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Coronavirus: Wie Essener schutzbedürftigen Nachbarn helfen

Mit dem erforderlichen Abstand bringt Antje Hochfeldt vom Helferteam für Essen die Einkäufe zu Ingrid Höhmann.

Mit dem erforderlichen Abstand bringt Antje Hochfeldt vom Helferteam für Essen die Einkäufe zu Ingrid Höhmann.

Foto: Foto / sag

Essen.  „Helferteams für Essen“ sind gestartet: Hunderte haben sich im ganzen Stadtgebiet gemeldet. Es gibt Einkäufe und Dankbarkeit – wie in Altenessen.

Rotkohl und Bohnen stehen im Schrank, ein bisschen Leberwurst und Kartoffeln sind noch da. Ingrid Höhmann hat ihre Wohnung nun seit über einer Woche nicht verlassen, weil sie 82-Jahre alt ist, dann im Vorjahr die Operation und die vielen Bitten ihrer Nichte und Bekannten: „Bleib’ zu Hause.“ Ihre Einkäufe erledigt nun Antje Hochfeldt (52), die sich der Aktion „Helferteam für Essen“ angeschlossen hat, wie hunderte weitere Freiwillige im gesamten Stadtgebiet. An der Wohnungstür gibt es Käse, Fleisch, Mandarinen – ein Gespräch und ganz viel Dankbarkeit.

Ingrid Höhmann hat zuvor einen Einkaufszettel geschrieben, hat Geld in den Umschlag gelegt, den Antje Hochfeldt abgeholt hat. Alles natürlich in dem notwendigem Abstand, zum Schutz für beide Seiten. „Bitte niemandem die Hand geben“, hat die Tochter der 52-Jährigen noch mit auf den Weg gegeben. Sie kenne die Vorgaben, hat die vierfache Mutter ihr versichert.

Verständnis für die Situation der alleinstehenden Senioren

Die gelernte Friseurin arbeitet seit einigen Jahren schon als Kantinenkraft, doch ihr Arbeitsplatz wurde wie so viele in der Corona-Krise geschlossen. „Ich habe also Zeit, und auch ich habe eine Mama, die alleinstehend ist“, sagt die Helferin, die ebenfalls in Altenessen lebt und erleichtert ist, dass ihre Schwester sich um die Mutter in Hessen kümmert.

Anderen zu helfen, die jetzt zu den gefährdeten Menschen zählen, das ist für Antje Hochfeldt selbstverständlich. Es mache nicht einmal besondere Umstände, sagt sie: „Ich wäre für mich und meine Familie ohnehin in den Supermarkt gefahren.“ Zuvor die Einkaufsliste abzuholen, an der Kasse die beiden Einkäufe zu trennen und vorbeizubringen – sie winkt ab, für sie nicht der Rede wert. Voll sei es allerdings im Supermarkt gewesen und die Stimmung unter den Kunden mitunter gereizt.

Der Kontakt ist über die Gemeinde entstanden

Erfahren hat die Altenessenerin von der Hilfsaktion per Mail aus ihrer Gemeinde, in der die Tochter demnächst zur Konfirmation geht. Ins Leben gerufen hat diese Nachbarschaftshilfe Michael Druen (33) vor rund einer Woche, er leitet das Ehrenamtsmanagement der evangelischen Kirche. Derzeit koordiniert er die zahllosen Hilfsangebote, die aus dem gesamten Stadtgebiet bei ihm landen. Dazu tauscht er sich auch mit der Ehrenamt-Agentur aus.

Rund 500 Nutzer seien der Facebook-Gruppe beigetreten („Helferteam für Essen“), 300 Freiwillige hätten sich gemeldet, mehr als 100 seien ab sofort einsatzbereit und bereits geschult etwa in puncto Hygiene, sagt er zu den Zahlen. Hinter diesen stecken Essener aus beinahe allen Stadtteilen, die in der Krise für andere da sein möchten: Darunter Helfer in Karnap, Bedingrade, Bergerhausen, Burgaltendorf, Frillendorf, Stoppenberg, Frohnhausen, Überruhr, Kray oder Kupferdreh. Sie gehen einkaufen, holen Medikamente ab oder führen den Hund aus.

Viele Ansprechpartner in den Gemeinden vor Ort

„Es gibt inzwischen viele Ansprechpartner in den Gemeinden vor Ort, die nah an den Menschen sind“, sagt Michael Druen zu den Standorten und Strukturen, die sie innerhalb weniger Tage auf die Beine gestellt haben. Er leitet Hilfegesuche und Angebote Freiwilliger weiter, hat mit seinen Mitstreitern Leitfäden entwickelt. Sie versorgen die Beteiligten mit Informationen, Handschuhen und Desinfektionsmittel: „Letzteres ist nur nicht mehr ganz so einfach“.

Für die Ehrenamtlichen gibt es Flyer, mit denen sie in ihren Vierteln für die Nachbarschaftshilfe werben können. „Wir halten zudem nach, wer wann wo ist“, erklärt der 33-Jährige. Das sei Mitnichten ein Misstrauen den vielen Helfenden gegenüber, vielmehr diene das der Sicherheit, um im Ernstfall mögliche Infektionsketten zu unterbrechen, sagt der Initiator und schickt weitere Helfer los: zwei rücken in Karnap aus, drei in Werden.

Nichte arbeitet als Krankenschwester

In Altenessen hat die Pfarrerin den Kontakt vermittelt, hat nachgefragt, ob Ingrid Höhmann Hilfe benötigt. „Ich habe mich schon gefragt, was ich nur tun soll“, sagt diese erleichtert. Denn zuvor hatte sich ihre Nichte aus Wuppertal gemeldet und gesagt, dass sie nicht kommen könne. „Sie arbeitet im Krankenhaus, hat viel zu tun, und das Risiko wäre zudem zu groß gewesen“, sagt die 82-Jährige.

Stattdessen klingelt an diesem Mittag Antje Hochfeldt, legt die beiden Einkaufstaschen und das Wechselgeld auf de Fußmatte, während die Seniorin in der Wohnung wartet. Sie halten Abstand und kommen sich dann doch näher im Gespräch. Sie leben unweit voneinander entfernt. Antje Hochfeldt stammt aus Friesland, Ingrid Höhmann ist in Altenessen geboren, aufgewachsen und geblieben.

Urlaub mit dem Ehemann und Ausflüge mit der Bekannten

Sie hat die Karlschule besucht, hat nach ihrem Schulabschluss in einem großen Nähsaal gearbeitet, Nachthemden, Blusen sowie Kittel genäht und später mehr als 30 Jahre lang die Büros im Fernmeldeamt gereinigt. Verlassen hat sie Essen mit ihrem Mann zweimal im Jahr, immer im Frühling und Herbst für vier Wochen, „immer in unsere Ferienwohnung in Sonthofen“, erinnert sie sich an die Reisen ins Allgäu.

Ingrid Höhmann ist nach dem Tod ihres Mannes unternehmungsfreudig geblieben. „Mit meiner Bekannten habe ich Ausflüge ins Sauerland unternommen“, berichtet sie. Bei den Treffen in ihrer Gemeinde genießt sie jedes Mal, Bekannte wiederzusehen, mit ihnen zu plauschen. Das vermisst sie nun, und fragt sich wie so viele andere auch, wie lange diese Ausnahmesituation wohl anhalten werde.

Situation in Italien hat ihr Angst gemacht

Von den Gruppen Jugendlicher, die sich kürzlich am Baldeneysee versammelt haben, habe sie in der Zeitung gelesen, sagt sie verständnislos. Als im Fernsehen dann über die Corona-Pandemie und die vielen Toten in Italien berichte wurde, hat sie umgeschaltet. „Das hat mir Angst gemacht.“

Die 82-Jährige wird weiterhin in ihrer Wohnung bleiben, „dabei habe ich jetzt einen neuen Rollator, der mir Sicherheit gibt“, sagt sie und kann es natürlich kaum erwarten, wieder nach draußen an die Luft zu können. Bis dahin kommt Antje Hochfeldt gern wieder. „Ich würde mich freuen, ich kenne sie ja jetzt“, sagt Ingrid Höhmann zum Abschied.

Verabredung für die Zeit nach der Corona-Krise

Später wird die 82-Jährige zum Kaffee ein Stück Schokoladenkuchen essen, den die Helferin für sie eingekauft hat. Bevor die beiden Frauen aber nach diesem Kennenlernen auseinandergehen, verabreden sie sich noch: zum Eisessen im Altenessener Allee-Center – für die Zeit nach der Corona-Krise, die sie nun zusammengeführt hat.

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