Ermittlungen

Brutale Gewalt gegen Essenerin: Polizei kommt nicht voran

Ein Großaufgebot von Polizisten war im Einsatz, um eine schwer verletzte junge Frau aus einem Haus am Beiseweg im Südviertel zu befreien.Zeugen, die Verdächtiges beobachtet haben, sollten sich bei der Essener Polizei melden unter der Rufnummer 0201/829-0.. Foto:WTVnews

Ein Großaufgebot von Polizisten war im Einsatz, um eine schwer verletzte junge Frau aus einem Haus am Beiseweg im Südviertel zu befreien.Zeugen, die Verdächtiges beobachtet haben, sollten sich bei der Essener Polizei melden unter der Rufnummer 0201/829-0.. Foto:WTVnews

essen.   23-Jährige vor einem Monat verschleppt und misshandelt. Weder sind Hintergründe geklärt noch Täter identifiziert. Niemand spricht mit Ermittlern.

Sie wurde verschleppt, brutal misshandelt und mit massiver Polizeigewalt aus den Fängen ihrer Verwandten befreit: Das Schicksal einer 23 Jahre alten Libanesin, die vor einem Monat schwer verletzt aus einem Haus am Beiseweg im Südviertel gerettet wurde, hat für bundesweite Schlagzeilen gesorgt.

Die Polizei setzte eine Kommission zur Aufklärung des Falles ein, um des oder der Täter habhaft zu werden. Bislang ohne Erfolg, sagt Polizeisprecher Peter Elke, denn die Ermittler treffen auf eine Mauer des Schweigens, das offenbar niemand aus der Großfamilie brechen will – selbst das Opfer nicht. So wie es in vier von fünf Fällen nach häuslicher Gewalt in Essen leider die Regel ist, sagt Oberstaatsanwältin Anette Milk.

Es sei nicht auszuschließen, dass die junge Frau unter Druck gesetzt wird, heißt es bei der Polizei, die weiter wegen gefährlicher Körperverletzung und eines mutmaßlichen Freiheitsentzuges ermittelt.

Die Druckmittel sind begrenzt

Doch wo Zeugen und objektive Beweismittel genauso Mangelware sind wie womöglich frühere verwertbare Aussagen der Beteiligten aus anderen Verfahren, könnte die Ermittlungsakte über kurz oder lang in der Schublade „Ungelöste Kriminalfälle 2017“ landen.

Natürlich haben die Strafverfolger die Möglichkeit, die mutmaßlich an den Misshandlungen Beteiligten noch einmal einzeln vorzuladen – in der Hoffnung, dass sie in einer Vernehmungssituation wider Erwarten weich werden. Doch die Druckmittel sind begrenzt. Denn insbesondere unter Angehörigen und Verwandten bis zu einem gewissen Grad der Verwandtschaft gilt das Auskunfts- beziehungsweise Zeugnisverweigerungsrecht. „Wir können keine Aussagen erzwingen“, stellt Anette Milk klar: „Die Gesetzeslage ist eindeutig.“

Frühe Aussagen als Grundlage für ein Urteil

Wie wichtig vor diesem Hintergrund Aussagen von Zeugen sind, um eine Paralleljustiz ohne Respekt vor dem Rechtssystem in die Schranken zu weisen, hat zuletzt ein Urteil nach einem blutigen Streit unter libanesischen Familienclans im Sommer gezeigt.

Eine Schwurgerichtskammer am Essener Landgericht brachte einen 38 Jahre alten Autohändler wegen versuchten Totschlags für neun Jahre hinter Gitter, obwohl die Zeugen vor Gericht mauerten. Also zogen die Richter kurzerhand deren frühere Aussagen bei der Polizei als Grundlage für ihr Urteil heran. Das ist in solchen Fällen inzwischen gängige Praxis bei einer Reihe vergleichbarer Verfahren auch vor anderen Gerichten.

„Libanesen akzeptieren hier nur Aldi und Lidl“, formulierte ein Rechtsanwalt als Nebenklagevertreter in seinem Plädoyer in einem Prozess um einen Mord auf einer Libanesenhochzeit. Und nicht ohne Grund ging der Vorsitzende Richter am Essener Landgericht später mit den Zeugen und Nebenklägern gleichermaßen hart ins Gericht, als er zwei Brüder nach der tödlichen Bluttat an einem verhassten Mitglied eines verfeindeten Familienclans zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilte.

Aus Angst vor Vergeltung

Man habe eigene Ziele verfolgt und über Hintergründe und Verhältnisse in den Familien nichts offenbaren wollen. Die Kammer sei sogar überzeugt davon, dass man sie habe blenden wollen. Eine Belehrung, vor Gericht die Wahrheit zu sagen, hätte man sich auch sparen können. Ganz abgesehen davon, dass sich einige Zeugen womöglich gar nicht gemeldet haben – aus Angst vor einer drohenden Vergeltung.

Möglich, dass solche Motive auch nach den brutalen Übergriffen auf die 23-Jährige eine Rolle spielen. Von den körperlichen Misshandlungen hat sich die junge Frau inzwischen erholt, heißt es bei der Polizei. Doch welche seelischen Verletzungen sie am Morgen des 3. November erlitt, bleibt bislang genauso im Dunkeln wie das Motiv für die Tat. Dass eine angebliche Schwangerschaft der Auslöser gewesen sein soll, bestätigen die Behörden bis heute nicht.

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