Kommentar

Bischof Overbeck hat der Flüchtlingsdebatte einen Bärendienst erwiesen

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck (hier im September in Bochum) hat gepredigt: "So wie die Flüchtlinge ihre Lebensgewohnheiten ändern müssen, so werden auch wir es tun müssen."

Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck (hier im September in Bochum) hat gepredigt: "So wie die Flüchtlinge ihre Lebensgewohnheiten ändern müssen, so werden auch wir es tun müssen."

Foto: André Duhme

Essen.  Die Predigt von Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck zur Flüchtlingskrise fordert nicht nur Willkommenskultur, sondern gleich ein neues Land. Eine ideologische Spielerei mit dem Feuer. Ein Kommentar.

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Ein Bischof darf ein Moralist sein, er muss es vielleicht sogar. Das gilt erst recht in einer humanitären Ausnahmesituation, wie wir sie derzeit mit der Flüchtlingskrise erleben. Franz-Josef Overbeck, der Bischof von Essen, hat sich in einer Predigt am vergangenen Sonntag, dem „Caritas-Sonntag“, engagiert für eine Willkommenskultur ausgesprochen. Das wäre noch nicht sonderlich aufregend, das tun derzeit viele.

Overbecks Predigt aber wollte weit mehr, nämlich dem Land eine gänzlich neue Richtung verpassen. „So wie die Flüchtlinge ihre Lebensgewohnheiten ändern müssen, werden auch wir es tun müssen“ – mit diesem Kernsatz hat der Bischof einer Regel die Legitimation abgesprochen, an die sich schon unsere auswandernden Vorfahren halten mussten. Sie lautet: Wer in eine bestehende Gemeinschaft kommt, hat sich nun einmal mehr anzupassen als diese sich an ihn. Overbeck hat die im Land geltende Integrationsdoktrin wenn nicht auf den Kopf gestellt, so doch stark relativiert.

Eine Abrechnung mit Lebensweise und Wirtschaftsordnung

Der blanke Hass und die schlimmen Beleidigungen, die daraufhin auf Overbeck einprasselten, sind zu verurteilen, gar keine Frage. Doch dass eine solche, im Internet provokant präsentierte Predigt heftigen Widerspruch erntet, kann nun wirklich nicht überraschen. Im Stil eines konservativen Revolutionärs – die „Frankfurter Allgemeine“ spricht bissig von einem „Feldgottesdienst vor der Caritas“ – skizzierte Essens katholischer Oberhirte die Konturen eines Neu-Deutschland.

Schwärmerisch wird der Verlust von Kontrolle über das Staatsgebiet als Chance interpretiert, der im Sinne einer, Zitat, „neuen Welt“ letztlich hinzunehmen, ja geradezu zu begrüßen sei. Der Flüchtling wird hier als eine Art Heilsbringer gefeiert, der die Dinge, Zitat, „zum Guten und Neuen“ verändere. Wohlstand? Eine Illusion von gestern, die zu teilen, auf die aber mindestens teilweise zu verzichten sei. Wirtschaftlicher Erfolg scheint nach dieser Lesart prinzipiell Unrecht zu sein. Doch nun naht – schon mehr als nur klammheimlich begrüßt – die große Umverteilung.

Kurzum: Der Bischof von Essen hat aus einer Predigt eine Abrechnung mit einer Lebensweise und einer Wirtschaftsordnung gemacht, denen er offensichtlich in Abneigung verbunden ist. Unser Wohlstand ist aber oft genug etwas von kleinen Leuten hart Erarbeitetes – und nichts Frivoles, gegen das man intellektuellen Hochmut in Stellung bringen sollte. Hinter den geschützten Mauern des hohen Klerus wird das vielleicht nicht immer hinreichend zur Kenntnis genommen.

Problemlöser sind in Flüchtlingskrise auf Verständnis der Bürger angewiesen

Abgesehen davon, hat Overbeck der Flüchtlingsdebatte einen Bärendienst erwiesen. Die Entscheider in den Städten, die pragmatischen Problemlöser, haben alle Hände voll zu tun, für die Flüchtlinge das Nötige bereitzustellen. Sie wissen, dass sie auf das Verständnis und das Engagement der Bürger angewiesen sind – und dass deren berechtige Interessen parallel ebenfalls zu beachten sind. Ein schwieriger Spagat, der gerade auch in Essen bisher fast überall gelingt. Das soll so bleiben. Man kann nur jedem raten, nicht leichtfertig die Grenzen der Belastbarkeit auszutesten, auch nicht durch ideologische Verstiegenheiten. Ein langer Winter folgt noch.

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