Sommeraktion

Besuch der Feuerwache: Mit der Drehleiter in den Himmel

Nur fliegen ist schöner: Leser schweben über der Essener Hauptfeuerwache.

Nur fliegen ist schöner: Leser schweben über der Essener Hauptfeuerwache.

Foto: Christof Köpsel / FUNKE Foto Services

Bei unserer Sommeraktion besuchten 30 Leser die Essener Feuerwache, bekamen spannende Einblicke und fuhren mit der Drehleiter in luftige Höhen.

30 Meter ragt der rote Turm in den Himmel über der Hauptfeuerwache an der Eisernen Hand. „Mit einem Aufzug wurden hier früher die Schläuche hochgezogen und nach dem Waschen zum Trocknen aufgehängt“, erzählt Mike Filzen, Sprecher der Essener Feuerwehr. Den 56-jährigen kennen praktisch alle in der Stadt – nicht erst seit der 14. Bombenentschärfung: So viele hat es von Januar bis August in Essen schon gegeben. Viel Arbeit für Filzen und die Kameraden.

Drei Stunden führt der Feuerwehrsprecher die Leser durch die Hauptwache. Er ermöglicht eine Fülle spannender Einblicke „von der ersten bis zur letzten Minute“, wie Michael Wittelsbach aus Rüttenscheid am Ende lobt. Im Hörsaal der Feuerwehrleute startet die Besucher-Runde mit einer Reihe beeindruckender Zahlen: 2018 zählte man in den neun Essener Wachen 157.000 Einsätze. Davon entfielen 70.000 auf die Notfallrettung, weitere 70.000 auf Krankentransporte. Filzen: „Der Rest sind Brände, Umweltschutzeinsätze, technische Hilfeleistungen oder Tierrettungen. Auch die haben wir im Angebot!“

Piepston warnt, wenn die Luft knapp wird

Auf der Atemschutzübungsstrecke, wo auch die Endlosleiter fürs Training an der Wand hängt, darf Rocco (11) aus Borbeck die schwarze Atemschutzmaske aufsetzen. Er begleitet die Patentante bei der WAZ-Sommeraktion. In der Sechs-Liter-Pressluftflasche ist ein Vorrat von rechnerisch 1.800 Litern komprimierter Luft. Das reicht bei körperlicher Arbeit etwa 20 Minuten. Ein Piepston warnt, wenn die Luft knapp wird. Rund 1200 Feuerwehrleute – davon 740 bei der Berufsfeuerwehr – stehen in Essen 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr parat, um andere zu retten. Manchmal riskieren sie ihr eigenes Leben. „Spätestens acht Minuten nach Absetzen des Notrufs sind wir mit einem Fahrzeug vor Ort!“, betont Filzen. Oft sei man schneller. „Vom abgerissenen Fingernagel bis zum Herzinfarkt haben wir alles dabei!“ Für längst nicht alles müssten die Männer ausrücken. „Wer nur ein paar Zentimeter hoch Wasser im Keller hat, ist mit einem Aufnehmer besser bedient!“

Filzen öffnet den Besuchern einige sonst geheime Türen, hinter denen es auffallend still ist. Keine Hektik, von aktuellen Einsätzen mit Blaulicht und Martinshorn bemerken die Besucher nichts. „Wir haben einen ruhigen Abend erwischt.“ Wie heiß es in seinem Job hergeht, ist auf der Atemschutzstrecke zu erspüren. Gute 40 Grad Celsius herrschen in dem fensterlosen Raum mit den eisernen Käfigen. Hier müssen die Männer und die elf Feuerwehrfrauen regelmäßig unter möglichst realistischen Bedingungen den Ernstfall üben. Wie bei einem Kellerbrand kämpfen sie sich kriechend durch Nebel und Dunkelheit vorwärts. Und das in voller Montur, mit rund 30 Kilo am Leib. Am Ende gilt es, menschengroße Puppen zu retten. Hilfeschreie vom Band verstärken die authentische Wirkung. Sich durch die enge Röhre zu zwängen, ist nichts für Feiglinge oder Unsportliche. „Wer das schafft, muss richtig fit sein!“, findet Leserin Petra Träptau aus Stadtwald.

„Steigen Sie bei einem Brand niemals in den Aufzug“, warnt der Experte beim Gang in die Leitstelle. Ein verheerender Fehler, den im April 1996 beim Feuer im Terminal A des Düsseldorfer Flughafens einige Menschen mit dem Leben bezahlen mussten. „Wenn der Qualm schon im Treppenhaus ist, schließen Sie die Tür schnell wieder und lassen Sie sich mit der Drehleiter retten!“

Beim Sturm Ela klingelten die Telefone ohne Pause

Das Herz der Wache liegt im neueren Trakt, seit elf Jahren im Betrieb. Es gibt zwölf Plätze und 18 reine „112“-Notrufleitungen sowie weitere 120 „normale“ Anschlüsse. „Das klingt viel, aber bei Ela haben unsere Telefone ununterbrochen geklingelt“, sagt Sebastian Rothe, seit 20 Jahren im Dienst. Das Gewittertief am Pfingstmontag 2014 ist auch Filzen lebhaft im Gedächtnis, neben etlichen tragischen Einsätzen seit 1984, als der gelernte Radio- und Fernsehtechniker zur Feuerwehr kam. In der Leitstelle hat er auch eine Zeit lang gearbeitet. Wer einen Notruf tätigt, sollte eines bedenken. „Die Adresse ist immer das Wichtigste! Sonst geht wichtige Zeit verloren“, betont Rothe. 210.000 Notrufe gehen pro Jahr in Essen ein. Doch nicht aus jedem wird ein Einsatz. Tagsüber alle zweieinhalb, nachts etwa alle fünf Minuten wird das Team in der Leitstelle unter der 112 angerufen.

Wenn es zum Alarm schellt, ist die von einem Chicagoer Feuerwehrmann 1878 erfundene Stange immer noch der schnellste Weg von den Aufenthaltsräumen in den oberen Etagen nach unten zu den Fahrzeugen. Fürs perfekte Pressefoto rutscht Filzen gleich zweimal aus dem ersten Stock. Über den Köpfen der Besucher schwingt er sich gekonnt aus der Tür, Hände und Beine halten die glatte Stange fest umschlossen. Schon saust der Feuerwehrprofi fünf Meter in die Tiefe. Mit den Füßen zuerst. „Einer hat es mal andersherum probiert!“, sagt er. Zum Glück waren die Retter schon vor Ort …

Dann wollen die Leser noch zur Drehleiter. Unter den Ersten im Korb ist der elfjährige Rocco. Vier ineinandergesteckte Leiter-Teile schieben sich per Knopfdruck langsam aus. Am Ende sind die Gäste mit dem roten Turm auf Augenhöhe. Und genießen besondere Ausblicke im Himmel über der Eisernen Hand. Die Feuerwehrschläuche werden übrigens längst in Spezialwaschmaschinen in Kupferdreh gereinigt.

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