Geschichte

Das verpfuschte Leben des letzten Krupp

Träume gab es viele, die Leitung von Stahlwerken war nicht darunter: Arndt von Bohlen und Halbach und seine spätere Frau Hetty von Auersperg Ende der 1960er Jahre in Hippie-Kluft

Träume gab es viele, die Leitung von Stahlwerken war nicht darunter: Arndt von Bohlen und Halbach und seine spätere Frau Hetty von Auersperg Ende der 1960er Jahre in Hippie-Kluft

Foto: WAZ

Essen.  Wurde der „letzte Krupp“, Arndt von Bohlen und Halbach, zu Unrecht um sein Erbe gebracht? Der Autor Hanns-Bruno Kammertöns hält auch in der Neuauflage seiner Biografie an dieser These fest, und Berthold Beitz kommt dabei nicht gut weg.

Schon die Oma wusste: Geld allein macht nicht glücklich. Bei nur wenigen Reichen stimmt diese Binsenweisheit so auffallend wie bei den Krupps. Fast könnte man sagen: Von Generation zu Generation wuchsen neben dem Vermögen auch das Unglück und die Depressionen, kam der Tod immer früher. Höhepunkt in diesem Sinne ist Arndt von Bohlen und Halbach, der einzige Sohn des letzten Alleininhabers. Als er 1986 mit nur 48 Jahren an Krebs starb, erlosch mit ihm die direkte Linie der persönlichen Eigentümer, die das Unternehmen über 150 Jahre geleitet hatten. In Hanns-Bruno Kammertöns hat Arndt von Bohlen einen einfühlsamen Biografen gefunden, dessen 1998 vorgelegte Lebensbeschreibung demnächst leicht ergänzt neu auf den Markt kommt.

Arndts Leben, so schillernd es ist, füllt offenbar dennoch nur mühsam ein komplettes Buch. Denn bevor Kammertöns zu seinem Helden kommt, beschreibt er über gut 100 Seiten erst einmal die Geschichte von Firma und Familie von den Anfängen an. Sicherlich wird hier mancher Erzählstrang gelegt, den der Autor später wieder aufgreift, dennoch ist dieser lange Anlauf etwas ermüdend, zumal an Überblicksdarstellungen ja kein Mangel mehr herrscht.

Ein abwesender Vater, eine Mutter auf Sinnsuche, eine skeptische Familie

In Teil zwei wird’s interessanter. Kammertöns, Essener vom Jahrgang 1953, hatte Zugang zu einigen von Arndts Weggefährten und kann mit ihrer Hilfe dieses ebenso exzentrische wie von Grund auf verpfuschte Leben aufblättern. Ein abwesender, jahrelang gar eingekerkerter Vater, eine Mutter, die im Sohn den Sinn ihres Lebens meint sehen zu müssen, eine Familie, die zwischen großer Skepsis und riesigen Erwartungen changiert, eine Jugend in Internaten: Auch robusteren Naturen hätte diese Ausgangsbasis zu schaffen gemacht.

Nachdem es in jungen Jahren schien, als würde der 1938 in Berlin geborene Erbe in die Krupp-Rolle hineinwachsen, muss seinem Vater um 1960 klar geworden sein, dass eine andere Lösung zwingend ist. Tatsächlich ließ Arndt bereits erkennen, dass man ihm guten Gewissens das Schicksal des damals größten deutschen Unternehmens mit seinen gut 100.000 Beschäftigten nicht hätte anvertrauen können. „Arndt war hochintelligent, aber er hatte keine Lust zu arbeiten.“ So fasste Berthold Beitz das Dilemma zusammen. Die Operation Erbverzicht erforderte indes Zeit und Umsicht, denn wer verzichtet schon freiwillig auf ein Milliarden-Vermögen?

Beitz überredete Arndt zum Erbverzicht

Was Alfried Krupp, dem großen Schweiger, nie gelungen wäre, das gelang dem Ersatzvater: Beitz konnte Arndt 1966 zur entscheidenden Unterschrift überreden - gegen zwei Millionen D-Mark Apanage pro Jahr. Das „Playboy“-Dasein, das Arndt da bereits führte, nahm nun Fahrt auf, wurde Lebensinhalt. Er konsumierte Unmengen an Alkohol und Drogen, verfiel falschen Freunden und Hofschranzen, die ihn ausplünderten, gab sich Spinnereien hin und unterzog sich Dutzenden riskanter Schönheitsoperationen, die seinen frühen Tod besiegelten.

Man ist geneigt, die gefundene Lösung im Sinne der Firma daher für die beste zu halten. Kammertöns sieht das anders. Er meint, seinem Helden wurde bitter unrecht getan, Beitz wird fast in die Nähe eines Erbschleichers gerückt. Gleichzeitig schildert der Autor aber schonungslos, wie kaputt an Körper und vor allem Seele Arndt von Bohlen war. Arndt wirklich als Konzernlenker? Analytisch konnte der Autor in dieser Schlüsselfrage schon bei der Erstauflage nicht überzeugen. Nichts geändert hat sich auch an Kammertöns Kolportage-Ton, der im kritischen Duktus daherkommt, tatsächlich aber altbacken wirkt. Man fühlt sich über weite Strecken an die schwadronierenden Krupp-Bücher der 1970er Jahre erinnert. Schade.

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