Essener Stadtteile (15)

Byfang: keine Geschäfte, keine Ampeln, kein Lärm

Die Sankt-Barbara-Kirche, benannt nach der Schutzpatronin der Bergleute, beherrscht die „Dorfmitte“ am Nöckersberg in Byfang.

Die Sankt-Barbara-Kirche, benannt nach der Schutzpatronin der Bergleute, beherrscht die „Dorfmitte“ am Nöckersberg in Byfang.

Foto: WAZ FotoPool

Essen.  Byfang ist dörflich und sehr katholisch, an die Blütezeit des Bergbaus erinnert der Stollen von „Prinz Wilhelm“. Eine Rundfahrt mit Willi Stötzel.

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Pferde. Überall Pferde. Ausgelassen traben sie mit wehender Mähne über die saftiggrüne Koppel, die dem SV Byfang 1919 einst als Sportplatz diente. Doch das ist lange her. Der Fußballklub hat längst fusioniert – genauso übrigens wie Borussia Byfang, auf deren Platz jetzt ebenfalls das Gras in die Höhe schießt. Willi Stötzel, Jahrgang 1925, ein Byfänger Original, kennt den von Kupferdreh, Burgaltendorf und Hattingen umfassten Stadtteil wie seine Westentasche. Byfang – das ist ein charmantes Dorf mitten im tosenden Ballungsraum. Was seine Heimat auszeichnet? „Die himmlische Ruhe“, erwidert der 90-Jährige spontan, „es ist hier so leise, dass du nachts schon wach wirst, wenn bloß ein Fahrrad vorbeifährt.“

Es scheint, als sei die Zeit im Essener Südosten stehen geblieben. Willi Stötzel lächelt und findet drollige Sätze, die sie auch in Hintertupfingen sagen könnten. „Bei uns gibt’s keine Ampeln, keine Zebrastreifen, kein Halteverbot, wir haben kaum Bürgersteige, keine Geschäfte, keine Polizei, keine Kriminalität.“

Malerische Fachwerk, enge Straßen, weite Felder

Ortsfremden fällt in Byfang auf Anhieb dies auf: das malerische Fachwerk alter Gehöfte und solide Fassaden aus Ruhrsandstein, die engen Straßen und weite Felder. Dass die Landwirtschaft über Jahrhunderte den Rhythmus der Byfänger vorgab, verraten allein schon alte Kotten wie „Happa Lünz“, „Klafta Kohlmann“ und „Heetnocken“. „Auf dem Hof Düsche soll die letzte Hexe verbrannt worden sein und am Hof Breuer stand einst ein Gerichtsbaum aus germanischer Zeit“, erzählt Stötzel. Jetzt erinnert hier ein Findling mit Bronzetafel an den heroischen – und siegreichen – Kampf gegen die Autobahn DüBoDo. Ebenfalls sehr sehenswert: das denkmalgeschützte und herausgeputzte Fachwerkhaus Kreutzenbeck auf dem Pothsberg, nicht weit davon „dat Dörpinghäusken“.

Es geht den Nöckersberg rauf und runter, hoch droben an der Landmarke Wasserturm sind’s 181 Meter über Normalnull, unten an der Ruhr nur 60. Kein Wunder, dass der Stadtteil zweigeteilt ist. Die Grenze verläuft etwa in Höhe des Hauses Kuhlhoff in Ost-West-Richtung. In der ehemaligen Volksschule Oberbyfang befand sich einst die Taubenklinik und in der früheren Lehranstalt in Unterbyfang hat Willi Stötzel das Lesen und Schreiben erlernt. „Ich erinnere mich gut an den kleinen Brunnen, den sie immer in der Pause für uns aufgedreht haben.“ Eine Zeit, in der Hochdeutsch für den kleinen Wilhelm übrigens eine Fremdsprache war. „Bei uns Zuhause wurde Plattdeutsch gesprochen.“

Drei Generationen auf Zeche

Früher als anderswo im Revier sollte der Bergbau in Byfang das Leben der Menschen von Grund auf umkrempeln. Morgens fuhren sie fortan am Pütt ein und nachmittags kümmerten sie sich auf ihrem Kotten um Schwein und Bergmannskuh. „Mein Opa und mein Vater waren Bergleute und auch ich legte auf Zeche Heinrich an.“

An die untergegangene Ära des Schwarzen Goldes erinnert heute nicht mehr viel: nur noch die alte Maschinenhalle von „Prinz Wilhelm“ und der Stollen an der Langenberger Straße. „Der Schacht war höchstens 1000 Meter tief“, erinnert sich Stötzel, „als Kinder haben wir gerne darin gespielt.“

Mieter klingt wie ein Fremdwort

Ein wenig erinnert Byfang an eine „geschlossene Gesellschaft“. Wohl auch, weil das Eigenheim seit jeher von Generation zu Generation weitergegeben wird und der Begriff Mieter klingt wie ein Fremdwort. „Ich kenne hier alle Nachbarn und man feiert gerne“, sagt Stötzel, der auf die traditionsreiche, katholisch geprägte Vereinslandschaft hinweist: auf den ältesten Verein etwa, den Wallfahrtsverein, und den legendären Karnevalsverein Wohltun von 1905, zu dessen Stützen er seit Jahrzehnten selber zählt.

Willi Stötzel ist ein Byfänger Urgestein. 19 Jahre jung war er, als er 1945 im zerlumpten Wehrmachtsrock von Frankfurt/Oder 800 Kilometer zu Fuß durchs verheerte Land bis in die Heimat marschierte. „Ich sah den Kirchturm von St. Barbara und wusste: Ich bin endlich wieder zuhause“, sagt er. Und fügt noch immer ergriffen hinzu: „Da liefen mir die Tränen.“

Alle bisher veröffentlichten Folgen finden Sie auf unserem Spezial zur Serie / Folge 28: Südostviertel / Folge 27: Margarethenhöhe / Folge 26: Heidhausen / Folge 25: Haarzopf / Folge 24: Altendorf / Folge 23: Stoppenberg / Folge 22: Werden / Folge 21: Holsterhausen / Folge 20: Dellwig / Folge 19: Rellinghausen / Folge 18: Horst / Folge 17: Südviertel / Folge 16: Rüttenscheid / Folge 15: Byfang / Folge 14: Schuir / Folge 13: Karnap / Folge 12: Bredeney / Folge 11: Fischlaken / Folge 10: Kray / Folge 9: Leithe / 8: Nordviertel / 7: Kettwig / 6: Frohnhausen / 5: Altenessen / 4: Kupferdreh / 3: Vogelheim / 2: Schönebeck / 1: Heisingen / zur Galerie mit allen Essener Stadtteil-Wappen

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