Kommentar

Der Essener Innenstadt fehlt neben Events noch einiges mehr

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Foto: WAZ

Essen.  Essen Marketing will mehr Events in der Innenstadt. Sauberkeit, Sicherheit, Aufenthalts- und Gestaltungsqualität sind ein paar weitere Themen.

In einem Punkt hat Essens Marketing-Chef Richard Röhrhoff augenscheinlich Recht: Das am Sonntag beendete Light Festival zog tatsächlich wieder Menschen in die Innenstadt, die dort in den letzten Jahren nicht mehr so oft anzutreffen waren. Lichtkunst und Teile des Beiprogramms gingen deutlich über Remmidemmi-Niveau hinaus, beides hatte aber eben auch genügend Unterhaltungswert, um sehr viele unterschiedliche Besucher dafür zu interessieren. Das dürfte es in Essen tatsächlich öfter geben.

Der EMG-Geschäftsführer sieht in der Event-Kultur einen wichtigen Schlüssel für mehr Attraktivität der Innenstadt. Das mag so sein, birgt aber selbst bei guter Qualität die Gefahr der Abstumpfung. Deshalb führt kein Weg daran vorbei, an den altbekannten Themen zu arbeiten: Die Sauberkeit ist eine Daueraufgabe, die Sicherheit ebenfalls, beides ist bis in die Rathausspitze hinein als Problem erkannt. An Lösungen wird ernsthaft gearbeitet, das darf man den Akteuren abnehmen. Ja, vieles könnte und müsste schneller gehen, aber immerhin, es passiert zumindest was.

Die Gastronomie hat sich verbessert, es fehlen aber individuelle, coole Konzepte

Aufenthaltsqualität und Gastronomie haben sich im Stadtkern zwar verbessert, leider fehlen aber Orte und Gastro-Konzepte, von denen Rüttenscheid so viele hat: individuell, lässig, irgendwie cool. Von Ausnahmen abgesehen, findet sich eine Mischung aus (zu) vielen Ketten und einigen karitativ motivierten Versuchen. Das überzeugt noch nicht, aber von oben herbeiplanen lässt sich da wenig.

Fast alle City-Plätze verströmen zudem den schlechten Geschmack der 1980er Jahre, die Möblierung und die künstlerisch gut gemeinten Objekte wirken schmutzig und beschädigt. Das zu ändern, würde jedoch Geld kosten, das niemand hat. Was Essen nötig hätte, wäre außerdem eine Gestaltungssatzung, damit nicht jeder Gewerbetreibende den öffentlichen Raum nach Gusto verschandeln darf. Das fängt mit werbenden Dreiecksständern, den sogenannten „Störern“ an und hört bei Plastikstühlen noch lange nicht auf.

Die klassische Innenstadt hat einiges zu bieten, das einzigartig ist

Einkaufen ist heute ein Gesamterlebnis, Innenstädte konkurrieren mit Einkaufszentren, Factory-Outlets und nicht zuletzt dem Internet. Patentrezepte für den klassischen Einzelhandel im Stadtkern gibt es in diesem Kampf nicht, zuviel Elitäres kann falsch sein, zuviel Massenware auch. Die klassische Innenstadt hat aber etwas Einzigartiges: den Atem der Geschichte, ein gewachsenes Stadtbild, das Mit- und auch Nebeneinander von Stilen und Lebensentwürfen.

Nur wenn alle zusammenwirken, lässt sich Nutzen aus diesem Potenzial ziehen. Vielleicht kann der für Essener Verhältnisse eher untypische Enthusiasmus von Richard Röhrhoff die Stadt ein Stück weiterbringen. Mehr zu erwarten, wäre vermessen.

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