Museumsreihe „Neue Welten“

Breakdance-Weltmeister tanzt im Museum Folkwang mit Rodin

Ardit Gjikaj sorgt zwischen Auguste Rodins „La femme accroupie“ und Gerhard Richters Wolken für einen ungewöhnlichen Sammlungsdialog.

Ardit Gjikaj sorgt zwischen Auguste Rodins „La femme accroupie“ und Gerhard Richters Wolken für einen ungewöhnlichen Sammlungsdialog.

Foto: Socrates Tassos / FUNKE Foto Services

Essen.  Breakdancer trifft Bildhauer: In der neu präsentierten Sammlung des Museum Folkwang findet Ardit Gjikaj Inspiration für seine spektakulären Moves

Wenn Ardit Gjikaj durchs Museum Folkwang geht, dann gerät die Kunst auf wundersame Weise in Bewegung. Ein Blick auf Rodins schamhaft zu Boden schauende „Eva“ genügt, um den mehrfachen Breakdance-Weltmeister zu einem seiner experimentierfreudigen Moves zu inspirieren. „Da fällt mit sofort eine Bewegung ein“, begeistert sich der akrobatische Powerman und biegt seinen schlanken Körper zu einem halsbrecherischen Handstand auf ausgeklappten Unterarmen. Dass da zwei kreative Kräfte aufeinandertreffen, die die Leidenschaft für die Ausdrucksmöglichkeiten des menschlichen Körpers vereint, erkennt man auf den ersten Blick. Breakdance und Bildhauerei – für Ardit Gijkaj, bekannt als Airdit, ist das kein Gegensatz: „Rodin hat mich zu meinen Körperskulpturen inspiriert“, verrät der 36-jährige Vielseitigkeitsmeister, der in den Theatern und Konzerthäusern inzwischen ebenso zu Hause ist wie bei Hip Hop-Events und Breakdance-Battles.

In den „Neuen Welten“ des Museum Folkwang, die Malerei, Fotografie, Skulptur, Plakat, und Weltkunst seit diesem Sommer auf medienübergreifende Art vereinen, bringt „Airdit“ an diesem Vormittag noch eine weitere Kunstform dazu: B-Boying. Seit über 20 Jahren ist der gebürtige Albaner, der als Dreizehnjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland kam, in Oberhausen groß wurde und seit mehreren Jahren in Düsseldorf unter anderem am Tanzhaus NRW unterrichtet, ein Meister dieser Disziplin. Er hat drei Weltmeisterschaften gewonnen, Workshops organisiert und trainiert deutsche Breakdance-Sportler für die erste Olympia-Teilnahme 2024.

Dass ihn ausgerechnet die Versunkenheit und Melancholie des französischen Bildhauers so inspiriert, das liegt auch an einem Besuch mit seinem Leistungskurs Kunst in Paris. Als er damals Rodins Kunst entdeckt, hat Ardit Gjikaj gerade sein Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht, hat mit seinem Freund Mario die erfolgreiche TNT Crew gegründet und im Breakdance neue Ausdrucksmöglichkeiten für seine körperlichen Ambitionen, seine Leidenschaft für Akrobatik, seine Kreativität und die Liebe zur Musik gefunden. Und sucht immer neue Herausforderungen – körperlich und künstlerisch. Irgendwann hat ihn dann auch dieser französische Bildhauer auf die Probe gestellt. Kunst als athletische Meisterleistung.

Beim Rundgang mit Folkwang-Kuratorin Isabell Hufschmidt gerät Ardit Gjikaj beim Anblick der „Hockenden Frau“ denn auch gleich in Verzückung. Ist es die Form, das Material, die Pose, das Weglassen, was ihn so fasziniert, will Hufschmidt wissen. „Das Wesentliche in den Vordergrund stellen, das macht er gut“, findet der Street-Artist. So wie sich Rodins Figuren krümmen, umschlingen und in Melancholie versinken, so versucht auch Airdit den Moment des inneren Ausdrucks zu erfassen. Mit akrobatischen Bewegungen, die nicht nur die Gesetze der Erdanziehung scheinbar außer Kraft setzen, sondern auch das Klischee des Straßenstaub-tauglichen Breakdancers kräftig demontieren.

Auftritte in der Philharmonie und beim Fifa World Cup

Überhaupt hat dieser 36-jährige Vielkönner und Mehrsprachensprecher inzwischen so ziemlich jede Genre-Grenze gesprengt. Die Liste der Auftritte reicht von der Kölner Philharmonie bis zur Düsseldorfer Tonhalle, vom Pro Sieben-Format „Got do Dance“ bis zur Eröffnungsshow des Fifa World Cup 2006. Im Urbanatix-Team hat Airdit schon für einen zündenden Auftakt der Kulturhauptstadt Ruhr.2010 gesorgt.

Mittlerweile betreibt er ein eigenes Tanzstudio in Düsseldorf, organisiert Workshops für Jugendliche, unter anderem im Auftrag der Deutschen Bahn. Auch im Museum Folkwang hat er vor einer Weile einen Kurs gegeben und ist beim Anblick von Rodin wieder mal „komplett ausgetickt“. Nicht ausgeschlossen, dass er seine Begeisterung für die bildende Kunst demnächst auch akustisch umsetzt. In seinem Düsseldorfer Studio produziert er neben einer eigenen kleinen Modekollektion inzwischen auch Musik.

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