Seniorenstift Martin Luther

Senioren tuckern mit dem Erinnerungstaxi durch Dellwig

Bewohnerinnen und Heimleitung des Seniorenstifts Martin Luther nahmen am 14. Mai den das „Erinnerungstaxi“ in Betrieb.

Bewohnerinnen und Heimleitung des Seniorenstifts Martin Luther nahmen am 14. Mai den das „Erinnerungstaxi“ in Betrieb.

Foto: Klaus Micke

Essen-Dellwig.   Es tuckert und aus dem chromfarbenen Auspuff kommt weißer Rauch. Das „Erinnerungstaxi“ ist ein besonderes Gefährt, mit besonderer Geschichte.

Der Fuhrpark des Seniorenstifts Martin Luther hat Zuwachs bekommen. Zu den Transportern und Kleinbussen in den Contilia-Farben, die bisher im Stadtbild zu sehen waren, ist ein dreirädriges Gefährt gekommen, das in Dellwig und Umgebung sicherlich für Aufsehen sorgen wird: ein Erinnerungstaxi. Es ist eine Simson Duo 4, Baujahr ‘74, mit 50 Kubikzentimeter Hubraum, drei Gänge, 3,6 PS, um die 50 km/h Spitze.

Andreas Weischede, Leiter des Seniorenstifts Martin Luther, nahm es am Dienstagmorgen, 14. Mai, im Beisein mehrerer, neugieriger Bewohnerinnen – allesamt mit Rollator – bei einem Glas Sekt offiziell in Betrieb. Weischede war es auch, der auf die Idee kam, den Bewohnerinnen und Bewohnern seines Hauses dieses ungewöhnliche Angebot der Mobilität zu schaffen. Die Idee wurde beim Surfen im Internet immer konkreter. „Und dann fand ich die Simson Duo“, erzählt Andreas Weischede.

Vehikel stammt von der deutsch-polnischen Grenze

Bis zum Tag, als das Modell funktionstüchtig in Dellwig vor der Tür stand, verging allerdings noch einige Zeit. Das Angebot im Internet kam aus dem östlichsten Zipfel Deutschlands. „In Görlitz gibt es einen Mann, der diese Modelle in Deutschland und Polen wieder in Ordnung bringt“, erzählt der Leiter des Seniorenstiftes. Also ging es mit der polnisch sprechenden Pflegedienstleiterin als Dolmetscherin auf die 650 Kilometer lange Reise an die deutsch-polnische Grenze nach Görlitz. Per Zug hin und per Transporter samt Simson Duo 4 retour. Zurück in Dellwig bastelten die Technikmitarbeiter Holger Richert und Ralf Wilhelm in der kleinen Werkstatt des Hauses noch ein halbes Jahr an dem Gefährt.

Simson Duo 4 hat 3000 Euro gekostet

3000 Euro hat die Simson Duo 4, die ursprünglich mal als Versehrtenfahrzeug gedacht (ohne Pedale) war, gekostet. Vertretbar, meint Andreas Weischede, zumal, wenn man bedenke, was heute ein Elektrofahrrad koste. Und außerdem: Der Nutzen sei ohnehin nicht mit Geld aufzuwiegen. „Zum einen können die Menschen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind, Ziele in der Umgebung und Orte ihrer Erinnerung besuchen“, sagt Andreas Weischede.

Deshalb wird der Simson Duo 4 auch „Erinnerungstaxi“ genannt. Das Ziel gibt der Fahrgast vor. Es kann die alte Siedlung sein, in der man früher wohnte, das Café, in dem man gern einen Kaffee schlürfte, aber auch der Friedhof, auf dem man immer Verwandte besuchte. Zusätzliche Mobilität ist ein Aspekt. „Die Fahrten bringen die Menschen zudem emotional aus ihrem Alltag“, betont Andreas Weischede. Ähnlich wie das gemeinschaftliche Gärtnern, das vor zwei Jahren ins Leben gerufen wurde.

Ruth Frevel (90): „Spitze, aber verdammt laut“

Die älteren Damen – von den Bewohnern des Hauses war am Dienstagmorgen niemand gekommen – ließen sich nicht zweimal bitten und drehten mit Holger Richert am Lenker ein paar Runden mit dem dreirädrigen Zweisitzer, der sich bei schönem Wetter in Sekunden zu einem Cabrio umbauen lässt. „Spitze“, lautete der erste Kommentar von Ruth Frevel, nachdem sie mit leuchtenden Augen dem Gefährt entstiegen war. „Aber verdammt laut.“ Wohin sie die erste reguläre Tour unternehmen wird, weiß die knapp 90-Jährige auch schon: Borbeck. „Ich würde gern nach Ebel fahren, geht das über die Stadtgrenze auch“, fragt Helga Mielewczyk (81). Ja, das geht. Schon tuckern die Seniorinnen in Gedanken schon zu ferneren Zielen.

Der kleine Neuzugang im Fuhrpark des Seniorenstifts Martin Luther hat gute Chancen, ein Renner zu werden.


„SCHWALBE“ STAMMT AUCH VON SIMSON

  • Das Unternehmen wurde 1856 von den Brüdern Löb und Moses Simson im thüringischen Suhl gegründet. Im Laufe seiner Geschichte wurde das Unternehmen mehrfach umstrukturiert und stellte neben Fahrzeugen auch Waffen her.
  • Selbst Menschen, die keine Mopedfans sind, dürften den Namen eines Modells aus Suhl schon einmal gehört haben: Schwalbe. Von ihr wurden über eine Millionen Stück gebaut. Mit insgesamt knapp sechs Millionen hergestellten Krafträdern war und ist Simson – laut Wikipedia – der größte Zweiradhersteller Deutschlands.

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