Geschichte

Borbecker Friedhof: Als sich einst die Särge stapelten

Der Ur-Borbecker und ehrenamtliche Archivar Heinz Werner Kreul hat sich auch dafür eingesetzt, dass das herrschaftliche Mausoleum der Familie von Fürstenberg restauriert wird.Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Der Ur-Borbecker und ehrenamtliche Archivar Heinz Werner Kreul hat sich auch dafür eingesetzt, dass das herrschaftliche Mausoleum der Familie von Fürstenberg restauriert wird.Foto: André Hirtz / FUNKE Foto Services

Essen-Borbeck.  Der Borbecker Heinz Werner Kreul hat sich mit der Geschichte des 1855 angelegten Friedhofes beschäftigt. Der wuchs so schnell wie der Stadtteil.

Wenn Heinz Werner Kreul, Ur-Borbecker und Verwalter des Dionysius-Archivs, zu einem Vortrag einlädt, dann ist der Pfarrsaal der Dionysiusgemeinde voll: So auch an diesem verregneten Sonntagnachmittag, als Kreul unterhaltsam und launig die Historie des Borbecker Pfarrfriedhofs erzählt.„Ich bin im Archiv auf vier Kartons, vollgestopft mit Dokumenten zum Friedhof, gestoßen“, erzählt er, „und habe augenblicklich angefangen, den Wust zu sichten.“

Dabei behilflich war ihm der frühere Domprobst und Stadtdechant Otmar Vieth, der vor allen Dingen die in Sütterlin geschriebenen Schriftstücke übersetzte, die Kreul dann chronologisch ordnete und zu einer anekdotenreichen Geschichte zusammenfügte.

Begonnen hat alles 1854: Damals war der ursprüngliche Gottesacker rund um die Dionysiuskirche zu klein geworden: „Ich muss schon die Särge übereinanderstapeln“, schrieb der Totengräber Willi Kuhlmann an den Borbecker Bürgermeister. Borbeck war Dank der Industrialisierung eine prosperierende Gemeinde, in der nicht nur viel geboren, sondern auch viel gestorben wurde. „Zunächst wurde ein Grundstück mitten auf dem Germaniaplatz gekauft und zum Friedhof umgewandelt“, so Kreul.

Der Borbecker Pfarrer musste für den neuen Friedhof seinen Garten abgeben

Doch das reichte nicht. Und so beschloß der Gemeindevorstand, den großen Garten des Pastors unterhalb der Dionysius-Kirche quasi zu „annektieren“. Der Pastor, der dort Vieh hielt und sein Gemüse anbaute, war von der Idee wenig begeistert. Doch die Herren zu Bocholt, Vogelheim, Bedingrade, Dellwig und Gerschede, allesamt reiche Bauern und im Vorstand, sahen das anders, fassten einmütig einen Beschluss – und kauften ihm einen großen Teil ab.

Noch bevor 1861 die damals nötige kirchliche Erlaubnis kam, dass dort nun im geweihten Boden beerdigt werden darf, lagen schon längst die ersten Toten auf dem neuen Friedhof. „Die Borbecker waren halt immer ziemlich schnell“, sagt Kreul. Auch das Friedhofskreuz wurde 1868 ohne Genehmigung aufgestellt.

Ein Mausoleum für die Familie von Fürstenberg

Ab 1871 begannen dann die großen Borbecker Familien und Honoratioren ganze Gruften zu kaufen. „50 Gulden kosteten zwei bis drei Ruten. Eine Rute entspricht 21,14 Quadratmeter“, erklärt Kreul. So besaß die Familie Leimgard ein prächtiges Mausoleum, das im Zweiten Weltkrieg als Leichenhalle diente und Mitte der 1990er Jahre abgerissen wurde.

Und auch der Freiherr von Fürstenberg erwarb 1873 eine Begräbnisstätte, auf der er ein Mausoleum mit unterirdischen Sargkammern bauen ließ. „Als Kinder sind wir da immer heimlich ‘reingegangen, um uns zu gruseln“, erinnert sich der 74-jährige Kreul. Acht Mitglieder der Fürstenbergs sind dort bestattet, der letzte fand 1904 seine Ruhe.

Bei Fürstenbergs Beerdigung waren die Straßen schwarz vor Menschen

„Josef von Fürstenberg starb nur sechs Wochen nach seiner Hochzeit“, weiß Kreul und zeigt zwei Fotos der Beerdigung, an der sogar ein Sohn des letzten Kaisers teilnahm. Die Straßen in Borbeck waren schwarz vor Menschen, die dem Adeligen das letzte Geleit gaben. Als das herrschaftliche Mausoleum Anfang der 1990er Jahre zu verfallen drohte, „da haben Jürgen Becker und ich Kontakt zu den Fürstenbergs aufgenommen, die die Grabstelle renovieren ließen“, so Kreul.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Dionysius-Friedhof mehrfach erweitert, erhielt eine neue Mauer, angelegte Wege, eine größere Leichenhalle, „die war ein echtes Schmuckstück“ – und musste dann doch kurzfristig wegen Vollbelegung geschlossen werden. „Deswegen wurde dann ein zweiter Friedhof an der Dachstraße eröffnet.“ Den Gottesacker auf dem Germaniaplatz gab es da schon lange nicht mehr – er wurde bereits 1874 aufgegeben.

Ab 1922 konnten die Borbecker dann doch wieder ihre letzte Ruhe auf dem alten Grabfeld finden, das noch einmal erweitert wurde und eine neue, noch größere Totenhalle erhielt. „Da musste ich als Messdiener rein, wenn der Priester die Toten mit Weihwasser gesalbt hat“, erinnert sich Kreul. Auch diese Totenhalle wurde abgerissen – dafür gab es 1976 eine neue Friedhofskapelle.

Die Beerdigungskultur mit Trauerzügen und Trauerfeiern verschwindet zusehend

Die Beerdigungskultur, die in den beiden vergangenen Jahrhunderten mit Leichenwagen, Fahnenträgern und Trauerzügen zelebriert wurde, ist längst einer nüchternen Bestattung gewichen. Wie ein anständiges Begräbnis auszusehen hatte, war damals gesellschaftlicher Konsens. Und wer es sich leisten konnte, sparte weder am Sarg noch an der Trauerfeier. Heute ist die Bestattungskultur stark von ökonomischen, aber auch sozialen Faktoren beeinflusst, wird anonym beerdigt, findet die Erinnerung woanders statt. Und so werden die alten Friedhöfe zunehmend zum kulturellen Gedächtnis eines Stadtteils.

Leserkommentare (0) Kommentar schreiben