Tag der Wohnungslosen

Caritas Essen: Wohnungslosigkeit trifft auch Mittelschicht

Die Zentrale Beratungsstelle für Wohnungslose des Essener Diakoniewerks hat im vergangenen Jahr 1781 Frauen und Männer betreut.

Die Zentrale Beratungsstelle für Wohnungslose des Essener Diakoniewerks hat im vergangenen Jahr 1781 Frauen und Männer betreut.

Foto: Selina Sielaff / funkegrafik nrw

Essen.  Zum Tag der Wohnungslosen am 11. September räumt die Caritas Essen mit Klischees auf. So gibt es – anders als vermutet – auch wohnungslose Ärzte.

Sie sind vielleicht nicht typisch, aber es gibt sie eben doch: Den Zahnarzt und den Polizisten, die wohnungslos sind und von Sozialarbeiter Thorben Ehlhardt betreut werden. „Die arbeiten beide, haben aber aufgrund ihrer familiären Situation gerade keine Wohnung“, erklärt Ehlhardt, der im Projekt „Wohnungslose unterstützen, beraten und begleiten“ (Wubb) arbeitet, das in Essen von Caritas und Diakoniewerk getragen wird.

Zum Tag der Wohnungslosen am 11. September möchte der Essener Caritasdirektor Björn Enno Hermans auf ein größer werdendes Problem hinweisen: Zwar habe Essen gerade im Vergleich zu teuren Metropolen wie München oder Köln noch immer moderate Mietpreise, doch auch hier mache sich ein Anstieg bemerkbar. Und: „Es gibt eine große Konkurrenz um die kleinen, günstigen Wohnungen für den Ein-Personen-Haushalt.“ Von Flüchtlingen über Menschen, die in betreuten Einrichtungen für Jugendliche oder psychisch Kranke wohnen, von Studenten bis zu Frauen, die auf Zeit im Frauenhaus untergekommen sind.

Große Konkurrenz um den günstigen Wohnraum

Das habe zur Folge, dass sich auch die Vermieter einfachen Wohnraums in weniger begehrten Stadtteilen „die Mieter aussuchen können“, sagt Hermans. Sprich: Es sind heute mehr Menschen in einer finanziellen Notlage oder nach einer Scheidung von Wohnungslosigkeit bedroht. Betroffene wie der Polizist oder der Zahnarzt landeten selten in der Notschlafstelle, sondern fänden meist einen Unterschlupf bei Freunden oder Verwandten. Doch einen solchen Freundschaftsdienst könne man schlecht über Wochen strapazieren.

Außerdem sei es nach der Verschärfung des Meldegesetzes gar nicht mehr so einfach, sich bei seinen Gastgebern auch offiziell zu melden. Daher benötigen viele Betroffene eine Meldeadresse: Die gab es bislang an der Essener Maxstraße, heute an der Lindenallee 55, wo auch viele Angebote für Wohnungslose beheimatet sind. 800 Klienten erhielten 1998 eine solche Meldeadresse, 2018 waren es bereits 1800.

Erst mit Meldeadresse gibt es Sozialleistungen

Wer Arbeit und ein gutes soziales Netz hat, finde auch heute in der Regel in zwei, drei Monaten eine neue Wohnung, sagt Ehlhardt. Mehr Aufwand betreibe das Projekt Wubb für all jene, die arbeitslos, psychisch krank, alkohol- oder drogenabhängig sind. Oft fehlt ihnen schon der Antrieb, sich an die durchaus zahlreich vorhandenen Angebote wie Bahnhofsmission, Suppenküche oder die zentrale Beratungsstelle für Wohnungslose zu wenden. Und darum gehen die drei Wubb-Mitarbeiter zu den Betroffenen.

Aufsuchende Sozialarbeit heißt das und erfordert viel Geduld und Beharrlichkeit von Ehlhardt und seinen Kollegen. Mit manchem habe er zehn Mal gesprochen, Hilfe angeboten, bis der zustimmte, „mal Klamotten aus der Kleiderkammer zu holen“. Was mit dem warmen Pulli beginnt, führt mitunter dazu, dass sich der Betroffene an der Lindenallee anmeldet und dadurch Sozialleistungen beantragen, sich um Krankenversicherung und Bankkonto bemühen kann.

Hilfe kann auch das Busticket ins Heimatland sein

Viel schwieriger sei es für jene Zuwanderer aus Rumänien, Bulgarien oder Polen, die mit großen Hoffnungen und geringen Sprachkenntnissen nach Essen kommen. Längst haben EU-Bürger keinen direkten Zugang mehr zum deutschen Sozialsystem, müssen erst nachweisen, dass sie hier ein Jahr lang einer geregelten Arbeit nachgegangen sind. Wubb nimmt auch sie an die Hand, versucht ein Abrutschen in prekäre Lebenslagen oder Kriminalität zu verhindern. Rund 70 Klienten aus Osteuropa haben im Jahr 2018 die Hilfe von Wubb in Anspruch genommen.

Hilfe könne übrigens auch heißen, die Heimreise zu organisieren, sagt Ehlhardt. „Viele merken selbst, dass sie es hier nicht schaffen, haben aber nicht mal das Geld für das Busticket.“ Das übernehme inzwischen das Amt für Soziales und Wohnen.

Dessen Leiter Hartmut Peltz weist darauf hin, dass man auch Geld in die Hand nehme, um eine drohende Wohnungslosigkeit abzuwenden. So werde das Amt für Soziales und Wohnen über jedes sogenannte Räumungsbegehren informiert, 2354 waren es im vergangenen Jahr. Am Ende kam es indes lediglich zu 685 Räumungen. Auch weil das Amt in einigen Fällen Mietschulden beglich, teils als Darlehen, teils als Beihilfe. Vielen anderen habe man geholfen, eine Wohnung zu finden: „So mussten am Ende nur 28 Betroffene zeitweilig in die Notunterkunft an der Liebrechtstraße ziehen“, sagt Peltz.

Im Oktober startet in Essen die vom Land finanzierte Initiative „Endlich ein Zuhause“, bei der ein Sozialarbeiter und eine Immobilienkauffrau Hand in Hand arbeiten. Sie werden Menschen aus der Notunterkunft Liebrechtstraße und aus der Notschlafstelle an der Lichtstraße bei der Wohnungssuche begleiten und auch nach einem Umzug weiter betreuen.

Ein Kaffee als vertrauensbildende Maßnahme

Und dann schwebt Peltz noch eine eigene Notschlafstelle für Frauen vor: Für sie gibt es an der Lichtstraße deutlich weniger Plätze als für Männer – und viele Frauen meiden die Unterkunft auch. „Frauen versuchen oft, bei einem guten Freund unterzuschlüpfen“, bestätigt Gabriele Schneider, die beim Caritasverband für das Thema zuständig ist. Darum bleibe ihre Wohnungslosigkeit oft unsichtbar: Dabei sei der vermeintlich gute Freund oft „gewalttätig oder ein Zuhälter“. Aber: Auch für die Frauen gebe es Angebote wie das Café Schließfach, wo sie erstmal keine guten Ratschläge bekommen, sondern ein Essen oder einen Kaffee – sozusagen als vertrauensbildende Maßnahme.

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