WAZ öffnet Pforten

Bunkerführung: Blick in ein düsteres Kapitel der Geschichte

Zwölf Lesern zeigt Schulleiter Georg Greshake den Luftschutzkeller unter dem Berufskolleg.

Zwölf Lesern zeigt Schulleiter Georg Greshake den Luftschutzkeller unter dem Berufskolleg.

Foto: FOTO: Julia Tillmann / FUNKE Foto Services

Essen-Frohnhausen.  Unter dem Berufskolleg West in Frohnhausen befindet sich seit 1940 ein alter Bunker. Hier fanden im Krieg über 500 Menschen Schutz.

Fast geräuschlos schwingt die schwere Eisentür auf. Ein paar Stufen geht es hinab und schon öffnet sich ein Labyrinth aus Gängen und Räumen. „Immer schön zusammenbleiben“, sagt Georg Greshake und steigt in die Bunkeranlage hinab. Der Leiter des Berufskollegs West kennt sich in dem Luftschutzkeller unter seiner Schule gut aus. Heute begleitet er gemeinsam mit seinem Kollegen Peter Engels zwölf Leser in die unterirdische Anlage.

Still ist es. Und erstaunlich gut gelüftet. Raum an Raum reihen sich aneinander, alle sind durchnummeriert. Brandschutz steht in geraden Buchstaben an einer Wand, oder „Hier zum Abort“. Ansonsten sind die weiß getünchten Räume leer. Kaum vorstellbar, dass hier bis zu 500 Menschen dicht gedrängt oft stundenlang ausharrten und den Bombenhagel abwarteten.

Als Baby im Hochbunker in Altendorf

„Wie groß muss die Angst gewesen sein, Angst, das man verschüttet wird, Angst, was einen erwartet, wenn man wieder an die Oberfläche kommt“, sagt Elke Dorn. Persönliche Erinnerungen hat sie nicht, sie war noch ein Baby, als sie mit ihrer ihre Mutter im Hochbunker bei St. Anna im benachbarten Altendorf Schutz fand „Ich finde es wichtig, sich immer wieder mit unserer jüngsten Geschichte auseinanderzusetzen“, nennt die 75-Jährige den Grund für ihr Interesse an der Bunkeranlage.

Die wurde zeitgleich mit dem Berufskolleg, einem monumentalen Klinkerbau, in den Jahren 1939 und 1940 für über 2000 Schüler gebaut. „Die Schule war damals der Vorzeigebau der Nazis“, sagt Peter Engels. Die Stahlbetonkonstruktion sei vergleichbar mit dem „Koloss von Prora“, der 4, 5 Kilometer langen „Kraft durch Freude“-Anlage, den die Nazis auf Rügen errichteten.

Wohlwissend, dass der Krieg auch nach Essen kommen wird, dass bald die Bomben der Alliierten fallen würden, wurde die über 1500 Quadratmeter große, zweigeschossige Bunkeranlage anstatt eines Kellers errichtet. Wie schnell die nötig wurde, zeigt die Chronik der Schule: Knapp ein Jahr nach Eröffnung war sie schon wieder kaputt. Bei den Luftangriffen wurden einige Teile des vierflügeligen Baus dem Erdboden gleichgemacht.

Luftschutzwarte kontrollierten die Eingänge

Unzerstört blieb der große Luftschutzkeller. Hier kam nur herein, wer einen entsprechenden Ausweis besaß, den Luftschutzwarte an den Eingängen kontrollierten. „Jeder bekam einen Raum zugewiesen, in dem nicht mehr stand als ein paar Holzpritschen und Eimer für die Not. Toiletten sucht man hier vergeblich“, erzählt Georg Greshake und zeigt auf die vielen Klappen rechts und links der Gänge. Die führten bei Verschüttung ins Freie und dienten gleichzeitig der Frischluftzufuhr.

„Man mag sich trotzdem gar nicht vorstellen, wie es hier gerochen hat“, sagt der 80-jährige Klaus Wünsche und erzählt von seiner gleichaltrigen Frau, die als Kind viele Nächte im Bunker verbringen musste und bis heute keine engen Räume betreten kann. Oft war es stockdunkel, „denn bei Luftangriffen wurde der Strom in der ganzen Stadt ausgeschaltet, damit es zu keinen zusätzlichen Bränden kam“, sagt Peter Engels und führt in die untere Etage: Eine ganze Raumflucht wird hier statt von nüchternen Neonröhren mit Teelichtern beleuchtet, „so wird es auch damals gewesen sein“. Schweigend tastet sich die Gruppe vorwärts bis zum nächsten Gang.

Unterirdische Gänge führten bis zur Bärendelle

Bis in zwölf Metern Tiefe erstreckt sich der Keller, es gibt zugemauerte Türen und Gänge, die einst bis zum Gervinusplatz und sogar zur Bärendelle führten. „Das war ein ganzes unterirdisches System hier in Frohnhausen“, sagt Greshake, der den Keller mit Antritt seiner Schulleitertätigkeit erst wieder begehbar gemacht hat und sich wie sein Kollege Engels mit der Geschichte der Schule befasst hat. Vieles kann er erzählen aus der damaligen Zeit. Doch wie viele Frohnhauser dem Keller ihr Leben verdanken – das blieb ungezählt.

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