Musiker Bryan Ferry

Bryan Ferrys musikalische Zeitreise unter der Discokugel

Manchmal lächelt er sogar: Bryan Ferry, sichtlich beglückt, bei seinem Auftritt in der Essener Philharmonie.

Manchmal lächelt er sogar: Bryan Ferry, sichtlich beglückt, bei seinem Auftritt in der Essener Philharmonie.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Der Auftritt von Bryan Ferry in der Essener Philharmonie wird zur spannenden Begegnung mit dem vielschichtigen Lebenswerk des ewigen Pop-Dandys.

Unter den Anzugträgern des Musikgewerbes hat Bryan Ferry seit Jahren eine Sonderstellung als Stilikone des Pop. Aber nicht alle, die heute in ein Ferry-Konzert pilgern, haben dabei vor Augen, dass dieser ewige Dandy in seinen Maßanzügen und blank geputzten Schuhen auch mal schrillere Tigerfell-Outfits und schrägere Artrock-Töne bevorzugte, bevor er zum Edelmann des geschmeidigen Elektropops wurde. Mit „In Every Dream Home A Heartache“, einem vor allem eingeschworenen Ferry-Fans bekannten Song aus den frühen 70ern, startete der mittlerweile 73-jährige Gentleman des Glam Rock denn auch das Konzert auf seiner kleinen, aber erlesenen Deutschlandtournee in der Essener Philharmonie.

Der Abend wird zu einer Zeitreise durch das Gesamtwerk, die das Publikum im seit Wochen restlos ausverkauften Konzerthaus zunächst mit andächtiger Begeisterung begleitet, am Ende aber euphorisch von den Sitzen reißt. Was auch an einem zunehmend gelösten Bryan Ferry liegt, der als Tourenführer seiner eigenen Geschichte eine muntere Zickzack-Strecke aus Alt und Neu, aus groß besetzten Bandstücken und reduzierten Pianonummern arrangiert.

Hit-Medley unter der glitzernden Discokugel

Nach dem Einstiegssong über die käufliche Liebe zu einer Katalog-Gummipuppe präsentiert der Großmeister der Gefühle einen breiten Querschnitt seines Werks, von eher avantgardistischen Titeln wie „Out Of The Blue“ bis zum zeitlos treibenden „Slave To Love“, vom hymnisch schwelgenden „Oh Yeah (On the Radio) bis zum bluesig-kernigen Dylan-Cover „Just Like Tom Thumb’s Blues“ mit Mundharmonika-Begleitung. Musikalisch geht es noch einmal zurück bis in die experimentierfreudigen Roxy Music“-Gründerjahre, bevor irgendwann die glitzernden Discokugeln von der Decke gelassen werden und die Fans spätestens beim Hit-Medley mit „Love Is The Drug“, „More Than This“ und „Avalon“ in seliger Ferry-Verehrung schwelgen.

Der Meister der Melancholie an der Mundharmonika

Dass seine Background-Sänger bei Songs wie „Tokyo Joe“ oder „Boys and Girls“ heute mehr Arbeit haben als früher, liegt bisweilen auch an den üppig besetzten Arrangements, die das zartschmelzende Timbre der Ferry-Stimme mit seiner angelegten Brüchigkeit trotz ordentlich ausgesteuerter Tontechnik manchmal ein wenig in den Hintergrund rücken. Dafür hat der eine formidable Schar von Musikern um sich geschart, die weit mehr sind als eine x-beliebige Begleitband. Darunter der grandiose Gitarrist und jahrzehntelange Wegbegleiter Chris Spedding, Marina Moore an der Violine oder Jorja Chalmers, die mit ihrem federnd-verspielten Sopransaxophon und dem typischen Oboenton ziemlich genau den Sound der Roxy-Music-Glanzzeit trifft.

Manches klingt nah dran an den Original-Arrangements. Aber viele der sonst eher Radio-kompatiblen Dreiminuten-Songs geraten auch ausladend, mit Raum für Instrumental-Soli, bei denen auch der Meister der Coolness seinen Einsatz an der Mundharmonika hat, bevor er sich wieder in altersloser Grandezza und melancholischer Weltabgewandtheit dem Elektropiano zuwendet.

John Lennons „Jealous Guy“, dem Ferry mit seinem Pfeifsolo den Stempel aufgedrückt hat, der Rhythm-’n’-Blues-Abräumer „Let’s Stick Together“ und „Shame, Shame, Shame“ von Jimmy Reed sorgen für ein furioses Finale, bei dem nicht nur der Künstler in Tanzlaune gerät. Als letzte Zugabe gibt es sogar ein breites Ferry-Lächeln und Kusshändchen für alle!

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