Der dritte Platz lässt Essens SPD sprachlos zurück

NRZ-Redakteur Wolfgang Kintscher kommentiert das Wahl-Desaster der SPD.

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Die politische Zeitenwende in Essen, sie kam an diesem Sonntag durch die Hintertür: Die traditionsreiche Essener SPD – bei einer stadtweiten Wahl mit rund 50 Prozent Beteiligung nur noch auf dem dritten Platz? Das darf man mit Fug und Recht historisch nennen, auch wenn das Ergebnis einer Europawahl sicher mit etwas Vorsicht zu genießen ist.

Denn erstens fehlt dem Urnengang fürs politische Personal in Brüssel und Straßburg angelegentlich die sonst übliche Ernsthaftigkeit – allen Wichtigkeits-Schwüren zum Trotz. Mehr als elf Prozent für „sonstige“ Parteien geben dafür beredtes Zeugnis ab. Oder anders gesagt: Hier traut sich mancher, mit seiner einen Stimme ein wenig herumzuexperimentieren, nach dem Motto: Schadet ja fast nix.

Zum anderen fehlen bei Europawahlen jene Mitspieler auf der politischen Bühne, die den Frust über die etablierte Parteienschar in ihre Kanäle leiten. Das Essener Bürger Bündnis wie auch sein neuer Ableger BME lassen hier grüßen.

Und dennoch: Für die beiden GroKo-Parteien im Rat brechen schwere Zeiten an. Die alte Selbstverständlichkeit, als Volksparteien vorn zu liegen, ist passé.

Das mag für die Christdemokraten noch als „blaues Auge“ durchgehen, wie ihr Parteichef Matthias Hauer es formuliert. Für die SPD aber stellt sich die Frage, wie sie aus der tiefen Depression als abgewatschte drittstärkste Kraft in Essen eine Erfolgsstory für die anstehenden Kommunalwahl im Herbst 2020 machen will – angesichts einer „Alternative für Deutschland“, die ihre alten Hochburgen schleift; angesichts der Grünen, die ihr im bürgerlichen Lager den Rang ablaufen; und angesichts eines amtierenden CDU-OB, der in Umfragen Beliebtheits-Rekorde aufstellt.

Viel schwerer noch als die Momentaufnahme einer schmerzhaften Wahlniederlage dürfte für die Genossen die Erkenntnis wiegen, dass sie überhaupt keinen Schimmer haben, wie sich die verlorenen Wähler wieder zurückgewinnen lassen. Vielleicht stand Parteichef Thomas Kutschaty am Wahlabend deshalb nicht für eine Stellungnahme zur Verfügung. Essens SPD: sprachlos. Und ratlos.

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