Graffiti-Festival

Bunte Bilder auf tristem Grau unter der Autobahn 42

Ingo Ahlborn und sein Partner David Hufschmidt veranstalten „Hafendampf“ zum fünften Mal.

Ingo Ahlborn und sein Partner David Hufschmidt veranstalten „Hafendampf“ zum fünften Mal.

Foto: Knut Vahlensieck

Essen-Bergeborbeck.   Im Essener Norden ist es zwischen Kohlehalden und Kanal bunter als an anderen Orten der Stadt. Dafür sorgt „Hafendampf“, das Graffiti-Festival.

Über den Köpfen poltern die Lkw über die A 42, da wo die Hafenstraße in die Vogelheimer Straße, die dann den Rhein-Herne-Kanal überquert, mündet. Alles sieht trist aus. Grau dominiert. Die Trostlosigkeit ist mit den Händen zu greifen, erst recht an Tagen, an denen selbst der Himmel durchweg grau schattiert ist.

Nur ein paar Meter weiter, vorbei an einem großen Berg Sperrmüll, aus dem der Regen ein schwarzes Rinnsal fließen lässt, tut sich völlig unerwartet eine Welt der Farben und Fantasie auf, die man überall erwartet hätte, nur nicht hier.

„Hafendampf, das ist unser Baby“

Ingo Ahlborn ist die Freude über das Erstaunen ins Gesicht geschrieben. Der 44-Jährige mit dem metallenen Ring im linken Ohrläppchen hat zu Teenagerzeiten mit dem Sprayen angefangen. Seit fünf Jahren veranstaltet er mit David Hufschmidt das Graffiti-Festival „Hafendampf“. Das nächste, das fünfte, findet am 9. und 10. September (jeweils ab 11 Uhr) statt. „Das ist unser Baby“, sagt Ingo Ahlborn. „Hafendampf“, das sei eines der größten Festivals seiner Art in Deutschland, wenn nicht in Europa. Zur fünften Auflage werden wieder zwischen 70 und 100 Künstler aus dem In- und Ausland erwartet.

Der Ort ruft zwiespältige Gefühle hervor

Im eigenen Land bzw. der eigenen Stadt gelten die Sprayer nicht so viel wie im Ausland. „Wir bekommen Glückwünsche aus Japan für unser Festival“, sagt Ingo Ahlborn mit Stolz, um dann ernüchtert hinzuzufügen: „Hier kennt uns kein Mensch.“ Dem Ort des Festivals steht Ingo Ahlborn durchaus zwiespältig gegenüber. „Die Arbeiten sieht kaum jemand“, weiß der 44-Jährige. Hierher könne man sich eigentlich nur verlaufen. Andererseits sei der Ort mit seinen mächtigen Brückenpfeilern wie ein Dom für Graffiti-Künstler.

16 Pfeiler mit mehreren hundert Quadratmetern

Das wundert nicht. Hunderte Quadratmeter grauen Betons an 16 Pfeilern flehen geradezu darum, mit Farbe fürs Auge freundlicher gestaltet zu werden. „Einen Bretterzaun auf dem Kennedyplatz würden zwar mehr Menschen sehen, er würde aber nicht diese Möglichkeiten bieten“, sagt Ingo Ahlborn. Eine dieser Möglichkeiten ist die etwa 30 mal 10 Meter große Wand, die man erreicht, wenn man durch die Säulen gewandelt ist. Sie wird wieder von den „Jukebox Cowboys“ aus Hamburg gestaltet werden. „Eine Säule wird von Essener Jugendlichen unter Anleitung eines Künstlers im Rahmen des Kulturrucksacks gestaltet“, sagt Geraldine Böttcher. Die Sozialarbeiterin ist beim Jugendamt, das „Hafendampf“ von Beginn an unterstützt, für Jugendkultur zuständig.

Gerüste sind im Etat nicht vorgesehen

Die Künstler klettern auf Leitern, um die höchsten Stellen ihrer Werke zu erreichen. Gerüste wären praktischer, sind im Etat des Veranstalters aber nicht vorgesehen. „Unter normalen Bedingungen wäre das Festival nicht zu stemmen. Die Künstler sprayen hier aber überwiegend kostenlos. Denen, die von weiter weg kommen, wird eine Unterkunft zur Verfügung gestellt“, erzählt Ingo Ahlborn. Dabei kann er von Verhältnissen wie im Ausland nur träumen. „Da haben wir schon aktiv an Festivals teilgenommen und eine Woche im Fünf-Sterne-Hotel gewohnt.“

Einige bringen die Farben selbst mit

Von solchen Budgets sind die „Hafendampf“-Macher meilenweit entfernt. „Hier kommen die Künstler wegen der Location hin“, sagt Ahlborn. Teilweise bringen sie sogar die Farben selbst mit. Und sie genießen die Gemeinschaft, denn Kommunikation sei ein wesentlicher Aspekt der Graffiti-Szene. Und wenn hier und da mal Kleinigkeiten besorgt werden müssen, schießen David Hufschmidt und er etwas aus eigener Tasche hinzu.

Wenn das fünfte Festival am übernächsten Sonntag beendet sein wird, werden die Werke, die oftmals mit einem „Tag“ signiert sind, etwa ein Jahr in ihrer Freiluft-Galerie unter der A 42 zu sehen sein. Dann kommt graue Farbe drüber. So wie in der kommenden Woche die Bilder von 2016 für immer unter grauer Farbe verschwinden werden. „Das wissen die Künstler aber, und sie können damit ganz gut leben“, sagt Ingo Ahlborn. Außerdem werden die Werke jedes Jahr fotografiert.

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