Fotografie

Braunkohlerevier-Bilder: Nach dem Bagger kommen Touristen

Die Fotografin Freya Najade vor eine Reihe von Aufnahmen aus der Serie „Jazorina – postindustrielle Landschaften“, die sie derzeit auf Zollverein zeigt.

Foto: Christof Köpsel

Die Fotografin Freya Najade vor eine Reihe von Aufnahmen aus der Serie „Jazorina – postindustrielle Landschaften“, die sie derzeit auf Zollverein zeigt. Foto: Christof Köpsel

Essen.   Freya Najade zeigt Verwandlung der Lausitz zur künstlichen Seenlandschaft. Und findet Parallelen zur postindustriellen Entwicklung Zollvereins.

Nach dem Abraumbagger kommen die Touristen. Sie tragen flauschige Bademäntel, riesige Luftmatratzen und ein Handtuch über der Schulter. Für die Fotografin Freya Najade sind sie Zeugen eines einzigartigen Umwandlungsprozesses, den die 39-jährige seit einigen Jahren mit der Kamera begleitet. Die Ausstellung „Jazorina“ dokumentiert diese Verwandlung der Lausitz vom Bergbau- zum Erholungsgebiet. Die Fotografien, die jetzt im Rundeindicker der ehemaligen Kohlenwäsche auf Zollverein zu sehen sind, präsentieren allerdings nicht nur das östliche Braunkohlerevier, das bald Europas größte Seenlandschaft werden soll. Während einer Künstler-Residenz im Sommer dieses Jahres hat die in Soest geborene Fotografin auch Parallelen rund um das Welterbe Zollverein entdeckt, Wandlungen und Brüche dieser postindustriellen Landschaft mit den Eindrücke aus der Lausitz abgeglichen.

Jazonira“ heißt Seenland auf Niedersorbisch, womit Freya Najade zum einen an die Menschen erinnert, die die Lausitz seit dem Mittelalter besiedelt hatten. Doch es geht auch um die Vergangenheit als einstige Sumpflandschaft. Bis die Bagger kamen und Milliarden Tonnen Braunkohlevorräte hervorholten, Menschen und Natur verdrängten. Als die Förderung endete, wurde die Entwicklung wieder ins Gegenteil verkehrt, wurden riesige Tagebaugruben geflutet, Strände und Jachthäfen angelegt. Eine nun von Menschenhand geformte Naturlandschaft entstand.

Drei Sommer lang hat Najade, die seit ihrem Studium in London lebt – die Lausitz bereist. Hat Einheimische wie Zugereiste getroffen, hat Umbrüche dokumentiert, Entwicklungen festgehalten: von der Sumpflandschaft zur Industriezone und nun zum Ferienparadies. Najade will nicht werten, nicht beurteilen, nur subtil kommentieren ihre Bilder dieses eigentümliche Nebeneinander: Wenn der Eiswagen im Schatten einer gewaltigen Maschinerie zum farbigen Kontrastpunkt wird. Und die Touristen ihre Sonnenschirme aufspannen, während am Horizont gewaltig dampfende Kühltürme noch immer die imposante Industriekulisse bilden. Die Vergangenheit wird nicht ausradiert, vielmehr formt sie den Erinnerungs-Rahmen einer Region im ungewissen Aufbruch.

Freya Najade ist fasziniert vom Kontrast, von der Spannung dieser künstlichen Natur- und Lebenswelten, vom eigenartigen Verschmelzen verschiedener Zeitschichten, wo eine gewaltige, schon fast der Verschrottung geweihte Förderbrücke nun zum Verbindungsarm in die Zukunft wird.

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