Stadtentwicklung

Darum hört RKI-Chef Lothar Wieler auf Zollverein genau hin

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Der Klangkünstler Andres Bosshard hatte zum Hörspaziergang auf das Gelände der Zeche Zollverein eingeladen. Mit dabei auch Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts. Anlass war eine Konferenz unter dem Thema: „Stadt der Zukunft“.

Der Klangkünstler Andres Bosshard hatte zum Hörspaziergang auf das Gelände der Zeche Zollverein eingeladen. Mit dabei auch Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts. Anlass war eine Konferenz unter dem Thema: „Stadt der Zukunft“.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen-Stoppenberg.  Wie eine Stadt der Zukunft schaffen, die nicht krank macht? Das ist Thema auf Zollverein – unter anderem bei einem Hörspaziergang.

Wie sieht eine lebenswerte Stadt von morgen aus? Und was hat die Akustik damit zu tun? Um das herauszufinden, hat sich eine Gruppe an der Essener Zeche Zollverein am frühen Morgen getroffen.

Hier kracht ein Tor zu, dort pfeift der Wind um Gebäudemauern. Vögel ziehen vorüber, eine murmelnde Schülergruppe nähert sich. Zwei Frauen heben schnell ihre Rollkoffer hoch, als sie auf eine intensiv hinhörende Ansammlung von Menschen stoßen. Andres Bosshard ruft ihnen scherzhaft zu: „Rollen Sie bitte weiter. Sie bekommen auch eine Gage von mir.“ Der Schweizer ist Klangarchitekt und weist auf die Industriearchitektur rundherum: „Eine unheimlich schöne, schlafende Stadt. Hier war früher ein riesiges Getöse, und jetzt ist Stille.“ Mit einer Gruppe von „städtischen Hör-Performern“ steht er vor Halle 12 und lässt sich auf ein klangliches Experiment ein. Bosshard ruft laut: „Es gibt hier einen Echo-Stern. Die Wände denken mit. Sie hören auf mich.“

Essener haben sich längst an tägliche Geräuschkulisse gewöhnt

So mancher der Sound-Spaziergänger schmunzelt. Prof. Dr. Lothar Wieler soll hier gleich über „künftige Herausforderungen für Public Health in Deutschland“ aus Sicht seines Robert Koch-Instituts sprechen. Doch nun hält er sich weiß-rote Baustellenkegel an die Ohren und lauscht. Wieler lächelt. „Unglaublich, oder?“ ruft ihm Andres Bosshard zu. Er macht den Teilnehmern seiner Hörspaziergänge eindringlich bewusst, was ansonsten im hektischen Alltag untergeht: „Hört ihr den Sound der zuschlagenden Türen?“ Auf der Türschwelle bleibt er stehen: „Hört ihr, wie dieser Raum ganz anders summt? Dieses Summen müsste eigentlich von einem Klanggärtner behandelt werden. Wenn wir jetzt durch diese Tür gehen, kommen wir in einen anderen Hör-Ort. Hier das Rauschen und da das Klopfen. Das ist das Hör-Erlebnis.“

Wir Menschen haben uns längst an die tägliche Geräuschkulisse gewöhnt. Unangenehme Klänge unterdrücken wir bis zu einem gewissen Punkt. Und trotzdem reagiert unser Organismus, indem er in den Alarmmodus schaltet. Lärm kann so krank machen.

Tagung auf Zollverein: „Urbane Gesundheitslandschaften der Zukunft“

Doch wie eine Stadt der Zukunft schaffen, die nicht krank macht? Mit Prof. Christa Reicher vom Institut für Städtebau und europäische Urbanistik der RWTH Aachen organisiert Prof. Dr. Susanne Moebus auf Zollverein die Tagung „Urbane Gesundheitslandschaften der Zukunft“. Namhafte Experten aus den Fächern Raumgestaltung, Gesundheit und Umwelt diskutieren darüber, wie Städte in nachhaltige, gesunde und gerechte Orte transformiert werden können.

Susanne Moebus ist Biologin und Epidemiologin. Sie leitet das Institut für Urban Public Health am Uniklinikum Essen. Das Forschungsfeld des neuen Instituts rücke die Stadtbevölkerung als Ganzes in den Mittelpunkt: „Was hält sie gesund? Wie müsste ihr Lebensumfeld idealerweise organisiert sein?“ lauten die Fragen etwa. Als Epidemiologin wünsche sie sich eine Rückkehr der „sozialen Medizin“, die im 19. Jahrhundert für Synergien zwischen Stadtplanung und öffentlicher Gesundheit gestanden habe. Das Problem seither: „Die meisten Ärzte konzentrieren sich auf Individualmedizin, Stadtplaner auf Infrastruktur und Wirtschaftsinteressen.“

Akustik wirkt sich unablässig und in vielfältiger Weise auf die Gesundheit und das Wohlbefinden des Menschen aus. Glatte Oberflächen, zum Beispiel Asphalt oder Glas, reflektieren den Schall, er wird hin und her geworfen und führt zu Lärm. Poröse und raue Oberflächen sorgen für einen weichen Klang. Der Schall wird gestreut, was die Ohren schont. Materialien wie Holz, Natursteinmauern oder auch Pflanzen helfen. Doch viel zu viele Bauvorhaben lassen immer noch Klangliches außer Acht.

Geräuschkulisse bewusst wahrnehmen – Hörspaziergänge machen es möglich

Andres Bosshard geht es im Wesentlichen darum, zu erkunden, wie Architektur das Klangempfinden beeinflussen kann. Dafür muss man die Geräuschkulisse bewusst wahrnehmen, sich auf das Hören konzentrieren. Wenn man dann auch noch über das Empfinden redet, bekommen Klänge eine ganz andere Bedeutung: „Wenn ein Lkw vorbeifährt, werden wir für einen Moment hör-blind. Wenn dagegen jemand vorbeiradelt und klingelt, fühlt es sich an wie Glück.“

Zum Abschluss seines akustischen Rundganges empfiehlt Andres Bosshard den Teilnehmern ein die eigene Wahrnehmung schärfendes tägliches Hör-Ritual: „Morgens vor die Tür treten, erst einmal ohne Ziel ums Haus herumlaufen, genau hinhören und dann erst losfahren.“

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