Geschwister-Scholl-Realschule

Jüdische Zeitzeugin erzählt über ihr Leben in der Nazi-Zeit

Eva Weyl erzählte den Geschwister-Scholl-Schülern aus ihrem Leben in der Nazi-Zeit.

Foto: Christof Köpsel

Eva Weyl erzählte den Geschwister-Scholl-Schülern aus ihrem Leben in der Nazi-Zeit. Foto: Christof Köpsel

Essen-Borbeck.   Eva Weyl ist 82 Jahre alt. Und Jüdin. Vom Leben in der Nazi-Zeit erzählt sie jungen Menschen – jüngst in der Geschwister-Scholl-Realschule.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >

Die 80 Zehntklässler der Geschwister-Scholl-Realschule, die sich am Mittwochmorgen im Kunstraum versammeln, kennen die Nazi-Zeit nur aus ihren Geschichtsbüchern. An diesem Morgen erhalten sie eine Doppelstunde aus erster Hand. Statt eines Lehrers steht Eva Weyl vorne. Die 82-jährige Niederländerin mit deutschen Wurzeln erzählt aus ihrem Leben im Nationalsozialismus.

„Es ist etwas anderes, ob man etwas über die Geschichte aus einem Buch oder von einer Zeitzeugin erfährt“, sagt Direktor Olaf Kehlert. Für eine Schule, die den Namen berühmter Widerstandskämpfer trage, sei es zudem noch etwas Besonderes. Für eine Schule mitten in Borbeck, mit vielen Kulturen, habe gegenseitiger Respekt eine herausragende Bedeutung.

„Ihr seid verantwortlich für die Zukunft“

„Ihr tragt als Deutsche dafür keine Verantwortung. Ihr seid verantwortlich für die Zukunft“, beginnt Eva Weyl ihre Erinnerungen. Mit ihren Eltern lebte Eva in Arnheim, als die Nazis auch in den Niederlanden das Leben bestimmen. Eines Tages hieß es, die Familie ziehe um. Es ging ins Lager Westerborg. „Es war ein Sammellager, wo wir auf die Ausreise nach Amerika warten sollten“, erzählt Eva Weyl. Es war kein Vernichtungslager. „Es gab eine Schule, ein Krankenhaus, die Menschen gingen zur Arbeit, wir haben als Kinder gespielt“, erzählt die 82-Jährige.

Zwischenstation auf dem Weg nach Auschwitz

Alles nur schöner Schein. In Westerborg sei nicht gefoltert und getötet worden, das Lager war aber eine Zwischenstation auf dem Weg nach Auschwitz und Sobibor. 107 000 Menschen kamen während der Nazi-Zeit nach Westerborg. 102 000 wurden in Vernichtungslager deportiert und kamen dort ums Leben. Eva Weyl unterstreicht ihre Worte mit Bildern von der Rampe, wo die Züge abfuhren. Einmal war sie auch schon auf dem Weg zu den Waggons, als britische Flugzeuge das Lager beschossen. Der Zug fuhr nicht. Der Transport wurde abgebrochen. Am 12. April 1945 befreiten kanadische Soldaten das Lager.

Ein Weißbrot mit Schokolade nach der Befreiung

Eineinhalb Stunden teilt Eva Wey­l ihre Erinnerungen mit den jungen Menschen. Danach dürfen sie Fragen stellen. Wie war das Gefühl bei der Befreiung? Was ist mit der Villa in Arnheim passiert? Wurden den Menschen in Westerborg die Köpfe geschoren? Wie fühlt sie sich heute, wenn sie an die Vergangenheit denkt? Eva Weyl antwortet auf jede Frage. Mal plaudernd („Als erstes habe ich nach der Befreiung ein Weißbrot mit Schokolade gegessen“), mal fast euphorisch („Ich bin der glücklichste Mensch, weil ich überlebt habe“). Dann wird Eva Weyl noch einmal ernst, ihr Gesicht streng, ihre Stimme energisch. Sie spricht von den Vernichtungslagern, dem Morden auf industriellem Niveau, den Millionen Toten. Sie wisse, dass es heute Menschen gebe, die den Holocaust verneinten. Auch deshalb gehe sie in die Schulen.

„Wir wollen aber nicht traurig enden. Deshalb sage ich euch, lasst euer Herz sprechen und lauft keinem Verrückten hinterher. Diskriminiert niemanden. Denkt daran, es zählt nur der Mensch.“ Ein paar Sekunden Stille. Dann applaudieren die 80 Realschüler.

Die Botschaft ist angekommen.

>>>Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit

Elie Wiesel, ein Überlebender des Holocausts, sagte einmal: „Jeder, der heute einem Z eitzeugen zuhört, wird selbst ein Zeuge werden.“

Eva Weyl lässt junge Menschen zu „Zweitzeugen“ werden, sie will sie stark gegen jegliche Art von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit machen.

Inhalt 
ARTIKEL AUF EINER SEITE LESEN >
Auch interessant
Leserkommentare (0) Kommentar schreiben
    Aus der Rubrik