Zirkus

Burgaltendorfer Zirkus kämpft nach Trauerfall weiter

Die sechste Zirkus-Generation der Familie Sperlich: Jesse (15) und Naomi (17) zeigen unter anderem Nummern im Kunstreiten.

Die sechste Zirkus-Generation der Familie Sperlich: Jesse (15) und Naomi (17) zeigen unter anderem Nummern im Kunstreiten.

Foto: Knut Vahlensieck

Essen-Burgaltendorf.   Santo Sperlich hinterlässt eine 22-köpfige Familie und ein Unternehmen, das nun die fünfte Generation führt. Einst drehte er mit Freddy Quinn.

In der Manege unterhalten sie ihr Publikum mit Artistik, Jonglage und Kunstreiten: Gerade ist der Circus Holiday in die Saison gestartet. Privat aber hat die Familie Sperlich aus Burgaltendorf einen schweren Schicksalsschlag zu verkraften: Zirkusdirektor Santo Sperlich starb im Januar. Sohn Gino (39) tritt nun in die Fußstapfen seines Vorbildes, das einst mit Freddy Quinn vor der Kamera stand und Steffi Graf auf seinem Kinn balancierte. „Es fehlt aber vor allem der Vater, der in dem 22-köpfigen Familienunternehmen den Weg vorgab“, sagt Gino Sperlich.

Im Zirkus hat jeder seine Rolle, ist Akrobat, Reiter oder Techniker. Gleichzeitig springt jeder da ein, wo er gebraucht wird, füttert die Tiere oder baut die Sitztribüne im Zelt auf, das 800 Zuschauern Platz bietet. Wenn dafür allerdings die 160 Eisenstangen in den Boden müssen, „hat plötzlich jeder etwas anderes zu tun“, scherzt Gino Sperlich, der genau weiß, dass er sich auf jedes einzelne Mitglied verlassen kann: „Unser Zusammenhalt ist unerschütterlich.“

Handstandakrobat, Kunstreiter und gelernter Schweißer

Er selbst ist Handstandakrobat, Kunstreiter und gelernter Schweißer, trat mit bis zu sechs Nummern auf. Als Clown Gino bringt er sein Publikum am liebsten zu lachen. Es sei das Größte, wenn Zuschauer im Zelt den Alltag für zwei Stunden vergessen. Der Alltag von Gino Sperlich hat sich verändert. Er leitet den Zirkus nun in fünfter Generation. Zur sechsten zählen seine Tochter und drei Söhne. Mit dabei sind seine Mutter, die früher als Hochseilakrobatin auftrat, die Schwestern, Schwager, Cousins und Cousinen sowie Nichten und Neffen. Und seine Frau Diana, die ihren Beruf als Floristin vor 20 Jahren aufgab und zu ihrem Mann in den Wohnwagen zog.

Keine einfache Entscheidung, aber heute sei es so, als wäre Diana Sperlich in dieses Leben hineingeboren, finden die anderen Sperlichs. Sie ist zuständig für Licht- und Tontechnik, und derzeit auch für ihren neun Monate alten Sohn. Er wird später wie die anderen Kinder neben Akrobatik und Voltigieren auch Mathe und Biologie lernen und eine Ausbildung machen. Unterrichtet wird in der Zirkusschule, dafür ist ein Schul-Wohnwagen eingerichtet, die Lehrer reisen an. Im Winter besucht der Nachwuchs Schulen in Essen.

Im Winter findet Zirkusleben in Burgaltendorf statt

Dann spielt sich das Zirkus-Leben an der Worringstraße ab, Zelte und Fahrzeuge zu reparieren gehört dazu. Das Mietshaus samt Hallen für die Fahrzeuge und Weiden für die vier Pferde und zwei Lamas hat Santo Sperlich vor einigen Jahren gefunden, nachdem sie ihre Häuser im Sauerland verkaufen mussten.

Burgaltendorf ist längst ihre Heimat geworden, das Leben im Haus aber überlässt Gino Sperlich seiner Mutter und Schwester: „Ich bin im Wohnwagen geboren.“ Zu groß ist die Umstellung, wenn sie wieder losfahren. Und so bleiben die meisten Sperlichs an der Worringstraße in ihren mobilen Heimen mit Küche, Wohn-, Schlaf- und Kinderzimmer, in denen das Wasser im Winter schon mal gefriert.

Zirkusleben, sagt Gino Sperlich, sei ohnehin nur für diejenigen romantisch, die es von außen betrachten. Für Zirkusleute bedeutet das eine Sieben-Tage-Woche, inklusive ständiger Suche nach Mietplätzen, Knochenarbeit beim Auf- und Abbau bis nachts und aufwendiges Werben um Zuschauer. „Für den Auftakt an der Worringstraße haben wir persönlich 60 000 Flyer verteilt und zig Plakate aufgehängt.“

Ständiger Kampf ums Überleben

„Zirkus ist unser Leben“, sagt der 39-Jährige. Das bedeutet aber auch einen steten Kampf ums Überleben und regelmäßig Ärger mit Tierschützern. „Dabei kümmern wir uns um unsere Tiere, werden zudem vom Veterinäramt kontrolliert“, sagt er. Ganz ohne können er sich den Zirkus nicht vorstellen. Dass die Haltung von Elefanten schwierig sei, das bestreitet auch er nicht. Bereits sein Vater habe diese abgeschafft.

Santo Sperlich war im Kohlenpott zunächst als Puppenspieler unterwegs,

nachdem seine Eltern vor dem Zweiten Weltkrieg enteignet wurden und danach Theater spielten. 1980 gründete dann Santo Sperlich erneut einen Zirkus, schlug die Zelte deutschlandweit auf, balancierte bis zuletzt Kinder auf Stühlen auf seinem Kinn. Und einst eben auch die damals 17-jährige Steffi Graf, als sie von einem Tennisartikel-Unternehmen engagiert wurden.

In den 1990ern kam gastierten sie beim ZDF

In den 1990ern kam der Kontakt zum Fernsehen, sie gastierten drei Wochen beim ZDF. Das Ergebnis war die Serie mit Freddy Quinn: „Meine Freunde, die Artisten“. Zuletzt hielt Santo Sperlich den Zirkus auch mit seiner Idee über Wasser, im Sommer Hüpfburgen für Kinder anzubieten. Im Herbst kam dann die Diagnose: Krebs. Als der Zirkusdirektor im Januar mit 63 Jahren starb, erwiesen ihm rund 500 Schausteller und Zirkusleute auf dem Burgaltendorfer Friedhof die letzte Ehre.

Für die Familie geht es nun nach den Vorstellungen an der Worringstraße weiter nach Wuppertal. „Es ist eine schwere Zeit“, gesteht Gino Sperlich. Kraft schöpft der Sohn täglich aus den Worten, die sein Vater ihm beim Abschied auf den Weg gab: „Du schaffst das.“

>> VORSTELLUNGEN IN BURGALTENDORF

Die Vorstellungen des Circus’ Holiday sind am Samstag, 1. April, 16 Uhr, und am Sonntag, 2. April, 14 Uhr, in Burgaltendorf, Worringstraße 285.

Familie Sperlich besucht zudem regelmäßig Schulen und Kitas. Diese können dazu Kontakt aufnehmen.

Weitere Informationen zum Zirkus und zu Aufführungen gibt es unter: 0171-77 50 282