Musiktheater

„Der Troubadour“ am Aalto: Wenn der Hass an die Macht kommt

Moshe Leiser (links) und Patrice Caurier führen seit 1982 gemeinsam Regie - ob an der Mailänder Scala oder wie hier auf der Aalto-Bühne. Foto:Kerstin Kokoska

Moshe Leiser (links) und Patrice Caurier führen seit 1982 gemeinsam Regie - ob an der Mailänder Scala oder wie hier auf der Aalto-Bühne. Foto:Kerstin Kokoska

Essen.   Moshe Leiser und Patrice Caurier zeigen am Aalto-Theater Verdis „Der Troubadour“. Das Regie-Duo sieht in der Oper ein starkes, politisches Drama.

Seit 35 Jahren sind sie ein Regie-Duo und haben rund 130 Produktionen auf die Bretter der renommiertesten Bühnen gestellt. Moshe Leiser (61) und Patrice Caurier (63) sind im besten Sinne ein eingespieltes Team. Und das inszeniert nun zum ersten Mal Verdis „Der Troubadour“ im Aalto-Theater. „Wir sind sehr glücklich, hier zu sein“, sagt Moshe Leiser. „Das ist ein sehr kompetentes, zugewandtes Haus. Alle unterstützen uns, unser künstlerisches Ziel zu erreichen.“

Debüt mit „Ein Sommernachtstraum“

Es begann bei beiden mit der großen Leidenschaft für Musik. Moshe Leiser, aus einer jüdisch-orthodoxen Familie in Antwerpen stammend, erlebte seine Initialzündung durch seinen Kantor. „Er war wie Pavarotti.“ Doch erst im Filmstudium wurde ihm bewusst, dass die Oper seine Bestimmung ist. Patrice Caurier studierte zunächst Literatur. „Ich hatte das Glück, in eine Familie geboren zu sein, die viel ins Konzert und ins Theater ging“, erzählt der Pariser. Als Regieassistenten lernten sie sich an der Oper in Lyon kennen und stellten fest, dass sie dieselbe Auffassung hatten, was Oper sein sollte. „Von diesem Moment an haben wir nicht mehr aufgehört, zusammenzuarbeiten.“ Bei ihrem Debüt mit „Ein Sommernachtstraum“ noch für eine einzige Gage.

Und jetzt „Der Troubadour“. „Wenn man sie seriös inszeniert, ist man in Verdis dunkelster Oper“, so Leiser. „Es geht um Hass, um Bürgerkrieg, um zwei Brüder - der eine ist ein Einheimischer, der andere ein Nomade - und um Liebe in Kriegszeiten. Es ist keine romantische Oper, sondern ein starkes, politisches Drama.“ 1853 uraufgeführt in Rom erzählt das Erfolgswerk von zwei Söhnen eines Grafen. Der eine wächst bei ihm auf, der andere wird aus Rache für die Verbrennung einer Zigeunerin entführt und wächst bei deren Tochter Azucena auf. Ohne voneinander zu wissen, werden Luna und der Troubadour Manrico Gegner im Kampf und in der Liebe zu Leonora.

Die Handlung wird gern als die unsinnigste der Musikgeschichte bezeichnet. Das denken Moshe Leiser und Patrice Caurier keineswegs. Sie sehen Parallelen zu unserer Zeit und haben sie in der nahen Zukunft angesiedelt. „Wir befinden uns in Europa in fünf Jahren. Es gibt einen Brexit hier, einen Trump dort, eine Marine Le Pen hier, einen Erdogan dort. Es gibt einen Hass zwischen Einheimischen und Fremden. Was passiert, wenn dieser Hass an die Macht kommt? Bürgerkrieg? Flüchtlinge?“, skizziert Moshe Leiser ihr Angstszenario für morgen. „Es gibt viele Situationen, die so nah sind. Deshalb machen wir keine historische Erzählung.“

Stimmen mit Seele

Ihre Arbeit starte stets am Klavier mit der genauen Analyse der Partitur, um die Charaktere zu bauen, erklärt Moshe Leiser. „Die Regie ist sehr präzise. Die Arbeit geht durch die Musik, nicht darüber oder darunter. Es ist uns wichtig, Stimmen mit Seele zu hören. Wir glauben, dass die Emotionen durch den Sänger gehen und nicht durch die Bühne.“ Daher gibt es bei ihnen keinen Palast und kein Kloster, sondern „einen einfachen Raum mit Stühlen und Leuten“, geschaffen von einem Kreativteam, zu dem seit 20 Jahren Bühnenbildner Christian Fenouillat, Kostümbildner Agostino Cavalca und Lichtdesigner Christophe Forey gehören. „Wir haben für uns die richtigen Personen gefunden. Für 80 Prozent, was man sich zu sagen hat, reicht ein halber Blick.“

Der Zusammenhalt der beiden Teamspieler über 35 Jahre beruht vor allem auf gegenseitiger Achtung: „Ich schätze seine Integrität an ihm und absolute Ehrlichkeit“, sagt Moshe Leiser. „Ich schätze an ihm die totale Hingabe für seine Arbeit“, sagt Patrice Caurier. Und es gibt diese Übereinstimmung, was sie erreichen wollen. „Wir wollen Menschen berühren, ihr Herz und ihre Intelligenz“, meint Leiser. „Wir hoffen, dass sie erschüttert sind von der kraftvollen Geschichte und nicht nur sagen: Die Musik ist schön.“

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