Tierschutz

Pelzmode heute: Was Essens letzter Händler darüber sagt

Angelika und Jens-Jörg Geißler betreiben im Essener Girardet-Haus das letzte Pelzgeschäft der Stadt. Es gebe kaum noch Neukäufe, berichtet Geißler. 95 Prozent der Aufträge seien Änderungen: Viele lassen den Pelz nach innen legen, auch aus Scham.

Angelika und Jens-Jörg Geißler betreiben im Essener Girardet-Haus das letzte Pelzgeschäft der Stadt. Es gebe kaum noch Neukäufe, berichtet Geißler. 95 Prozent der Aufträge seien Änderungen: Viele lassen den Pelz nach innen legen, auch aus Scham.

Foto: Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Essen.  Essens letzter Pelzhändler sagt: „Pelz ist kein Luxus, sondern ein Gebrauchsgegenstand.“ Pelz sei nicht teuer, sondern umweltfreundlich.

Wer heute einen Pelz tragen will, der schämt sich. Und bringt seinen Mantel womöglich etwas verschüchtert zu Jens-Jörg Geißler ins Rüttenscheider Girardet-Haus, dort betreibt Geißler mit seiner Frau Angelika ein Pelz-Studio, und Geißler, gelernter Kürschner, näht den Mantel dann um.

„Der Pelz“, berichtet der 63-Jährige, „soll heute lieber innen getragen werden. Die Leute wollen nicht mehr, dass man ihn sieht.“ Außen neue, wasserabweisende Mikrofaser. Innen der alte Pelz. So geht das heute.

Alte Pelze werden umgearbeitet – das Fell kommt nach innen

Herzlich willkommen in der Welt der Pelz-Mode, sie geht vermutlich gerade unter. „Wir verkaufen kaum noch neue Pelze“, sagt Geißler, „95 Prozent sind Änderungsarbeiten.“ Folglich ist sein Geschäft an der Südseite des Girardet-Hauses das letzte seiner Art in der Stadt; vor wenigen Jahren gab der Traditionsbetrieb Fischer in der Friederikenstraße auf, Anfang des Jahres machte in Werden „Welmer“ dicht, der neben Antiquitäten auch noch Pelze hatte.

Dabei war Essen mal richtig wichtig in Sachen Pelzmode: Das liegt an Boecker, früheres Essener Traditionsunternehmen mit vielen Filialen im Ruhrgebiet; am Kennedyplatz gab es das Herren- und das Damenhaus, und die Pelz-Abteilung zählte wahrscheinlich zu den gefragtesten in NRW. Auch Jens-Jörg Geißler hat dort gearbeitet, nähte mit seinen Kollegen Pelzjacken und -mäntel als Prototypen, die danach in Serie gingen.

Der Niedergang der Pelze begann, als Schauspielerin Brigitte Bardot Tierschützerin wurde

Seit 2004 sitzt Geißler im Girardet-Haus. „Der Ruf der Pelzmode ging kaputt, als Brigitte Bardot in den Siebziger Jahren öffentlich damit anfing, Pelze zu verbrennen.“ Trotz aller Artenschutz-Abkommen, die seit den Achtziger Jahren deutschland- und weltweit in Kraft traten und bis heute verhindern sollen, dass die Felle geschützter Tiere verarbeitet werden: Die Leute behielten stattdessen die Bilder von Robben im Kopf, die mit Holzprügeln totgeschlagen werden. Und heute wird der vegane Lebensstil immer populärer, der nicht nur auf Fleisch, sondern auf alle Tierprodukte verzichtet.

Voller Körpereinsatz für den Tierschutz
Voller Körpereinsatz für den Tierschutz

„Natürlich verarbeiten wir nur Pelz, der erlaubt ist“, sagt Geißler, „Großkatzen, Wölfe, Otter – das geht alles gar nicht, und das gibt es auch nicht.“ Stattdessen verbreitet sei der Nerz aus Extra-Pelzzuchten, ein neuer Mantel beginnt preislich vielleicht bei 3500 Euro, „und Sie können auch 15.000 Euro ausgeben.“ Doch Pelz, betont Geißler, sei „kein Luxus, sondern Gebrauchsgegenstand“.

Kunstfaser ist umweltschädlich – „doch darüber redet niemand“

Der hohe Anschaffungspreis mache sich durch die Langlebigkeit eines Pelzes bezahlt; ein Pelz sei schmutz- und wasserabweisend, und umweltfreundlich sei der Pelz im Übrigen auch: „Anders als Kunstfaser verrottet der Pelz. Und die Herstellung der Kunstfaser ist auch umweltschädlich, aber darüber redet ja kaum jemand.“

Stattdessen gibt es nicht wenige Pelzmantel-Besitzer, die bei Geißler Tarn-Maßnahmen in Auftrag geben: „Ein geschorener Nerz sieht aus wie Kunstfaser.“ Nicht wenige lassen ihre langhaarigen Pelze entsprechend kurzschneiden, umarbeiten, und am besten dann noch färben – so sieht das Naturprodukt plötzlich wirklich aus wie ein Stück aus der Fabrik.

Da betritt eine Dame das Pelzgeschäft, sie hat ihren Mantel kürzen lassen, er ist aus dem Jahr 1993. „Und jetzt werd’ ich demnächst draußen angespuckt?“, fragt sie spöttisch bei der Anprobe. Geißler schmunzelt. Nein, nicht alle Besitzer von Pelzmänteln schämen sich oder haben Angst. „Es ist ein Unding“, sagt Geißler, „dass ein hervorragendes Produkt so in Verruf geraten ist.“

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