Corona

Corona: Warum Essen seit Wochen niedrige Infektionswerte hat

Eine Passantin mit Mundschutz auf der Kettwiger Straße – sind die Menschen in dieser Stadt vernünftiger als andernorts, wo wegen privater Feiern die Infektionszahlen in die Höhe schnellen?

Eine Passantin mit Mundschutz auf der Kettwiger Straße – sind die Menschen in dieser Stadt vernünftiger als andernorts, wo wegen privater Feiern die Infektionszahlen in die Höhe schnellen?

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Corona: Die Infektionszahlen in Essen sind – anders als in anderen NRW-Städten – seit Wochen stabil. Doch das kann sich schlagartig ändern.

Während in einigen NRW-Städten die Infektionszahlen dramatisch steigen, ganze Schulen wieder schließen müssen und landesweit die Regeln für private Feiern verschärft werden, bleiben die Werte in Essen seit Wochen stabil auf vergleichsweise niedrigem Niveau. Der wichtige Inzidenzwert (Zahl der Neu-Infektionen der letzten sieben Tage pro 100.000 Einwohner) liegt in Essen seit Tagen rund um die 20; in Remscheid liegt er jetzt bei 71, in Hamm bei 95. Ab 50 gilt der Wert als gefährlich.

Gesundheits-Dezernent Peter Renzel warnt: „Die Lage ist nicht stabil, auch wenn die Zahlen das vermeintlich vorgeben. Die Situation kann sich jederzeit ändern – wir brauchen nur ein folgenschweres Großereignis wie in Hamm.“ Dort hatte eine türkische Hochzeit für den massiven Anstieg der Infektionszahlen gesorgt. „Es ist erkennbar“, sagt Renzel, „dass auch in Essen die Mehrzahl der Neu-Infektionen im privaten Umfeld stattfinden.“ Also nicht in Bus und Bahn, auch wenn die Ruhrbahn regelmäßig Fahrgäste ohne Maske ihrer Fahrzeuge verweist. Also auch nicht in Kindergärten und Schulen, auch wenn die Liste der Einrichtungen, die einen positiven Corona-Fall in ihren Reihen melden, täglich länger wird. Mit der Kita „Blauer Elefant“ in Karnap musste jetzt erstmals eine komplette Betreuungseinrichtung schließen. Eine Erzieherin wurde positiv getestet, jetzt muss vorsorglich das ganze Personal zu Hause bleiben.

„Dezentrale Testungen“ – für sie wurde die Stadt im Frühjahr häufig kritisiert

Ulf Dittmer, Direktor des Instituts für Virologie am Uniklinikum, sagt: „Es ist pure Spekulation, aber vielleicht sind die Essener ja vernünftiger als Menschen in anderen Städten.“ Ein Groß-Ereignis, das zu einem exponentiellen Ansteigen der Fallzahl geführt hätte, habe es in Essen jedenfalls noch nicht gegeben. „Das kann sich natürlich jeden Tag ändern, auch wenn das nicht zu hoffen ist.“

Klar ist aber auch, dass das Essener System der so genannten „dezentralen Testungen“ offenbar funktioniert, auch wenn die Kommune im Frühjahr dafür viel Kritik einstecken musste. Es gibt in dieser Stadt, anders als anderswo, weder Massen-Tests noch zentrale Anlaufstellen für Abstriche. Wer Symptome hat, ruft die Bürger-Hotline (1238888) an. Drei Mannschaften der Feuerwehr sind täglich in der Stadt unterwegs, um bei den Erkrankten zu Hause Proben zu entnehmen. „Die Bio-Task-Force der Feuerwehr“, sagt Dittmer, „die täglich im Einsatz ist und 50 bis 100 Proben am Uniklinikum abliefert, kennt sofort jeden Fall und ist im Gespräch. Sie bindet auch das Gesundheitsamt sofort ein. Das ist effektiver, als wenn Sie mit dem Auto an einer zentralen Abstrich-Stelle irgendwo vorfahren.“

Entscheidend: Test-Resultate aus dem Klinikum liegen schnell vor

Sehr entscheidend für die dauerhafte Eindämmung des Virus’ sei vor allem die Kürze der Zeit, bis ein Test-Ergebnis vorliegt. „Die Umfeld-Analysen beginnen mit dem positiven Test-Ergebnis“, sagt Dittmer. „Wir haben im Uniklinikum jedes Test-Ergebnis in 24 Stunden vorliegen. Das hilft enorm dabei, die Infektionsketten zu unterbrechen. Wenn – wie anderswo – erst mehrere Tage vergehen, bis ein positives Ergebnis vorliegt und Umfeld-Analysen starten, dann kann sich das Virus in dieser Zeit weiter ausbreiten.“

Gesundheits-Dezernent Peter Renzel räumt ein, dass nur die Uniklinik-Tests so schnell ausgewertet seien - dort, wo Hausärzte Abstriche nehmen und ins Labor schicken, dauere es auch durchaus mehrere Tage.

Das ist die AHA-Regel: Abstand, Hygiene, Alltagsmaske

Dauerhaft seien die Zahlen aber nur niedrig zu halten, wenn sich alle Bürger an die „AHA-Regel“ hielten: A wie Abstand, H wie Hygiene, A wie Alltagsmaske. „Wir“, sagt Renzel, „tun unser Möglichstes. Aber das erwarten wir auch von den Bürgern.“ Weil die Zahl der Infektionen unter den 19- bis 30-Jährigen derzeit besonders hoch ist, mahnt Renzel: „In manchen Teilen der Jugend gibt es eine gewisse Unvernunft. Da kann man nur sagen: Es ist noch lange nicht vorbei!“

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