Stadtgeschichte

Chronik Essen: Manhattan-Vergleich sorgt 1972 für Kritik

| Lesedauer: 14 Minuten
Ein neuer recht großmäuliger Stadtprospekt sorgt 1972 für Belustigung und Kritik.

Ein neuer recht großmäuliger Stadtprospekt sorgt 1972 für Belustigung und Kritik.

Foto: Marga Kingler

Essen.  Was waren Essener Nachrichten vor Jahrzehnten? Hier sammeln wir regelmäßig Beiträge, die wir in unserem Archiv finden. Zur wachsenden Chronik.

Was ist in Essen vor genau 30, 40 oder 50 Jahren passiert? Regelmäßig wollen wir an dieser Stelle einzelne Ereignisse herausgreifen und Ihnen kurz vorstellen. Für Nachrichten von damals dient uns unser Zeitungsarchiv als Basis, wobei wir uns bemühen, so oft wie möglich den Bogen in die Gegenwart zu schlagen: Wie hat sich ein Ereignis, eine Planung weiterentwickelt? Mit der Zeit sollen immer mehr kurze Texte hier zu finden sein.

21. Januar 1972. Dick aufzutragen ist bei der Eigenwerbung von Städten durchaus üblich, und auch Essen macht da keine Ausnahme – ganz im Gegenteil. Schon sehr früh gab es die Neigung, die zwar stadtbildprägende, aber doch am Ende bescheidene Essener Hochhaus-Gruppe mit New York in Verbindung zu bringen.

So auch im neuen Stadtprospekt, der mit dem Slogan wirbt: „Essen – das ist eine Prise Manhattan mit einem Schuss Herzlichkeit und Charme.“ Die Zeitungsredakteure im Jahr 1972 fühlten sich peinlich berührt. Werbung dürfe sicherlich übertreiben, müsse aber „stimmen und wahrhaftig bleiben“. Und das sei hier nicht gewahrt.

Noch andere Stilblüten greifen die Kritiker auf. „Essen-City - das Paradies für Autofahrer und Fußgänger“ sorgt da ebenso für Belustigung, wie die „Grüne Welle für Naturfreunde – auch im Zentrum“. Und weiter: „Das schönste Messegelände Europas“ kann Essen angeblich ebenso für sich reklamieren wie eine breite Sportanlagen-Landschaft, die keine Wünsche offen lasse. Dies allerdings wurde erst jüngst bei einer Umfrage von heimischen Sportlern sehr viel weniger enthusiastisch bewertet, wird spitz angemerkt.

Und wenn es heiße, Essen sei „ein Zentrum für Kunst- und Kulturbesessene“, so verwundere nicht nur das Wording, vielmehr müsse auch festgehalten werden, dass das Folkwang-Museum als einzige Spitzen-Institution „unter Wert verkauft“ werde. Fazit: Prospekt nicht gelungen.

Stadtplanungsamt umtreibt erste Pläne für das Univiertel

20. Januar 1982. Die Universität und die Innenstadt räumlich näherrücken zu lassen und Barrieren zu beseitigen: Das ist ein Wunschtraum der städtischen Planer, der allerdings nur sehr zäh vorankommt. Das riesige Gelände des Großmarktes zwischen Friedrich-Ebert-Straße und der noch bestehenden Güterzugstrecke ist dabei das Herzstück. Vor 40 Jahren wird die Idee konkretisiert, hier ein neues Wohngebiet entstehen zu lassen, es soll aber auch einen Kirmes- und Zirkusplatz geben, der den Gildehofplatz ersetzen soll, dessen Bebauung beschlossen ist. Das ehemalige Verwaltungsgebäude des Großmarktes soll erhalten bleiben und als Dienstsitz für städtische Ämter dienen.

All das wird noch oft verworfen und modifiziert, doch bei dem Plan, hier ein großes Wohngebiet zu etablieren, bleibt es. Erst um das Jahr 2010 herum, also fast 30 Jahre später, sind die Vorbereitungen soweit gediehen, dass endlich mit dem Bau des Univiertels begonnen werden kann, dessen Schlusspunkt dann die Fertigstellung der Funke-Zentrale im Jahr 2019 war. Ob es gelang, die Universität entscheidend besser an die Innenstadt anzubinden, darüber gehen die Meinungen bis heute auseinander.

Überschreitung der Grenzwerte noch unter der Schwelle zum Smogalarm

19. Januar 1982. Mal wieder dicke Luft in Essen: Wegen der im Winter häufigen austauscharmen Wetterlage werden die Grenzwerte für Luftschadstoffe teilweise überschritten, teilt die Landesanstalt für Immissionsschutz mit. Die Folgen spüren viele Essener: Kopfschmerzen, trockener Hals und Hustenreiz machen vielen zu schaffen. Besonders im Essener Norden wie überhaupt in der industriereichen Emscherzone hat sich die Schadstoffanreicherung in der Luft erheblich verstärkt. Ursachen ist eine Sperrschicht in wenigen hundert Metern Höhe, die verhindert, dass die belastete Luft abziehen kann.

Mit einem Smogalarm, bei dem Industrie und Verkehr zurückgefahren werden müssten, sei aber nicht zu rechnen, so die Landesbehörde. Zwar würden die Grenzwerte, die einen Smogalarm rechtfertigen, punktuell auch im Essener Norden bereits überschritten, doch gebe es keine flächendeckende Belastung. Drei Jahre später wird das anders sein, der Verkehr muss für einige Tage weitgehend ruhen.

Immissionsschützer raten aber zumindest, schon jetzt das Autofahren einzuschränken und das vielerorts noch übliche Verbrennen von Abfall zu unterlassen. Herz-, Kreislauf- und Asthma-Kranken wird empfohlen, Aufenthalte im Freien zu vermeiden.

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Run auf Ladenlokale in der Essener Innenstadt

18. Januar 1992: Firmen aus dem Ausland drängen in Essener City“, lautete vor 30 Jahren eine Überschrift in unserer Zeitung. 140 Firmen hätten Essener Makler beauftragt, ihnen für ihre Filialen Ladenlokale in der Einkaufsstadt zu vermitteln. Laut der Makler-Erhebung entwickelten sich die Ladenmieten im Vergleich zum Vorjahr nur in Essen, Berlin, Münster, Marburg und Offenbach überdurchschnittlich.

Sehr gefragt sind damals Kettwiger und Limbecker Straße. In solchen 1a-Lagen könnten in Essen Spitzen-Ladenmieten erzielt werden wie sonst in Berlin, München, Frankfurt und Hamburg. Wegen der Nachfrage internationaler Firmen rechnen die Makler mit einem weiteren Anstieg der Ladenmieten.

30 Jahre nach diesem Boom in der City leiden Kettwiger und Limbecker Straße unter Leerständen und die Stadt fördert die Ansiedlung von Geschäften finanziell.

Für Essener Raser brechen härtere Zeiten an

15. Januar 1972. Autofahrern, die allzu rasant unterwegs ist, drohen auf Essens Straßen härtere Zeiten. Die Polizei hat technisch aufgerüstet und ein modernes Radargerät im Einsatz, das sich unauffällig am neuen Radarwagen, einem Ford 20 M, anbringen lässt. Zum „Scharfmachen“ der alten, klobigen Anlage war ein Kleintransporter nötig, „den gewiefte Kraftfahrer schon von weitem ausmachen konnten“, wie die Lokalzeitung schreibt.

So funktioniert es: Ein vier Meter breiter Messstrahl wird über die Fahrbahn gelegt. Kreuzt ein Auto den Strahl, reflektiert es einen Teil der Strahlen, und ein Rechner misst auf dieser Basis die Geschwindigkeit. Wurde sie überschritten, erfolgt ein Impuls zum Fotoapparat, alle Daten werden automatisch eingeblendet. „Vor jedem Gericht ein hieb- und stichfester Beweis von dem Sündenfall“, heißt es.

Mit dem alten Gerät, das weiter in Betrieb bleibt, konnten im Jahr 1971 genau 4253 Essener Autofahrer überführt werden – nicht eben eine große Zahl. 2173 waren so schnell unterwegs, dass eine Anzeige fällig war, die anderen kamen mit einer Verwarnung davon. Mit dem neuen Gerät hofft die Polizei auf eine großere Ausbeute an Temposündern.

Evag will 30 Prozent mehr für die Fahrscheine – Demos und Blockaden sind die Folge

14. Januar 1972. Um 30 Prozent will die Essener Verkehrs AG (Evag) die Fahrpreise erhöhen – ein Plan, der nicht ohne Widerspruch bleibt. In einer Zeit, in der vor allem die jungen Deutschen das Demonstrieren lernen, hat dieser happige Preissprung auch in Essen Folgen: „Unter dem Schlachtruf: 50 Pfennige sind genug, alles andere ist Betrug“, demonstrieren rund 1000 Menschen in der Essener Innenstadt. Aufgerufen dazu hat ein „Aktionskomitee Roter Punkt“.

Rund 300 Demonstranten blockieren schließlich die Straßenbahnschienen am Nordausgang des Hauptbahnhofs – vor dem U-Bahn-Bau ein stark frequentierter Knotenpunkt des Essener Straßenbahnnetzes. Die herbeigerufene Polizei-Hundertschaft kann die Blockade zwar nicht dulden, zückt aber auch nicht die Knüppel (was damals nicht selten war), sondern deeskaliert und fordert achtmal erfolglos zum Verlassen der Schienen auf. , aber ohne Gewalt von der Straße. Die Demonstranten erfreuen sich dabei aufmunternder Rufe unbeteiligter Passanten, denen das Vorgehen der Evag offenbar ebenfalls gegen den Strich geht.

Der drastische Preis-Schritt des Verkehrsbetriebs erklärt sich aus dem seit einigen Jahren wachsenden Defizit, das man zunächst hatte laufen lassen und dass die Essener Politik nur teilweise bereit ist auszugleichen. In einem emotionalen Parteitag hatte die Essener SPD auf Wunsch von Oberbürgermeister Horst Katzor deshalb 1971 – nach kontroversen, und wie man sieht, wohl berechtigten Diskussionen.

In Kupferdreh sollte 1982 am Baldeneyseeufer ein riesiger Freizeitpark entstehen

13. Januar 1982. Die Gegend am Kupferdreher Baldeneyseeufer ist nicht etwa geprägt von begehrten Wohnlagen, sondern von ehemaligen und noch aktiven Industriebetrieben. Ein Heisinger Finanzmakler will hier nun ein Freizeitprojekt für 75 Millionen D-Mark gründen. Kern des gigantomanischen Plans sind ein 450-Betten-Hotel, ein großer Schwimm- und Sportbereich sowie eine künstliche „Altstadt“ mit nicht weniger als 60 Gastronomiebetrieben und einem Jachthafen am See. Realisiert werden soll der Vergnügungspark mit dem, neckischen Namen „BalMa“ (steht für Baldeneysee und Marina) auf dem Gelände der ehemaligen Zeche Prinz Friedrich. Der Investor hatte auch bereits ein Freizeitkonzept für das Gelände der Zeche Carl Funke entworfen, scheiterte allerdings an der ungeklärten Frage der Verkehrsanbindung.

Auch gegen „BalMa“ gibt es bereits Proteste. Die Kupferdreher Sportvereine setzen darauf, dass die Stadt auf dem Gelände die versprochene Mehrzweckhalle baut, angeblich sei auch dies auf dem Gelände noch möglich, heißt es. Aus den ehrgeizigen und wohl auch etwas überspannten Plänen wird indes nie etwas werden. Nur die Mehrzweckhalle wird tatsächlich gebaut.

Vor 50 Jahren: Bordell-Umzug kommt in Essen nicht von der Stelle

11. Januar 1972: Die Verlegung des Bordells Stahlstraße, zu der sich die Stadt Essenwegen der entstehenden Universität gezwungen sieht, kommt vor 50 Jahren nicht von der Stelle. „In dieser Frage bin ich mit meinem Latein so ziemlich am Ende“ stöhnt der städtische Baudezernent Dr. Hans Helm, nachdem eine Bürgerversammlung des CDU-Ortsverbands Altstadt im Streit endete.

Nachdem 16 Standorte untersucht wurden, bleibt „als am ehesten vertretbar“ die Glashüttenstraße im Ostviertel übrig, aber auch dort wehren sich die Anwohner gegen die Prostituierten und ihre Kunden. Auch Krupp, auf deren Flächen im Westviertel die Stadt ein Auge geworfen hat, will den Umzug nicht unterstützen. Man möge Krupp „damit verschonen, als Weltfirma in den Ruf zu kommen, dafür etwas herzugeben“, heißt es.

Helm will nun beim Land NRW darauf dringen, die Stadt aus der Verpflichtung zu entlassen, wegen der Uni das Bordell zu verlegen: „Wir sollten den Betrieb dort lassen, wo er ist, hohe Mauern um die Stahlstraße ziehen und den Komplex durch Baumbepflanzung abschirmen.“ So wird es kommen, noch heute befindet sich das Bordell in der Stahlstraße.

Vor 40 Jahren: Stadt Essen bekämpfte den Wohnraum-Leerstand

7. Januar 1972: Die Essener Stadtverwaltung hat den berüchtigten Kölner Häusermakler Günther Kaußen in die Knie gezwungen – zumindest ein bisschen. Nach Androhung eines Millionen-Bußgelds hat Kaußen 233 leerstehende Wohnungen in Essen entweder verkauft oder vermietet. 22 Mietobjekte sind noch unbewohnt, auch zu diesen erwartet die Stadt Essen noch eine Erklärung von Kaußen. Unter Druck gesetzt hat die Stadt den Immobilienhändler auch mit der Drohung, sein Eigentum zu beschlagnahmen und Asylbewerber dort unterzubringen.

Basis für das Vorgehen der Stadt ist ein Gesetz über Zweckentfremdung von Wohnraum, das zum Ziel hat, über längere Zeit leerstehende Immobilien zur Linderung der Wohnungsnot nutzen zu können.

Günther Kaußen gründete aus kleinen Anfängen ab Ende der 1950er Jahre einen Immobilienkonzern, indem er damals billige Altbauten erwarb und diese unsaniert teuer vermiete oder als Spekulationsobjekte nutzte. So gelang es ihm, 1966 mit der Fried. Krupp AG ins Geschäft zu kommen und die zur 1965 geschlossenen Zeche Vereinigte Helene & Amalie gehörenden Bergarbeitersiedlungen mit 4000 Wohnungen in Essen zu erwerben. Für Krupp-Mieter, die eher eine fürsorgliche Wohnungspolitik gewohnt waren, geriet der Eigentümerwechsel oft zu einem Schock.

Vor 50 Jahren: Bei Krupp begannen neue Chef-Querelen

5. Januar 1972: Neue Querelen bei Krupp. Die große Finanzkrise hatte beim Essener Traditionskonzern ab 1967 die Eigentümerherrschaft zunächst faktisch beendet und die Manager an die Macht gebracht. Vor allem der neue, von den Banken installierte Vorstandsvorsitzende Günter Vogelsang erwirbt sich hier Meriten und bringt Krupp wieder aus der Überschuldung zurück in die positiven Bilanzen. Doch als vor genau 50 Jahren die Verlängerung seines Vertrages ansteht, lehnt Vogelsang dies ab.

Was war geschehen? Je solider der Vorstand arbeitete, je weniger Schulden drückten, desto mehr kommt ein Mann zurück ins Spiel, der einige Jahre faktisch draußen war: Berthold Beitz, der Vorsitzende der Krupp-Stiftung, der damals noch 100 Prozent am Konzern gehörten. Beitz und Vogelsang verbindet eine spannungsreiche Geschichte, die nun wieder in eine klare Hierarchie münden soll. Denn Beitz kann nach dem Rückzug der Banken als Vorsitzender in den Aufsichtsrat rücken und dort oberster Kontrolleur und letztlich Vorgesetzter von Vogelsang werden – was dieser partout nicht will.

„Der Hügel will wieder die Herrschaft übernehmen“, wird Vogelsang zitiert – und geht. Es wird der Beginn einer Ära, in der die Vorstandschefs bei Krupp manchmal nur Wochen durchhalten, bevor sie sich mit Beitz verkrachen.

Nach und nach erweitern wir diese Übersicht mit Nachrichten aus Essens Geschichte.

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