Kriminalpolizei

Anonymes Schmähgedicht nimmt Essener Kripochefin aufs Korn

Kripochefin Martina Thon wird in einem weihnachtlich verpackten Schmähgedicht aufs Korn genommen.

Kripochefin Martina Thon wird in einem weihnachtlich verpackten Schmähgedicht aufs Korn genommen.

Foto: Stefan Arend

Essen.   „Der Marschallstab wird in meiner Hand schnell zur Rute“ – ein weihnachtliches Gedicht offenbart Unzufriedenheit mit dem Führungsstil bei der Essener Kripo.

Ausgelassene Weihnachtsfeiern gehören zur Adventszeit dazu – auch weil sie das Klima im Betrieb spürbar verbessern können. Aber manchmal scheint ausgerechnet die Adventszeit auch die Zeit zu sein für erbitterte Abrechnungen des Personals mit dem ungeliebten Vorgesetzten. In der Chefetage des Polizeipräsidiums Essen hat das mit allerlei Boshaftigkeiten gespickte Weihnachtsgedicht eines anonymen Verfassers jetzt für mächtig Ärger gesorgt. Es ist ein Schmähgedicht, offenbar verfasst von einem Insider, das an Kripochefin Martina Thon kein gutes Haar lässt – zum Beispiel mit sarkastischen Sätzen wie: „Der Marschallstab kommt mir zu Gute und wird in meiner Hand auch schnell zur Rute“.

Die E-Mail eines gewissen „john-smithmontreal“ mit der völlig unverfänglichen Betreffzeile „Weihnachtsgrüsse“ erreichte die Präsidiumsrechner vor knapp zwei Wochen morgens um kurz nach neun. Zu den Adressaten zählen allen voran der Polizeipräsident, gefolgt von sämtlichen Polizei- und Kriminalinspektionen sowie der Kriminaldirektion. Um eine möglichst breite Streuung und Wirkung zu erzielen, setzte der Absender alle 17 Kriminalkommissariate – von „kk11.essen“ bis „kk31.essen“ – einfach in Kopie. Damit dürften mehrere Hundert Beschäftigte Zugriff auf diese E-Mail gehabt haben.

Knecht-Ruprecht-Gedicht diente als Vorlage

Was der Verteilerkreis dann zu lesen bekam, dürfte die Hauptadressatin in Rage, so manchen ihrer Mitarbeiter hingegen zum hämisch-schadenfrohen Schmunzeln gebracht haben. Denn dem Reimschema des beliebten Storm-Klassikers „Knecht Ruprecht“ („Von draußen vom Walde komm’ ich her . . . „) folgend, verbreitet der anonyme Absender in seinem Gedicht allerhand Beleidigendes und Verletzendes – aber wohl auch Berechtigtes.

Interne Kritiker zeichnen von der Leitenden Kriminaldirektorin, die 2014 vom Landeskriminalamt nach Essen wechselte, schon seit einiger Zeit das unvorteilhafte Bild einer kühlen und herrischen Vorgesetzten, die selbst erfahrene Kommissare extrem unter Druck zu setzen oder gar „fertig zu machen“ vermag. Der Schmähgedicht-Schreiber lässt „M. T.“ sagen: „Denn Teamwork, Wohlbefinden, Auf-ein-Bier, meine Untergebenen, nicht mit mir. Ich mach euch was vor in allen Belangen, um Eure Posten könnt Ihr jetzt bangen.“

Umstrittene Disziplinarmaßnahmen

Zur Erinnerung: Im Frühjahr wurde der Verdacht bekannt, dass ein Pfleger versucht haben könnte, einen Senior aus Mülheim mit Insulin zu töten. Die Polizei: „Zu diesem Zeitpunkt stand zu befürchten, dass durch unterlassene Ermittlungen die Chance ungenutzt blieb, schwerwiegende Straftaten zum Nachteil von pflegebedürftigen Menschen zu verhindern.“ Den mit dem Fall befassten Kripobeamten wurde das Führen der Dienstgeschäfte untersagt und einigen sogar die Dienstwaffe abgenommen. Später hat die Staatsanwaltschaft Krefeld zwar keinen „strafrechtlichen Anfangsverdacht“ gegen die Kommissare festgestellt. Gleichwohl drangen Polizeipräsident und Kripochefin danach weiter auf eine gründliche interne Aufarbeitung des Falles.

Anonyme E-Mail wurde gelöscht

Die Behördenleitung nimmt zwar in Anspruch, diese „einschneidenden Personalmaßnahmen“ mit „Augenmaß“ getroffen und sich den „Fragen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter“ gestellt zu haben. Das „Ruprecht-Gedicht“ hingegen erweckt den Eindruck, dass für das Personal so manche Rechnung längst noch nicht beglichen ist.

Dem Vernehmen nach ist die brisante E-Mail „auf Anweisung von oben“ sehr schnell von den Polizeirechnern entfernt worden. Weil aber genug Screenshots existieren dürften, verbreiten sich die bitterbösen „Weihnachtsgrüße“ nun erst recht innerhalb der Behörde.

Eine Polizeisprecherin bestätigte auf Anfrage lediglich die Existenz der anonymen Mail mit dem Hinweis, es handele sich um eine „polizeiinterne Angelegenheit“.

>>> DER FALL DES PFLEGERS VON MÜLHEIM

Der Pfleger von Mülheim ist im März 2018 verhaftet worden, er soll verantwortlich sein für die Tötung eines Seniors in Ottobrunn (Bayern).

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) hat die „weitreichenden Personalmaßnahmen“ der Essener Polizeiführung scharf kritisiert. BDK-Landesvize Oliver Huth: „Das Vertrauensverhältnis innerhalb der Direktion Kriminalität wurde nachhaltig und massiv erschüttert. Zurück bleibt ein Scherbenhaufen.“

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