Corona-Krise

Corona: Essener Bars und Kneipen wettern gegen Sperrstunde

Ingrid Ampütte serviert Bier unter Corona-Bedingungen. Ab Samstag (17. Oktober) gilt die Sperrstunde, ab 23 Uhr ist Schluss.

Ingrid Ampütte serviert Bier unter Corona-Bedingungen. Ab Samstag (17. Oktober) gilt die Sperrstunde, ab 23 Uhr ist Schluss.

Foto: Kim Kanert / FUNKE Foto Services

Essen.  Ab Samstag gilt in Essen eine Sperrstunde in der Gastronomie. Wirte fürchten um ihre Existenz – und stellen klare Forderungen an die Regierung.

„Unser Laden hat zwei Weltkriege überlebt, wir überstehen auch Corona“, sagt Patrick Ampütte, der in dritter Generation die Kneipe Ampütte in Essen-Rüttenscheid führt. Von einer Sperrstunde in Essen für Bars, Restaurants und Kneipen hält er nichts. „Ich bin ja eher für kontrolliertes Trinken“, sagt der Wirt. „Wenn wir unsere Gäste um 23 Uhr rauswerfen müssen, trinken die halt im privaten Partykeller oder im Vereinshaus weiter.“ Eine Sperrstunde führe dazu, dass man die Kontrolle aus der Hand gebe.

Während einige Ruhrgebietsstädte bereits Anfang dieser Woche eine Sperrstunde für die Gastronomie verhängt hatten, gab es sie in Essen noch nicht. Die neue Corona-Verordnung der Landesregierung NRW von Freitag, 16. Oktober, sieht allerdings nun eine verpflichtende Sperrstunde für Essen vor. Sie tritt in allen Städten in Kraft, in denen der 7-Tage-Inzidenzwert von 50 überschritten wird. Sie gilt von 23 bis 6 Uhr, wie der Pressemitteilung der Stadt zu entnehmen ist.

Die Stadt will die Kontrollen verstärken, um die Einhaltung der verschärften Corona-Regeln sicherzustellen. „Wir werden unsere Anstrengungen erhöhen, schon jetzt am Wochenende. Dafür haben wir bereits die Polizei um Amtshilfe gebeten“, sagt Stadtsprecherin Jasmin Trilling.

Essen: Gastronomen fürchten Sperrstunde der neuen Corona-Verordnung

„Wir haben unter der Woche normalerweise bis 2 Uhr und am Wochenende bis 5 Uhr offen, nachts machen wir den meisten Umsatz“, sagt Ampütte. Eine Sperrstunde verringere seinen Umsatz um 50 Prozent, vermutet er. „Wir Gastronomen haben alles getan, um Hygienevorschriften umzusetzen, es ist nicht fair, wenn wir jetzt wieder einen auf den Deckel kriegen.“

Völlig entspannt blickt der Chef des Restaurants Oase Due, Franco Cadamuro, der Sperrstunde entgegen. „Sie ist ein Segen – dann kann ich früher im Bett liegen“, sagt er und lacht. Er habe viele Stammkunden. „Die kommen einfach eine Stunde früher. Für mich ist die Sperrstunde kein Problem.“ Die Besuchszeiten würden sich ein wenig anders verteilen.

„So eine Entscheidung zerstört Existenzen“

Schräg gegenüber der Oase Due ist die Disko 19 Down. Der Betreiber, Bastian Herzogenrath, hatte nach dem ersten Lockdown seine Diskothek in eine Bar verwandelt, indem er auf die Tanzfläche Tische und Stühle gestellt hatte. Die Öffnungszeiten bis spät in die Nacht hatte er beibehalten. „Aufgrund der unsicheren Lage mit der Sperrstunde diese Woche habe ich den Laden zugelassen“, sagt er. Dabei sei sein Konzept gut angenommen worden, er sei immer voll ausgelastet gewesen.

„Finanziell war das nach dem ersten Lockdown extrem wichtig. Er sei Familienvater. „Die Polizei hat uns die letzte Zeit massiv kontrolliert, hier war sogar eine Hundertschaft. Sie hat keinen Tatbestand festgestellt.“ Er wisse noch nicht, wie er mit der Sperrstunde umgehe. „Wahrscheinlich lasse ich den Laden dann erstmal zu.“

Patrick Sokoll, Betreiber der Goldbar im Südvierte l, sagt: „Ich finde die Sperrstunde für Gastronomen unverhältnismäßig und unproduktiv.“ Seine Bar werde vor allem von Studenten besucht, die machen dann halt nach der Sperrstunde woanders weiter. „So eine Entscheidung zerstört Existenzen, ich mache Umsatz vor allem nach 23 Uhr. Ich finde, wir sind genug gebeutelt von den Corona-Maßnahmen“, sagt Sokoll.

„Jetzt brauchen wir vom Sozialstaat Hilfe.“

Er rechnet schon ohne die Sperrstunde mit Umsatzeinbußen von 80.000 Euro. „Miete und andere Verpflichtungen laufen ja weiter.“ Um den Verlust zu kompensieren, hat er verschiedene Überlegungen. Sicher sei er aber noch nichts. „Vielleicht entlasse ich Leute, vielleicht arbeite ich selbst wieder mehr hinter dem Tresen, vielleicht mache ich den Laden zu, bis die Sperrstunde nicht mehr gilt.“ Es sei billiger, den Laden zu schließen, als ihn unter den drohenden Bedingungen hochzufahren.

Sokoll fordert von Bund und Land mehr finanzielle Unterstützung für das Gaststättengewerbe. „Wir sollen alle Maßnahmen der Politik umsetzen, aber keiner sagt uns, wie wir das bezahlen sollen.“ Die Politik müsse eine klare Perspektive aufzeigen, die fehle gerade komplett. Er habe jahrelang Steuern gezahlt, um das soziale System zu stützen. „Jetzt brauchen wir vom Sozialstaat Hilfe.“

Mehr aus Essen: Den Newsletter hier kostenlos bestellen

Leserkommentare (2) Kommentar schreiben