Bierflaschen-Attacke

Bierflaschen-Attacke: Opfer enttäuscht über mildes Urteil

Julia war 17, als der brutale Überfall geschah. Mittlerweile ist sie 18. Auf ihren persönlichen Wunsch haben wir auf ein Foto von vorn und darauf verzichtet, ihren Nachnamen zu nennen.

Julia war 17, als der brutale Überfall geschah. Mittlerweile ist sie 18. Auf ihren persönlichen Wunsch haben wir auf ein Foto von vorn und darauf verzichtet, ihren Nachnamen zu nennen.

Foto: Stefan Arend

Essen.  Julia wurde überfallen und alle sahen zu: Das Video der Bierflaschen-Attacke im U-Bahnhof sahen Hunderttausende. Nun erzählt sie ihre Geschichte.

Julia, wer einmal die Aufnahme aus der Überwachungskamera gesehen hat, diese Szene, die zeigt, wie Ihnen eine Bierflasche auf dem Kopf zerschmettert wurde, der findet die Frage wohl auch sieben Monate später nicht banal: Wie geht’s dem Kopf?

Gerade heute ehrlich gesagt nicht so gut. Ich habe bei einer Kissenschlacht leider nochmal eins abbekommen, aus Versehen, aber genau an derselben Stelle. Ein kleiner Rückfall, das muss ich wirklich sagen. Wie ein Schock, so dass ich gar nicht wusste, was ich machen sollte. Ansonsten aber: gut.

Bereitet Ihnen der hinterhältige Überfall im übertragenden Sinne denn noch Kopfschmerzen?

Eigentlich nicht. Höchstens wenn die Straßenbahn mal von jetzt auf gleich nur bis zum Viehofer Platz fährt und alle raus müssen. Da habe ich ein grummeliges Gefühl und bleibe lieber in der Menge.

Über sieben Monate sind vergangen. Haben Sie in der Rückschau noch eine klare Vorstellung von dem, was an jenem 13. April um die Mittagszeit im U-Bahnhof passiert ist?

Sehr genau sogar. Ich war hochkonzentriert, alles kommt wie in Zeitlupe in Erinnerung. Als hätte der Überfall zwei, drei Minuten gedauert.

„Mach irgendwas, du kannst nicht nichts machen“

Dabei waren es nur 14 Sekunden.

Wie viel mir aber dennoch durch den Kopf gegangen ist! Dieser heftige Schlag. Die grünen Glassplitter, die über mich geflogen sind. Ich dachte: Oh Gott, was passiert hier gerade? Was soll das? Ich war selber überrascht, dass ich danach noch stand. Warum machen die das? Warum sagen die nix? Was machste jetzt am besten? Darfst du die verletzen? Ich hab ja währenddessen mit meiner Mutter telefoniert und immer wieder ins Handy geschrien: Es ist alles gut, mach Dir keine Sorgen!

Im Video reagieren Sie extrem kontrolliert. Der erste Tritt gegen den Angreifer nach dreieinhalb Sekunden.

Das kam automatisch. Ich habe sofort selber zu mir gesprochen: Mach irgendwas, du kannst nicht nichts machen. Ich habe versucht, mein Handy zu umklammern und wollte mich losreißen, dachte dann aber: Ich kann ja nicht boxen, wenn ich mein Handy in der Hand hab...

...das sollte man an dieser Stelle einflechten: Sie sind Kickboxerin...

...etwa seit dem zehnten Lebensjahr, und da hatten wir oft auch Selbstverteidigungs-Unterricht: Was tun, wenn dich jemand von hinten attackiert? Ich bin in Gedanken Schlagtechniken durchgegangen, die ich anwenden könnte. Losreißen mit dem einen Arm und zuschlagen, aber ich hatte ja mein Handy, und wenn ich das fallengelassen hätte, hätten die ihr Ziel erreicht. Das wollte ich auf gar keinen Fall.

„Vier Stunden warten in der Notaufnahme“

Darf der junge Mann sich vom gesundheitlichen Standpunkt her glücklich schätzen, dass Sie Ihr Handy nicht haben fallen lassen wollen?

Ja, auf jeden Fall. Ich ärgere mich im Nachhinein immer noch. Das wäre wahrscheinlich so schön auf dem Video gewesen, wenn ich ihm noch eins auf die Nase gegeben hätte. Schade, ein richtiges Erfolgserlebnis wäre das gewesen. Stattdessen hat mich später die Sorge umtrieben, ob man auf dem Video sieht, dass ich mich als Kickboxerin womöglich blamiert habe.

Haben Sie nicht. Besagtes Video endet nach 25 Sekunden mit der Flucht der beiden Täter. Wie ging’s weiter?

Ich stand zuerst zitternd da. Wollte hinterherrennen, dachte aber: Wenn er noch irgendwas in der Hand hat, um damit zu schlagen, liege ich wahrscheinlich doch noch bewusstlos am Boden. Ich habe den ganzen Bahnhof zusammengeschrien, das hörte ein Mann mit zwei Hunden, der die beiden verfolgt, aber nicht mehr erwischt hat. Dann bin ich mit der Bahn nach Hause gefahren und später ins Krankenhaus: vier Stunden warten in der Notaufnahme.

Blieb es beim Brummschädel?

Neben der Gehirnerschütterung und den Wunden durch die Glassplitter hat sich leider meine Wirbelsäule vom Hals oben an abwärts verschoben. Das gibt sich wieder, bei erneuten Aufschlägen ist sie aber dann viel leichter zu verschieben.

„Ich wollte wissen: Wie sind die jetzt drauf?“

Wie muss man sich die Tage danach vorstellen?

Ich habe relativ viele Witze darüber gemacht, hab versucht, das Ganze nicht so ernst zu nehmen. Und nach dem dritten Tag bin ich zurück zu meinem Praktikum beim Allbau in der Innenstadt. Von allen Seiten wurde ich gefragt, ob man mir irgendwie helfen kann.

Und? Konnte man?

Nein. Vor allem bei Freunden war das schwierig. Viele hatten Mitleid, wussten aber nicht mit der Situation umzugehen und waren überfordert. Aber allein die Geste, dass viele sich angeboten haben, war was Schönes.

Nach zwölf Tagen stellte sich der erste der beiden Täter. Tags darauf wurde der zweite gefasst. 16 der eine, 17 der andere. Was ging Ihnen da durch den Kopf?

Eine Art Erleichterung war das auf jeden Fall. Aber ich kann nicht sagen, dass ich mich dann plötzlich sicherer gefühlt habe. Ich hatte auch so schon ein gutes Gefühl.

Und am Tag des Prozesses...

...war ich Nebenklägerin, weil ich dachte: ganz oder gar nicht. Ich wollte die Hintergründe wissen, wollte wissen: Wie sind die jetzt drauf? Ich war neugierig.

„Erst war eine andere Frau als Opfer ausgeguckt“

Und? Hat die Verhandlung Ihren Erwartungen entsprochen?

Überhaupt nicht. Ich hatte mir diese Atmosphäre im Gerichtssaal ganz anders vorgestellt. Von den Medien, vom Fernsehen hat man ein Bild im Kopf, da wirkt das alles so groß und mächtig.

Na ja, vor allem in US-Serien...

...natürlich. Ziemlich bedrückt hat mich, dass mein Psychologe an dem Tag leider nicht kommen konnte. Und schade, dass meine Eltern nicht mit reingelassen wurden, weil ich mittlerweile 18 war.

Haben Sie wenigstens erfahren, warum man Sie angegriffen hat?

Die beiden brauchten dringend Geld und wollten mein Handy, um es zu verticken. Dass sie an diesem Tag ein Opfer suchten, war abgesprochen, per WhatsApp. Dazu kamen sie eigens nach Essen.

Und Sie liefen denen vor die Füße?

Erst war eine andere Frau mittleren Alters als Opfer ausgeguckt. Da waren aber offenbar zu viele Leute ringsum. Da standen sie dann vor dem Allbau und sahen mich.

Beide Täter sind Deutsche mit Zuwanderungsgeschichte. Spielte das für Sie an irgendeinem Punkt der Geschichte eine Rolle?

Nein, überhaupt nicht. Es liegt ja nicht an der Herkunft, auf welche dummen Gedanken jemand kommt.

„Soll ich mich jetzt schlecht fühlen?“

Haben die beiden Täter Ihnen gegenüber mal Reue gezeigt?

Ja, am Ende der Verhandlung kam eine Entschuldigung, aber die klang wie: Ich muss jetzt was sagen, damit ich besser wegkomme. Und das hörte sich dann so an: „Ja, es tut uns wirklich leid. Leider hat der Überfall ja nicht geklappt...“ Und ich saß da echt nur fassungslos und dachte: Hat er das jetzt wirklich gesagt? Zuvor hatte mir einer der Jungs, der Schläger, einen Brief geschrieben. „Es tut mir wirklich leid, Ihnen Schaden zugefügt zu haben“, stand da etwa. „Auch ich habe mir Schaden zugefügt. Ich leide auch darunter.“ Da habe ich mich echt gefragt: Soll ich mich jetzt schlecht fühlen, weil er es nicht geschafft hat, mir mein Handy wegzunehmen?

Am Ende steht für beide zwei Jahre Gefängnis, ausgesetzt zur Bewährung – das Straf-Maximum, bei dem jemand auf freiem Fuß bleiben kann, wobei in diesem Fall die Unterbringung im Internat angeordnet wurde. Zufrieden mit dem Urteil?

Nein. Ich bin wirklich mit der Überzeugung in die Verhandlung gegangen, die kommen ins Gefängnis. Einfach wegen dieser Heimtücke. Und es hieß auch: Wäre es nicht nach dem Jugend-Strafrecht gegangen, wären sie für mindest drei bis fünf Jahre eingefahren. Die hätten einen abbekommen müssen, und dementsprechend ärgere ich mich umso mehr, dass ich dem einen Typen nicht was auf die Nase gegeben habe.

„Ihr habt mich gehört – und ihr habt nichts gemacht“

Hat man solche Gewaltfantasien, weil man sich ungerecht behandelt fühlt?

Es kribbelt, auf jeden Fall.

Wie gehen Sie damit um?

Tief schlucken. Am besten nicht tiefgründig darüber nachdenken. Sich nicht auf diesen Hass fixieren, sondern sagen: Es ist letztlich doch gut gelaufen. Besser, ich habe es abbekommen, weil ich das ganz gut wegstecken kann, als jemand anderes. Es hätte alles viel schlimmer ausgehen können.

Und das am helllichten Tag mitten in der Stadt an einem belebten Ort.

Das war’s ja, was mich so enttäuscht hat: Ich hab den ganzen Bahnhof zusammengeschrien, bin nach dem Überfall fünf Meter weiter gegangen, und da war alles voller Menschen. Locker 20 Leute standen da und starrten mich mit weiten Augen einfach nur geschockt an. Und ich dachte mir: Ihr habt mich gehört – und ihr habt nichts gemacht. Niemand – mal abgesehen von dem jungen Mann mit den beiden Hunden – hat einen Finger gerührt, die sind zum Teil sogar noch einen Schritt von mir weggegangen, wohl weil sie sich schlecht gefühlt haben. Ich frage mich: Was denken sich diese Leute jetzt, wenn sie das Video sehen?

Welche Lehre ziehen Sie daraus? Im Zweifel bist du in einer solchen Situation mutterseelenallein?

Das auf jeden Fall. Man sollte sich deshalb immer alleine durchsetzen können. Sich selbst in den Hintern treten. Tun, was man kann.

„Will ich wirklich abends raus, will ich durchs Dunkle?“

Viele Frauen rüsten sich mit Pfefferspray oder dergleichen aus.

Wenn es jemandem hilft und das Selbstbewusstsein stärkt – warum nicht? Habe den Mut!, denke ich. Trau dich! Bloß keine Schockstarre. Alles ist besser, als nichts zu tun, denn damit rechnen die Täter nicht. Ich glaube, ich selber würde auf jeden Fall helfen.

Das glaubt man Ihnen aufs Wort. Wenn unsereins mal Hilfe braucht, würde er sich auch jemanden mit Kickbox-Erfahrung an seiner Seite wünschen.

Klar, aber es macht schon viel aus, wenn einfach jemand nur kommt und schreit. Der Mann, der mir zur Hilfe kam, hat auch erst mal nur gerufen: Hallo, was ist da los? In dem Moment wurde ich losgelassen.

Hat dieser Vorfall Ihr Sicherheitsgefühl auf Dauer beschädigt?

Ja, ganz sicher. Ein paar Wochen zuvor habe ich noch ohne jede Bedenken um zwei Uhr morgens alleine den Nachtexpress genommen. Hast ja nur ein paar Meter von der Station bis nach Hause. Mittlerweile denke ich doch schon mal darüber nach: Will ich denn wirklich noch abends raus, will ich durchs Dunkle, nehme ich einen Zug früher? Wer weiß, was für Leute da rumlungern. Es kommt immer auch drauf an, wo man hin möchte.

Leuten, die vom Pferd fallen, sagt man, sie sollen der Angst keinen Raum geben, sondern schnellstmöglich wieder in den Sattel steigen. Fahren Sie heute wieder U-Bahn?

Ja, die ganze Zeit schon wieder.

„Ich bin wegen der Sache nicht aggressiver geworden“

Also blieb keine Angst zurück, sondern nur – kann man das so sagen – größere Vorsicht?

Genau. Vor allem, wenn ich an besagtem Bahnhof noch mal gezwungenermaßen aussteigen muss. Freiwillig würde ich da bestimmt nicht noch mal ein- oder aussteigen.

Verändert so ein Vorfall die eigene Einstellung zur Gewalt?

Wenn ich jemals noch mal angegriffen werde, werde mich auf jeden Fall wieder mit meinen Möglichkeiten verteidigen. Ich bin wegen der Sache nicht aggressiver geworden. Ich kann mich schon noch selber kontrollieren.

Das Jahresende ist immer die Zeit, persönlich Bilanz zu ziehen. In unserem Jahresrückblick wird der Überfall auf Sie sicher größer auftauchen. Und in Ihrem?

Ich würde bei weitem nicht nur an den Überfall denken, das wäre für mich komplett nebensächlich. Ich war viel unterwegs, habe Sprachreisen gemacht und Urlaub, habe nette Leute kennengelernt. Mein Jahr war nicht so schlecht.

Mit Julia sprach Wolfgang Kintscher.

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