Fotografie

Das ungeschminkte Ruhrgebiet auf Zollverein in 200 Bildern

Chargesheimer hat das Ruhrgebiet porträtiert. Hier: die Arbeit am Hochofen.

Chargesheimer hat das Ruhrgebiet porträtiert. Hier: die Arbeit am Hochofen.

Foto: Carl-Heinz Hargesheimer (Chargesheimer) / Ruhr Museum

Essen.   Das Essener Ruhrmuseum auf dem Gelände der Welterbe-Zeche Zollverein zeigt 200 Aufnahmen zum Bildband des Kölner Fotokünstlers Chargesheimer, der 1958 die Gemüter im Revier erregte. Herausgekommen ist ein Panorama des alten Reviers mit all seinen Ecken, Qualmen und Kanten, nostalgisch, aber nicht sentimental.

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Vier Millionen Fotos im Ruhrmuseum, zwei Millionen im Krupp-Archiv und 100.000 exquisite Aufnahmen im Museum Folkwang – willkommen in der Fotografie-Hauptstadt Ruhrgebiet. Als der Pott noch kochte und alles andere als bildschön anmutete, hat er die Fotografen gereizt, wegen seiner Extreme, wegen seiner Kontraste. Aber keiner von ihnen hat einen derartigen Wirbel ausgelöst wie der Kölner Chargesheimer: Als im Herbst 1958 sein opulenter, großzügiger 121-Seiten-Bildband „Im Ruhrgebiet“ erschien, erregten sich zahllose Politiker in Protestbriefen.

Der Essener Oberbürgermeister Nieswandt schrieb indigniert von „grauenerregenden Wohnhöhlen“ und „verzerrten Gesichtern“, der Gelsenkirchener Oberstadtdirektor ließ sich gar zu dem alten Nazi-Begriff „Entartung!“ hinreißen, Bochums Bürgermeister war enttäuscht, diesen Band nicht „als repräsentative Gabe an besonders interessierte Besucher der Stadt Bochum und für Zwecke der Stadtwerbung verwenden zu können“. Die Stadtoberen waren nur heroische Großaufnahmen von Bergleuten, Stahlarbeitern und gigantischen Hochofenkulissen gewohnt. Und wollten das neue, aufstrebende, moderne Ruhrgebiet in Szene gesetzt sehen.

Aschentonnen! Wäscheleinen!

Chargesheimer aber, ein Kölner Original und Schüler des späteren Folkwang-Fotolehrers Otto Steinert zudem, ging zusammen mit seinem Freund Heinrich Böll auch da hin, wo es wehtat, wo es stank - unter Tage nach Schweiß und Öl und Angst, über Tage nach Kokerei und Kappes. Nun, fast sechs Jahrzehnte später, zeigt das Ruhrmuseum nicht nur die Aufnahmen des Bandes, für den heute im Antiquariat zum Teil über 200 Euro verlangt werden, sondern auch 150 der 1500 Negative, die Chargesheimer für seinen Bildband angefertigt hat. An den Bunkerwänden der ehemaligen Kohlenwäsche von Zollverein entsteht in diesen 200 vergrößerten Schwarzweiß-Aufnahmen ein Panorama des alten Ruhrgebiets, das draußen vor der Tür immer seltener wird.

Aschentonnen! Wäscheleinen! Mit Doppelripp-Wäsche dran! Eine Zeitungsverkäuferin am Bahnübergang und wilder Straßenfußball zwischen den Rinnsteinen. Kinder in löchrigen Bollerhosen, alte Männer im grob geflickten Pullover und Gesichter, wie es sie heute gar nicht mehr gibt, weil sich harte Arbeit und schlechte Luft in sie eingegraben haben. Allgegenwärtig: Die Ruinen des Zweiten Weltkriegs, der gerade mal 13 Jahre her war. Und: „Man schuf hier Industrielandschaft“, schrieb Heinrich Böll, „doch dieser Begriff, der so nüchtern klingt, ist nur eine romantische Verklärung der Tatsache, dass die Industrie hier Landschaft getötet hat ohne eine neue zu bilden.“ Heute wächst Gras darüber, rings um die auf schicke Rostmoderne getrimmte Industriekultur.

Frauen an der Werkbank

Doch Chargesheimer, der 1924 als Karl-Heinz Hargesheimer in Köln geboren wurde, ging auch auf die Rennbahn und zu den Taubenzüchtern, er fotografierte Frauen an der Werkbank (was nicht ins Buch kam) und Kinder auf dem Schulweg, den Bauern mit Pferd vor der Halde, Lebenlust auf der Kirmes und in Kneipen. Und er kam stets nahe an die Menschen heran, die sich ihm ungekünstelt, unverstellt präsentierten. Seine grandios

grobkörnige Nahaufnahme eines Hauers, dessen Pupille sich ahnungsvoll nach oben aufs Hangende richtet, ist eine fotografische Großtat. Oder der Kumpel mit dem Abbauhammer: scharf ist die kohlenstaubgesprenkelte Hand im Vordergrund, auf die jetzt alles ankommt, dass der Blick dieses Mannes eisern konzentriert ist, spricht selbst noch aus der Unschärfe. „Der Mann hat eine unglaubliche Trefferquote bei den Motiven“, sagt Stefanie Grebe, die Fotografin und Kuratorin, die das Material gesichtet und aufgearbeitet hat.

Chargesheimers radikal eigenwilliger Blick war der Weg zu einem Höchstmaß an Realismus. Deshalb blickt man auf diese Bilder heute mit ein bisschen Nostalgie, aber ohne in Sentimentalität zu baden.

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