Explosion

Brandstiftung in Essener Wohnhaus: Trauer um tote Freundin

Freunde der Studentin und Nachbarn haben als Zeichen der Trauer Blumen und Kerzen in den Eingang des Eckhauses an der Franz-Arens-Straße im Essener Südostviertel gestellt.

Freunde der Studentin und Nachbarn haben als Zeichen der Trauer Blumen und Kerzen in den Eingang des Eckhauses an der Franz-Arens-Straße im Essener Südostviertel gestellt.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Das Unglückshaus in Essen: Freunde der getöteten Studentin brachten Dienstag erneut Blumen vorbei. Nachbarin betet nach Explosion ein Vaterunser.

Das Unglückshaus auf der Franz-Arens-Straße fünf Tage nach der verheerenden Explosion. Eine Tragödie, bei der zwei junge Menschen ums Leben kamen. Neben das Amtssiegel des Kriminalkommissariats 11 der Essener Polizei hat eine Nachbarin mit Tesafilm einen handgeschriebenen, schwarzumrandeten Beileidsbrief an die Tür des Hauses im Südostviertel geheftet. „In Trauer an die Verstorbenen und Verletzten. Frau Bauer“.

Auf dem Bürgersteig stehen an diesem Mittwochmorgen drei gute Freunde der verstorbenen Studentin (20), auch sie sind Jura-Studenten im fünften Semester. Einen Strauß frischer Blumen haben sie in den Eingang gestellt und eine Kerze angezündet. „Judith war ein lebensfroher Mensch“, sagen sie leise.

Mit Brandbeschleuniger ein Feuer gelegt, das die Verpuffung auslöste

Seit Dienstag wissen sie, warum ihre Freundin sterben musste. Nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft und der Polizei hat deren Nachbar, ein 21 Jahre alter Mann, vergangenen Freitag gegen 17.15 Uhr mit Hilfe eines Brandbeschleunigers, vermutlich Benzin, im zweiten Obergeschoss ein Feuer gelegt, das die furchtbare Verpuffung auslöste.

Eine Wahnsinnstat, durch die der mutmaßliche Brandstifter die beinahe gleichaltrige Nachbarin mit in den Tod riss. Zu den möglichen Motiven des Mannes machen die Ermittler keinerlei Angaben, aber unweigerlich wird darüber spekuliert, dass er freiwillig aus dem Leben scheiden wollte. Es ist eine verstörende Tat, die Trauer mit Wut und Ohnmacht mischt.

Freunde kamen gerne in die große Studenten-Wohnung – auch zum Cocktail

Die Franz-Arens-Straße reicht von der Lärmschutzwand der A40 bis zum breiten DB-Schienenbündel, das zum nahen Hauptbahnhof führt. Eine ruhiges Wohnquartier – ohne Kiosk, ohne Bäcker, ohne Supermarkt. Das Unglückshaus mit der Gründerzeitfassade war bei den Mietern sehr beliebt, einige leben schon 30, andere sogar 40 Jahre hier.

Weil das Haus seit der gewaltigen Explosion akut einsturzgefährdet ist, mussten alle Bewohner das Haus sofort verlassen. Zur Geisbergstraße hin sind fünf vertikale Holzbalken mit schweren Ankern angebracht worden, sie sollen der Fassade Halt geben. Die pechschwarzen Rußspuren, das zerborstene Fenster, die Glassplitter auf dem Gehweg – das alles zeugt von der ungeheuren Wucht der Explosion.

Die Freunde auf dem Gehweg – zwei Studentinnen und ein Student – kennen die Wohnung sehr gut. „Sie war sehr gemütlich, geräumig und hatte hohe Decken“, erzählen sie. Weil sie obendrein sehr zentral gelegen ist, habe man sich gerne dort getroffen – auch zum Cocktail.

Eine heimatverbundene junge Frau aus dem Emsland, die gerne Schützenfest feierte

Ihre Freundin beschreiben sie als eine heimatverbundene junge Frau, die in ihrem kleinen emsländischen Dorf tief verwurzelt gewesen sei. „Sie war traurig, dass sie dieses Jahr wegen der Klausuren nicht Schützenfest feiern konnte.“ Weil letzte Woche die Ergebnisse dieser Klausuren bekannt gegeben wurden, sei sie schon vor Beginn der Wintersemester-Vorlesungen nach Essen zurückgekehrt.

Ihr Mitbewohner, offenbar ebenfalls aus dem Emsland, hatte großes Glück. Er habe sich zum Zeitpunkt der Explosion nicht in der Wohnung aufgehalten, berichten die Studenten.

Eine Kongress- und Veranstaltungs-Agentur nutzt schon seit dreißig Jahren die Büroräume im Erdgeschoss. Trotz der großen Trauer über die beiden Toten in ihrem Haus gebe es auch Lichtblicke. „Wir spüren eine Welle der Hilfsbereitschaft, das Unglück lässt die Menschen zusammenrücken“, berichtet die Inhaberin. Provisorisch nutze man jetzt Räume im Haus der IHK, der Agenturbetrieb laufe weiter.

Mieterin der Unglückswohnung und ihr Sohn seien aus England heimgekehrt

Bis zum Frühjahr habe ihre Agentur die Wohnung in der zweiten Etage noch als Büro genutzt. Dieselbe Wohnung, in der der 21-Jährige die tödliche Explosion auslöste. Erst seit Mai war sie neu vermietet. Es heißt, die Mieterin, eine Deutsche, die lange Zeit in England gelebt habe, sei mit ihrem Sohn wieder nach Deutschland zurückgekehrt. Die Studenten berichten, dass ihre Freundin keinerlei Kontakt zu den neuen Nachbarn aus England gehabt habe. „Sie kannte sie noch nicht einmal.“

Die Anteilnahme ist auch in den Nachbarhäusern groß. Die Hausgemeinschaft von gegenüber hat ebenfalls einen Kondolenzbrief in den Eingang gelegt. Drauf steht: „Wir sind sehr traurig. Die Franz-Arens-Straße 18.“

Eine andere Nachbarin macht sich mit ihrem Einkaufs-Trolley auf dem Weg zum Wasserturm. Es ist dieselbe „Frau Bauer“, die den spontanen Beileidsbrief geschrieben hat. „Ich habe für die Verstorbenen einen Vaterunser gebetet und eine Kerze angezündet“, erzählt sie. Ihr kommen die Tränen.

Die drei Studenten haben ihre Sachen längst zusammengepackt, sie fahren nach Hause oder zur Uni. Sie sagen: „Nächsten Dienstag sind wir bei der Beerdigung im Emsland.“

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