Bürger-Projekt

„Der Spalt“: Schauspiel Essen führt in die virtuelle Welt

Grenzgänger zwischen Nord und Süd, Realität und Fiktion: Game-Designerin Christiane Hütter , Intendant Christian Tombeil, Dramaturg Florian Heller und „Der Spalt“

Grenzgänger zwischen Nord und Süd, Realität und Fiktion: Game-Designerin Christiane Hütter , Intendant Christian Tombeil, Dramaturg Florian Heller und „Der Spalt“

Foto: STEFAN AREND

Essen.   Stadterkundung mit dem Handy. „Der Spalt“ eröffnet eine zweite Realität zwischen Altenessen und Bahnhof. Antwort auf Pokémon Go startet im Juni

Monsterjagen war gestern. Wer beim digitalen Stadterkundungs-Spiel „Der Spalt“ ans Ziel kommen will, der muss ab dem 8. Juni fleißig Empathie-Punkte sammeln statt Fieslinge erledigen. Mit der Essener Antwort auf Smartphone-Abenteuer wie „Pokémon Go“ betritt das Schauspiel Essen in seinem 125. Jubiläumsjahr Neuland.

Zwar haben auch Theater wie das benachbarte Schauspielhaus Bochum bereits die digitale Spielwiese betreten, doch mit so viel Aufwand und dramaturgischer Komplexität wie Essen haben sich bislang wenige Theater in die virtuelle Welt vorgewagt. Auch Oberbürgermeister Thomas Kufen und die Ruhrbahn spielen in dieser ungewöhnlichen Inszenierung mit, die das Stadtgebiet zur Bühne macht und eine unsichtbare zweite Realität zwischen Rüttenscheid und Altenessen schafft.

Nicht wundern also, wenn Menschen, die auf Handys starren, zwischen dem 8. und 30. Juni die Freiheit am Hauptbahnhof, den Rüttenscheider Stern oder das Altenessener Allee-Center bevölkern und sich von dort aus auf die Fährte eines imaginären Linienbusses begeben, der wie aus dem Nichts aufgetaucht und wieder verschwunden sein soll. Um dem mysteriösen „Geisterbus“ auf die Spur zu kommen, adaptieren die Mitspieler die Identitäten der sieben virtuellen Bus-Passagiere, lösen an verschiedenen Stationen Aufgaben und setzen so eine Story zusammen, die nicht nur auf unterschiedlichen Zeitebenen funktioniert, sondern auch je nach persönlicher Entscheidung zu unterschiedlichen Enden führen kann. Ob man dabei nun Mariella folgt, der Frau vom privaten Sicherheitsdienst, oder Jürgen, dem Herzchirurgen aus dem Süden, ist Entscheidungssache. Verkörpert werden die virtuellen Figuren vom realen Grillo-Ensemble. Zur Hilfe kommt den Spielern dabei eine Spezialagentur für Alternierende Territorien, kurz „Spalt“, die dem aufwendigen, von der Kunststiftung NRW geförderten Projekt den Namen gibt.

„Der Spalt“ setzt da an, wo auch Regisseur Volker Lösch zuletzt mit seiner Inszenierung „Der Prinz, der Bettelknabe und das Kapital“ den Blick gelenkt hat. Es geht um Stadtraumerfahrung mit künstlerischen Mitteln, um die Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen sozialen Situationen der Stadt und der A 40 als imaginäre Trennlinie zwischen Nord und Süd. Auf dieser Trennlinie mit seinen eng zugebauten Autobahn-Trassen und der Schnellbus-Spur startet auch das Grillo-Game, an dem Dramaturg Florian Heller zusammen mit Videografen und Spielmechanikern, Software-Tüftlern und Game-Designern wie Christiane Hütter seit über einem Jahr gebastelt hat. Die Mission von „Der Spalt“ ist schließlich nicht, ein möglichst unterhaltsames Smartphone-Spiel auf den Markt zu bringen, das viele herunterladen und Geld in die Kassen der Softwareentwickler spülen. Von „Der Spalt“, dessen App kostenlos herunterzuladen ist, sollen sich echte Gamer wie Theater-Abonnenten gleichermaßen angesprochen fühlen und eine neue Form des interaktiven Austauschs starten.

Mobile Forschungsstationen

So kommt zum technischen Aufwand auch eine enorme didaktische Aufgabe. Ein offenes Tutorial im Grillo-Theater, bei dem die Macher das Konzept am 10. Juni ab 11.15 Uhr im Café Central des Grillo vorstellen, gehört ebenso dazu wie das Betreiben eines Spalt-Headquarters in der Maxstraße 54, wo an diversen Abendterminen theatrale Live-Events warten. Mit mobilen Forschungsstationen werden die Spalt-Teams außerdem an den Wochenenden im Stadtgebiet präsent sein. Ob „Der Spalt“ die Kluft zwischen dem traditionellem Kulturinstitut und der Gameszene am Ende kleiner werden lässt, wird sich vielleicht beim Abschlusscommunique am 30. Juni herausstellen.

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