das KWI will in das Ruhrgebiet hineinwirken. Leggewies Maxime: Die Industrie müsse bleiben, sich aber transformieren. Nicht triumphierende Rechthaberei, sondern solides Selbstbewusstsein spricht aus ihm. „Das KWI wird es in zehn Jahren bestimmt noch geben“, sagt er, „aber ob das auch auf Großkonzerne wie Eon und RWE zutrifft, ist eher fraglich.“

Leggewie schwärmt für den BVB und den 1. FC Köln

Claus Leggewie, in einem katholischen Elternhaus geboren, sympathisiert mit dem 1. FC Köln und Borussia Dortmund. Über den ruppig-charmanten Menschenschlag im Ruhrgebiet, der das ehrliche direkte Wort schätzt, sagt er: „Ich finde die Leute hier toll.“ Zwar wohnt er in Gießen, trotzdem bekennt er sich zum Ruhrgebiet.

Dass Essen zuerst zur Kultur- und jetzt zur Grünen Hauptstadt Europas aufsteigt, führt er auch ein wenig auf die fruchtbare Arbeit seines Hauses zurück. „Das Ruhrgebiet ist unser Labor“, sagt er und deutet auf den schweren Band auf seinem Schreibtisch: „Geschichten einer Region. AgentInnen des Wandels für ein nachhaltiges Ruhrgebiet.“

Als sicheres Indiz für den wissenschaftlichen Rang eines Forschungsinstituts gelten die so genannten Drittmittel. Im Fall des KWI lagen sie zuletzt bei bedeutsamen 1,5 Millionen Euro. Ob Klimawandel und Energiewende, Erinnerungskultur und Bürgerbeteiligung, Interkultur und Europa: Das KWI verstehe sich auf fast allen aktuellen Schlüsselfeldern als energischer Impulsgeber.

Geistesgrößen wie Paul Krugman die Pforten geöffnet

Wer sich breites Gehör verschaffen will, muss raus aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft. PR in eigener Sache zu betreiben, ist dazu unerlässlich. Eine Disziplin, die Leggewie ebenfalls ausgezeichnet beherrscht, auch wenn er das Etikett „Zampano“ strikt ablehnt.

Er berät den Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen und hat sehr früh den neuen französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron in Deutschland bekannt gemacht. Geistesgrößen wie dem Nobelpreisträger Paul Krugman und dem soeben mit dem Karlspreis geadelten Timothy Garton Ash hat er ebenso die Pforten des KWI geöffnet wie Navid Kermani („Friedenspreis des Deutschen Buchhandels“). „Ich habe mich hier extrem wohlgefühlt, ich konnte inspirieren.“

Absage seines Nachfolgers ärgert Leggewie

Claus Leggewie ist viel zu sehr Diplomat, um das Zaudern und die enttäuschende Absage des Nachfolge-Favoriten Jörn Leonhard zu tadeln. Stattdessen kleidet er seine Verstimmung dezent in die Erinnerung an seine eigene Motivation, die Leitung des KWI zu übernehmen: „Mit 57, also fast am Ende einer langen Wissenschaftler-Laufbahn, habe ich es als wunderbare Chance empfunden, ein Stück weit aus dem Professorenjob auszusteigen und ein herausragendes Forschungsinstitut zu übernehmen und zu gestalten.“

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