Prozess

Beleidigung: Richter stellt Verfahren gegen Ex-Notar ein

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Essen  77 Jahre alt ist der frühere Notar. Jetzt sitzt er wegen Beleidigung vor Gericht. Doch ein Essener Richter hat Erbarmen mit ihm.

Rechtsanwalt war er, Notar auch. Angesehen in seinem Beruf, den der 77-Jährige seit zehn Jahren nicht mehr ausübt. Und jetzt ist er plötzlich Angeklagter. Er soll die Inhaberin einer Werdener Modeboutique beleidigt haben.

Wer den Juristen im Ruhestand vor dem Essener Amtsrichter Matthias Pohlkamp agieren sieht, dürfte am Dienstag nicht den Eindruck haben, dort säße der Angeklagte. Selbstbewusst tritt er auf, den prallen Aktenordner vor sich auf dem Tisch. Unwillkürlich denkt der Beobachter an eine alte Juristenweisheit: "Wer sich selbst vertritt, hat einen Narren zum Mandanten." Verteidiger Frank Bergmann hat denn auch seine liebe Mühe, den Angeklagten an mancher Äußerung zu hindern.

Ehepaar musste die Modeboutique verlassen

Am 1. September vergangenen Jahres hatte der Angeklagte mit seiner Ehefrau eine Boutique in der Werdener Innenstadt betreten. Doch die Inhaberin will diese Kunden nicht haben, fordert das Ehepaar unter Berufung auf ihr Hausrecht zum Verlassen der Geschäftsräume auf.

Der Anwalt, so die Anklage, will das nicht kommentarlos hinnehmen. Laut soll er zu seiner Frau gesagt haben: "Ob sie ihre Drogensucht mittlerweile im Griff hat?" Das wäre die Beleidigung.

Angeklagter nimmt "voll umfänglich Stellung"

Ob der Angeklagte sich dazu äußern will, fragt Richter Pohlkamp. Die Antwort kommt sofort: "Ich nehme voll umfänglich Stellung." Was dann zu hören ist, grenzt manchmal auch schon wieder an die Grenze des guten Geschmacks. Denn da ruft die Inhaberin nicht, sondern "sie keifte". Der Notar und seine Frau seien schockiert gewesen, hätten aber nichts gesagt. Nur: "Ich zischte meiner Frau zu: ,Und ich dachte, die wäre im Drogenrausch vor einen Baum gefahren'."

Der Hintergrund, man ahnt es, liegt lange zurück. 2013 hatten beide Seiten wohl einen Unfall, erstatteten gegenseitig Strafanzeigen, die ergebnislos verliefen. Angeblich soll die Boutique-Inhaberin ihn wegen Unfallflucht angezeigt haben. Der Angeklagte möchte gerne, dass Richter Pohlkamp den alten Fall jetzt wieder aufrollt, weil das die Glaubwürdigkeit der Frau erschüttern werde.

Richter macht Vorschlag zur Güte

Doch Pohlkamp will das nicht. Er will auch nicht viel über die Rechtsrecherchen hören, die der Notar betrieben hat. Er macht lieber einen Vorschlag zur Güte.

Das Verfahren, so der Richter, solle eingestellt werden gegen Zahlung von 100 Euro ans Kinderhospiz. Tatsächlich stimmt der Ex-Notar zu. Allerdings betont er, dass dies "ohne Anerkennung einer Rechtspflicht oder eines Verschuldens" erfolge. Denn es läuft noch ein Zivilrechtsstreit. Da soll es um Schmerzensgeld gehen, das der Notar zahlen soll.

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