Corona

Corona Essen: Drei Stunden Schlangestehen für eine Spritze

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Nicht nur am Grillo-Theater, auch an der Messe Essen bildeten sich bei der Impfaktion der Stadt Essen lange Schlangen.

Nicht nur am Grillo-Theater, auch an der Messe Essen bildeten sich bei der Impfaktion der Stadt Essen lange Schlangen.

Foto: F.S. / WAZ

Essen.  Die Stadt Essen bietet Corona-Impfungen ohne Termin an. Wer das Angebot wahrnimmt, braucht Geduld und warme Kleidung. Ein Erfahrungsbericht.

Was ist eigentlich aus meiner langen Unterhose geworden? Es dürfte etwa eine Stunde vergangen sein, als mir dieser Gedanke kommt. Das gute Stück hatte ich vor Jahren für eine winterliche Reise nach Moskau gekauft. Die Investition hat sich damals sehr bezahlt gemacht. Kalt war’s. Seitdem habe ich sie nicht mehr getragen. Nun aber wäre mehr Feinripp wieder angesagt. Längst ist die Kälte bis in den Letzten meiner Knochen vorgedrungen. Ich ziehe meine Mütze noch etwas tiefer ins Gesicht, versenke die Hände in den Jackentaschen und tanze von einem Fuß auf den anderen. Einige Leute vor und hinter mir machen es genauso. Von weitem betrachtet, muss das lustig aussehen.

Im Impfzentrum in der Messe Essen war ich nach 30 Minuten wieder draußen

Warum wir denn hier in der Schlange stehen, will ein junger Mann wissen, der zufällig am Grillo-Theater vorbeikommt. Es soll nicht der einzige neugierige Passant sein, der uns diese Frage stellt. Bei allem Respekt vor der künstlerischen Klasse des Grillo-Ensembles – aber für Premierenkarten steht hier niemand an. Alle, die hier in der Kälte stehen, wollen sich impfen lassen. So auch ich.

Fünf Monate sind vergangenen, seit ich meine zweite Spritze bekommen habe, damals im Impfzentrum in der Messe Essen, mit Termin. Nach nicht einmal 30 Minuten war ich wieder draußen. Beim Hausarzt habe ich einen Termin für eine Booster-Impfung bekommen, allerdings erst in sieben Wochen. Da wäre der Impfschutz schon stark reduziert. Die Stadt Essen bietet Impfungen an verschiedenen Orten im Stadtgebiet an, unkompliziert und ohne Termin. Also nehme ich das Angebot der Stadt dankbar an. Doch nun frage ich mich, ob es wirklich eine gute Idee war, sich anzustellen.

Die Schlange reicht eineinhalbmal um das Grillo-Theater herum

Dass es lange dauern könnte, war ja abzusehen, als ich um kurz vor 17 Uhr am Theater ankam. Das Ende der Schlange musste ich erst einmal suchen. Die reichte eineinhalbmal um das ganze Gebäude herum. In Höhe der Rathausgalerie, dort wo früher Vapiano Pizzen aus dem wärmenden Ofen zauberte, reihe ich mich ein und bin längst nicht der Letzte.

Nur: In Fahrt kommt hier gar nichts. Voran geht es wenn überhaupt im Gänsemarsch. Oder gar nicht. Anfangs nehmen wir es noch mit Humor. Nach mehr als einer Stunde bleibt nur noch Galgenhumor. Das freundliche Pärchen vor mir verteilt Plätzchen. Der junge Mann hinter mir, bittet mich, seinen Platz in der Schlange frei zu halten, er wolle sich schnell beim Bäcker einen Kaffee holen. Einige haben Thermoskannen dabei, andere versorgen sich auf dem nahen Weihnachtsmarkt. Ein Glühwein, das wäre was. Aber Alkohol verbietet sich vor einer Impfung und auch danach. Schade.

Nach etwa zwei Stunden haben wir das Kulissenhaus erreicht. Die Wetter-App zeigt vier Grad an. Jetzt noch ein halbes Mal rum ums Theater, dann sind wir drin. Im Warmen. Hoffentlich. Wer so weit gekommen ist, gibt nicht mehr auf. Zum Glück müssen sich die Älteren unter uns diese Tortur nicht antun. Helfer holen sie aus der Schlange und führen sie an den Wartenden vorbei ins Gebäude. Niemand beschwert sich darüber. Alle haben dafür Verständnis. Überhaupt läuft alles sehr diszipliniert und ruhig ab. Ein Helfer zollt uns dafür Respekt. Auch sie tun ihr Bestes. Ob die Stadt aber nicht viel mehr tun müsste, sollen sich mehr Bürger impfen lassen – diese Frage stelle wohl nicht nur ich mir.

Erst am Ende geht dann alles ganz schnell

Die letzten Meter, das Ziel vor Augen, werden zur Qual, die Beine schwer. Am Eingang hält uns eine Sicherheitskraft noch einen Moment auf, weil das Foyer überfüllt ist. Dann geht alles ganz schnell. Ein Helfer prüft meinen Anamnese-Bogen, den mir eine Helferin in die Hand gedrückt hatte, damit ich ihn ausfülle. Das ist ewig her. Ihre Kollegin gibt meine Daten in einen Computer ein. Wie viele noch draußen stehen, will jemand wissen. Die Apotheke habe nachgefragt. Offenbar wird der Impfstoff knapp.

Wenige Minuten später bekomme ich meine Spritze in den Oberarm. Pflaster drauf. Das war’s. Es ist 20.10 Uhr. Wir, die wir mehr als drei Stunden gemeinsam in der Schlange gestanden haben, verabschieden uns: „Bleiben Sie gesund.“ Gegen das Coronavirus bin ich nun wohl besser geschützt. Aber hoffentlich habe ich mir da draußen nicht den Tod geholt.

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