Wohnbau-Flächen

Bloß nicht im Süden: Wo Essens Bürger Wohnungen bauen würden

Beliebt als Wohnstandort, aber vielerorts jetzt schon stark verdichtet: Rüttenscheid erlebt starken Zuzug, hat aber auch seinen Preis wie hier bei den Neubauten an der Veronikastraße. Doch viele denkbare Alternativen für die Wohnbebauung ließen die Bürger jetzt durchfallen.

Beliebt als Wohnstandort, aber vielerorts jetzt schon stark verdichtet: Rüttenscheid erlebt starken Zuzug, hat aber auch seinen Preis wie hier bei den Neubauten an der Veronikastraße. Doch viele denkbare Alternativen für die Wohnbebauung ließen die Bürger jetzt durchfallen.

Foto: Kerstin Kokoska

Essen.   „Wo wollen wir wohnen?“, fragte die Stadt 420 Bürger und ließ sie 93 mögliche Bauflächen bewerten. Fazit: Der Süden bleibt weitgehend ausgespart.

Auf der Suche nach möglichen Wohnbau-Flächen haben sich Politiker wie Planer schon ein ums andere Mal die Finger verbrannt. Darum sollten es diesmal die Bürger selbst richten: „Wo wollen wir wohnen?“, so hieß die Devise eines aufwendig gestalteten Forums, bei dem an einem November-Samstag des vergangenen Jahres eine zufällig ausgewählte, aber alles in allem halbwegs repräsentative Schar von 420 Essenern Prioritäten setzte. Unterm Strich sagen die: Bauen, ja, aber lieber nicht im Süden.

Insgesamt hatten – ausgesucht von der Planungsverwaltung – stadtweit 93 Flächen zur Auswahl gestanden: von der Boyer Straße im hohen Norden Karnaps bis zur Ringstraße im Kettwiger Süden, vom Kleinquartier an der Schacht-Kronprinz-Straße in Schönebeck bis zum 30 Mal größeren Flughafen-Areal in Haarzopf.

Das Okay für 13 Flächen – ein„Gerechtigkeitsknüller“

Am Ende eines langen Diskussionstages charakterisierten die Bürger aus diesem Fundus 13 Flächen als „sehr gut“ geeignet für den Wohnungsbau, es waren die „Gerechtigkeitsknüller“, wie der Moderator befand. Unstrittige Grundstücke im eher bescheidenen Ausmaß, allerdings mit einer Ausnahme: dem gut 29 Hektar (also etwa 58 Fußballplätze) großen Gelände eines Auto-Logistikers an der Stauder-/Emscherstraße, das fast 1500 Wohnungen Platz böte.

Als immer noch „gut“ geeignet für den Wohnungsbau sortierten die Bürger weitere 16 Flächen ein, die größtenteils in der Nähe zur Stadtgrenze liegen, am Harscheidweg in Haarzopf etwa oder am Reibenkamp in Freisenbruch.

Absage an den Versuch, den Süden einzubeziehen

Zusammengenommen winkten die Bürger damit etwa 92 der 320 in Rede stehenden Hektar Baufläche durch, das entspräche rechnerisch einem Potenzial von rund 4600 Wohneinheiten. Doch unter all den Arealen, die gute oder sehr gute Noten bekamen und demnächst deshalb vorrangig von der Planungsverwaltung unter die Lupe genommen werden, findet sich kein einziges im Stadtbezirk IX, der Werden, Kettwig und Bredeney umfasst. Selbst unter den 13 Flächen, bei denen sich die Bürger eher unschlüssig waren, ob sie sich nun als Wohngebiete eignen, finden sich nur zwei aus dem Süden der Stadt, beide in Kettwig.

So offensichtlich war die Schieflage beim Bürgerforum, dass der Moderator, wie die Stadt jetzt in einer Dokumentation verrät, kurzerhand ausgleichend nachhelfen wollte: Er schlug vor, wenigstens eine Fläche der Priorität 3 zu einer „guten“ Wohnlage aufzuwerten, „aus Gründen der räumlichen Verteilungsgerechtigkeit“, wie es hieß.

Das Flughafen-Areal? Für die Bürger „ungeeignet“

Doch die Bürger winkten ab: Eine deutliche Mehrheit votierte per Handzeichen dafür, die Einsortierung so zu belassen. Mit der Folge, dass von 16 möglichen Flächen im Stadtbezirk IX immerhin 14 als für den Wohnungsbau „wenig geeignet“ einsortiert wurden. Zu den aus Bürgersicht eher ungeeigneten Standorten – insgesamt 51 an der Zahl – zählt übrigens auch das Flughafen-Areal an der Mülheimer Stadtgrenze. Dessen Wohnungs-Potenzial allein beziffert die Stadt mit 1550 Einheiten.

Und nun? Die Planungsverwaltung wird bei ihrem Arbeitsprogramm nach und nach erst einmal jene Flächen berücksichtigen, die von den Bürgern mit der Priorität 1 oder 2 versehen wurden. Dass dort gebaut wird, ist keineswegs sicher, sondern soll von der Politik erst im vierten Quartal dieses Jahres erörtert und entschieden werden.

„Dies ist eine große Chance für Politik“

Planungsdezernent Hans-Jürgen Best, der die Dokumentation des Bürgerforums am Donnerstag im städtischen Planungs-Ausschuss einbrachte, hielt sich mit einer Kommentierung der favorisierten Wohnbau-Standorte erst einmal zurück.

Stattdessen betonte er den Umstand, dass Bürger in diesem Prozess nicht aus subjektiver Betroffenheit, sondern unabhängig davon ihre Meinung zu neuer Bebauung formuliert hätten: „Dies ist eine große Chance für Politik, sich diese unabhängige Meinung zu Nutze zu machen.“

Ein „kurz-, mittel- und langfristiger Flächenspeicher“

Unterm Strich sieht die Planungsverwaltung die sortierte Flächenliste als einen „wichtigen kurz-, mittel- und langfristigen Flächenspeicher“.

Wie belastbar Bürgers Meinung ist, steht dabei allerdings auf einem anderen Blatt. Ablesbar ist dies am Beispiel der 2,5 Hektar großen möglichen Wohnbaufläche an der Laurastraße/Alte Hauptstraße in Burgaltendorf: Wegen einer Panne wurde das Areal von zwei Bürger-Gruppen bewertet. Die einen ordneten ihr Priorität 2 zu, für Wohnbau „gut geeignet“, die anderen urteilten mit Priorität 4, „eher nicht“.

So kann’s gehen.


>>> EINE BAULÜCKE VON 16.500 WOHNUNGEN

  • Nach einer Berechnung des Instituts für Wohnungswesen, Immobilienwirtschaft, Stadt- und Regionalentwicklung (InWIS) fehlen in Essen bis zum Jahr 2030 etwa 16.500 Wohnungen.
  • Dazu zählen etwa 4500 Eigenheime, 4200 Eigentums- und 7800 Mietwohnungen.
  • Durch Abriss und die Bebauung von Baulücken sowie unausgeschöpften Wohnbauflächen stehen für rund 7500 bis 11.500 Wohnungen Grundstücke parat.
  • Unterm Strich fehlen damit Flächen für 5000 bis 9000 Wohnungen, das sind 100 bis 200 Hektar Fläche.

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