Berufskolleg für Hörgeschädigte

Kindheit in der Nazi-Zeit: Jüdin (94) erzählt Hörbehinderten

Die 94-jährige Jüdin Ruth Weiss erzählte jetzt vor Schülern des Berufskollegs für Hörgeschädigte an der Kerckhoffstraße in Frohnhausen, wie sie als jüdisches Mädchen die Nazi-Zeit erlebt hat.

Die 94-jährige Jüdin Ruth Weiss erzählte jetzt vor Schülern des Berufskollegs für Hörgeschädigte an der Kerckhoffstraße in Frohnhausen, wie sie als jüdisches Mädchen die Nazi-Zeit erlebt hat.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen-Frohnhausen.  Als Kind floh die Jüdin Ruth Weiss vor den Nazis nach Südafrika. Dort erlebte sie die Apartheid. 94-Jährige besucht hörgeschädigte Schüler.

Gebannt folgen die Jugendlichen am Rheinisch-Westfälischen Berufskolleg (RWB) für Hörgeschädigte in Frohnhausen den Worten der Zeitzeugin. Dazu nutzen sie vor allem ihre Augen zum Hören. Judith Zeus steht auf der Bühne links neben dem Tischchen, wo Ruth Weiss und Literaturvermittler Lutz Kliche sitzen. Zeus spricht „DGS“, die Deutsche Gebärdensprache. Mit Gesten und Mimik übersetzt die junge Frau simultan die fesselnden Worte der Autorin. Die Hände der Gebärdendolmetscherin fliegen geradezu. Sie hebt die Augenbrauen, blitzschnell malt sie vor dem Körper Figuren mit den Fingern, neigt den Kopf nach links oder rechts und formt ausdrucksvoll die Lippen. Monika Kindsgrab, Gehörlosen-Seelsorgerin und Schulpfarrerin: „Der Besuch von Frau Weiss ist eine hohe Herausforderung für die Übersetzerin!“

Ein berührendes Stück Lebensgeschichte

Sie muss spontan vor voll besetzten Stuhlreihen ein berührendes Stück Lebensgeschichte aus einer fernen Zeit vermitteln. Sie hilft Barrieren zu überwinden und ermöglicht den Jugendlichen die Begegnung mit der Emigrantin.

Wie sehr sie die Schilderungen der jüdischen Autorin bewegen, steht auf den ernsten Gesichtern der 300 Mädchen und Jungen zu lesen. Stille erfüllt den Schulsaal. Weiss erzählt routiniert, aber sympathisch. Im Norden Bayerns, in einem Dorf bei Fürth, habe sie gelebt. Bis 1933, als Adolf Hitler am 30. Januar Reichskanzler wurde, sei ihre Kindheit glücklich verlaufen. Die Nazis an der Macht veränderten alles. Die Neunjährige, die damals noch Loewenthal hieß, wurde plötzlich in der Dorfschule gemieden. Der Lehrer in Deutsch, ihrem Lieblingsfach, ignorierte ihr Aufzeigen. „Ich hatte den ‚Erlkönig‘ auswendig gelernt und wollte das Gedicht vortragen!“

Markgraf hatte die Juden ins Land gerufen

Hass und Verfolgung bestimmten fortan den Alltag der jüdischen Familien in der Nachbarstadt Nürnbergs. 1528 in den Ort gerufen vom Ansbacher Markgrafen, waren Juden dort lange willkommen gewesen. Fürth war Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit, es gab Synagogen und Talmudschulen. Juden lebten „im fränkischen Jerusalem“ privilegiert, prägten die Stadt als Anwälte, Ärzte, Kaufleute, Künstler und Politiker.

„Mein Großvater war Buchbinder“, berichtet Weiss. Neben ihr greift Lutz Kliche das grüne Taschenbuch und liest eine Passage vor. In der Autobiographie „Wege im harten Gras“ hat Weiss auf 306 Seiten ihre Odyssee zum Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas auf Papier gebannt. Unter Segeln, auf einem deutschen Frachter, erreichte Ruth nach vielen Wochen 1936 mit Mutter und Schwester in der dritten Schiffsklasse den fremden Kontinent. Dort lebte ihr Vater bereits drei Jahre im Exil. „An Bord spielten wir mit schwarzen Kindern, wir freuten uns, die afrikanische Kultur kennenzulernen!“ Doch bald nach der Ankunft musste die Familie lernen, wie sich Weiße gegenüber Schwarzen verhalten sollten. Wieder wurden Menschen wegen ihrer Herkunft ausgegrenzt, hatten weniger Rechte als andere.

Kampf mit der Schreibmaschine gegen die Apartheid

„Rassismus ist immer absurd!“, betont Weiss vor den Schülern. Mit ihrer Schreibmaschine kämpfte die Autorin als Erwachsene ab den 50er Jahren gegen die Apartheid. Sie lernte Nelson Mandela kennen, der lange im Untergrund als Aktivist gegen das Regime wirkte und schließlich 1994 erster schwarzer Präsident des Landes wurde. Bis dahin war auch die Freiheit der Presse beschränkt: „Es gab eine Liste mit Personen, die man nicht zitieren durfte!“

Auch Ehemann Hans war Journalist. Die weißen Machthaber hatten beide auf die schwarze Liste gesetzt. Das Paar ging in den Nachbarstaat Simbabwe. Von dort klagte es in Oppositionszeitungen das Unrecht an. 1970 bis 1980 arbeiteten Ruth und Hans Weiss oft in Deutschland, unter anderem für die Deutsche Welle. „Ich hätte damals bleiben können, Aufträge gab es. Doch meine Generation war noch an der Macht!“, sagt sie. „Unangenehme Begegnungen“ hielten sie davon ab, in der alten Heimat zu bleiben. Mittlerweile lebt sie bei ihrem Sohn in Dänemark. Zu Deutschland hat die Emigrantin wieder ein gutes Verhältnis. In jüngster Zeit aber bereiten ihr die „neue, politische Lage“, Ablehnung gegenüber Einwanderern und Antisemitismus Sorge. Umso mehr genoss sie den stehenden Applaus der interessierten Schüler nach gut zwei Stunden Lesung und Diskussion. Dass ihre Schilderungen in Gebärdensprache übersetzt wurden, war auch für die Schriftstellerin etwas Besonderes.

600 SCHÜLER AUS GANZ DEUTSCHLAND BESUCHEN DAS BERUFSKOLLEG

  • Das Rheinisch-Westfälische Berufskolleg (RWB) unterrichtet Jugendliche, die im Bereich Hören und Kommunikation in der Sekundarstufe II sonderpädagogische Unterstützung brauchen.
  • Rund 600 Schüler aus ganz Deutschland besuchen die Einrichtung an der Kerckhoffstraße 100. Sie absolvieren eine duale Berufsausbildung, eine Berufsvorbereitung oder ein berufliches Gymnasium.
  • Träger ist der Landschaftsverband Rheinland.

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