Kommentar

Der Absturz der Essener SPD ist historisch ohne Beispiel

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Ein Kommentar von Frank Stenglein, Redaktionsleiter der WAZ Essen.

Foto: WAZ

Neben dem Desaster der Essener SPD hat der Aufstieg der Grünen das Zeug, die politische Landschaft in Essen zu verändern.

Angesichts der bundesweiten Zahlen bei dieser Europawahl mag es nicht wirklich überraschen, aber eine Zäsur ist es doch: Erstmals bei einer Wahl seit Gründung der Bundesrepublik ist die SPD in Essen nur noch drittstärkste Kraft. Nur knapp reichte es noch für die „zwei“ vor dem Komma. Ein Desaster, das noch vor wenigen Jahren undenkbar erschien. Blickt man zwei, drei Jahrzehnte zurück, als die SPD in Essen - egal bei welcher Wahl - ein Dauer-Abonnement für absolute Mehrheiten hatte, wird der Absturz noch deutlicher.

Ebenso sensationell ist der Aufstieg der Grünen. In ihrer traditionellen Hochburg Rüttenscheid schaffen die Grünen fast 34 Prozent und deklassieren CDU und SPD. Aber nicht nur in den Vierteln des gut betuchten, ökobewussten Bürgertums liegen die Grünen weit vorn. Auch in Huttrop oder Frohnhausen, nicht unbedingt „geborene“ Grünen-Stadtteile, sind sie klar stärkste Partei. Im Essener Norden wiederum hält die AfD ihre relativ starke Position aus den vorhergehenden Wahlen, in Karnap oder Vogelheim ist sie zweitstärkste Kraft. Hier in seiner Heimat scheint auch der Name Guido Reil noch einige Zugkraft zu besitzen. Die CDU wiederum schafft nur mit Mühe Platz 1, die Grünen sind den Christdemokraten hart auf den Fersen. Vor allem im Norden hat die Partei des OB nicht allzuviel zu bestellen.

Immerhin: In Bochum und Dortmund ist es die CDU, die drittklassig ist.

Bei all dem ist klar: Eine Europawahl ist nicht ohne weiteres auf andere politische Ebenen zu übertragen. Bei einer Kommunalwahl etwa ist es derzeit schon wegen der starken personellen Polarisierung der OB-Kandidaten noch schwer vorstellbar, dass die Grünen derart abräumen und sich faktisch zur Volkspartei aufschwingen. Andererseits ist die politische Landschaft in einem Maße in Bewegung geraten, dass nichts mehr unmöglich ist. Vielleicht sollten die Essener Grünen mal nach einem geeigneten Kandidaten Ausschau halten. Das könnte spannend werden.

Oberbürgermeister Thomas Kufen, der in anderthalb Jahren um seine Wiederwahl kämpfen muss, dürfte sich das Ergebnis dieser Europawahl jedenfalls sehr genau ansehen. Einfacher wird es nicht, Essen zusammenzuhalten, zwischen Rüttenscheid und Altenessen etwa liegen ausweislich des Wahlergebnisses Welten. Andererseits ist die allgemein zu beobachtende Spaltung der Gesellschaft in Essen sicherlich nicht gravierender als anderswo.

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