Verkehrspolitik

Radlerlobby gibt Fahrradstraße Rüttenscheid schlechte Noten

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Eine typische Situation auf der Rüttenscheider Straße: Ein Lastwagen hält, ein anderer überholt und der Verkehrsfluss auch für Radfahrer stockt.

Eine typische Situation auf der Rüttenscheider Straße: Ein Lastwagen hält, ein anderer überholt und der Verkehrsfluss auch für Radfahrer stockt.

Foto: Kerstin Kokoska / FUNKE Foto Services

Essen.  Drei Fahrradstraßen und eine Umweltspur hat Essen vor einem Jahr eingeweiht – vielfach mit Skepsis. Besonders an einer Stelle gibt es Probleme.

Über ein Jahr ist es nun her, dass die Stadt Essen drei Fahrradstraßenrouten in den Stadtteilen und die Umweltspur am Stadtkern einweihte. Das drohende Dieselfahrverbot drückte, sogar Straßensperrungen standen im Raum, rasch mussten Projekte her, die den guten Willen der Stadt demonstrieren sollten, eine Verkehrswende voranzutreiben. „Die Radfahrer haben die Angebote gut angenommen“, bilanziert Umweltdezernentin Simone Raskob. Ein Zahlenwerk und weitere Analysen, die die Stadt derzeit aufbereitet und im Oktober vorstellen will, sollen dann Details offenbaren. Wahrscheinlich ist schon jetzt, dass sich daraus neue Verschärfungen für Autofahrer begründen lassen.

Auf der Rüttenscheider Straße wurde der Umbau mit besonderem Argwohn betrachtet

Vor allem die Änderungen auf der „Fahrradstraßenachse B“, wie die Rüttenscheider Straße im Planerdeutsch heißt, wurden mit besonderem Argwohn betrachtet, und das mit Recht, wie sich schnell zeigte. Die Zwischenbilanz fällt jedenfalls so aus, wie es bei einem hart erkämpften Kompromiss zwischen verschiedenen Verkehrsträgern nicht anders zu erwarten war: Niemand ist so ganz zufrieden, und vor allem bei der Radfahrerlobby gibt es teils auch scharfe Kritik.

Ein beliebiger Tag auf der Rüttenscheider Straße zeigt die Probleme: Das Wort Fahrradstraße suggeriert eine Vorrangstellung, die es auf der Rü nicht gibt und faktisch auch gar nicht geben kann. Wenn an Vormittagen oft mehrere Lkws leicht versetzt an den Restaurants und Bäckereien auf der Straße ihre Liefervorgänge erledigen, stehen die Radfahrer mit genervten Mienen gemeinsam mit den Autofahrern im Stau oder fahren im Slalom an den haltenden Lkws vorbei.

Aufstellflächen für Radfahrer an Ampeln sind öfter nutzlos

Und an roten Ampeln sind die extra aufgepinselten Aufstellflächen für Radfahrer vor der Schlange nutzlos, wenn an den wartenden Autos wegen ihrer hohen Anzahl rechts kein Vorbeikommen ist. Manchmal, weiß die Essener Polizei, werden diese Aufstellflächen von Autofahrern aber auch aus Unwissenheit schlicht ignoriert: sie stellen sich selbst drauf.

Die Folge dieser und anderer Misshelligkeiten sind viel schlechte Laune und manchmal auch Aggressionen, befördert immer wieder durch Unwissenheit. Einige Autofahrer etwa halten erkennbar nicht viel von Tempo 30, das auf der Rü gilt. Bei einer umfangreichen Kontrolle Anfang September nannte auch der Leiter des Verkehrsdienstes der Essener Polizei, Andreas Malberger, zu hohe Geschwindigkeit als größtes Problem auf Fahrradstraßen.

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Auch das Nebeneinanderfahren zweier Radfahrer ist keine nickelige Schikane, wie mancher wüst überholende Autofahrer glaubt, sondern ebenso ausdrücklich erlaubt wie das Radfahren Richtung Fahrbahnmitte. Umgekehrt gibt es Radler, die Staus forsch auf dem Gehweg umfahren, was gleichfalls verboten ist. Darüber wiederum beschweren sich Fußgänger, wie die Polizei betont.

IGR: Die Rüttenscheider Straße war nie als Fahrradstraße geeignet

„Die Rüttenscheider ist als Fahrradstraße eben nicht geeignet, das haben wir von Anfang an betont“, sagt Rolf Krane, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Rüttenscheid. Andererseits will Krane nicht schwarz malen: Meistens funktioniere das Miteinander irgendwie, mehr sei schon wegen der vielen autofahrenden Anwohner und des nicht beliebig vermehrbaren Straßenraums schwer zu erreichen.

Mirko Sehnke, Sprecher des Essener Fahrradverbands ADFC, teilt die Meinung, dass die Fahrradstraße Rü nicht gut funktioniere. Als Folge fordert er aber das glatte Gegenteil des IGR-Chefs, nämlich weniger Kompromisse und mehr Restriktionen für Autofahrer. Vor allem fordert er Abbiegezwänge, damit die Autos nicht die ganze Rü in beiden Fahrtrichtungen nach Belieben durchfahren können, besser noch sei der Umbau in gegenläufige Einbahnstraßen.

„Gut ist, dass deutlich mehr Fahrradfahrer unterwegs sind, seit die Rü offiziell Fahrradstraße ist“, sagt Sehnke. Das zeige den hohen Verkehrswert der Straße für den Radverkehr, dem nun aber wirklicher Vorrang folgen müsse. Eine Forderung, die Rolf Krane weiterhin strikt ablehnt, da für die Rüttenscheider Geschäfte Probleme zu befürchten sind, wenn autofahrende Kunden die Rü nicht mehr direkt anfahren können, sondern auf Suchfahrt in die Nebenstraßen geschickt werden.

Die Fahrradstraße vom Südviertel nach Frohnhausen funktioniere besser

Deutlich weniger zu meckern aus Radlersicht gibt es bei der Fahrradstraßenachse A, die vom Südviertel nach Frohnhausen führt, mit der Gemarkenstraße als zentralem Abschnitt. „Sie ist brauchbar“, urteilt Sehnke knapp, wenngleich an einigen Stellen in Frohnhausen bei der Querung von Hauptstraßen Komfortverluste für Radfahrer zu beklagen seien. Positive Folge: „Da ist definitiv mehr Fahrradverkehr als vorher“, so Sehnke. Keinen Verkehrswert habe hingegen die Achse C von Steele nach Zollverein, die lausig ausgeschildert sei und einfach abseits von Routen läge, die für Fahrradfahrer interessant sind.

Schließlich ist da noch die Umweltspur an der Schützenbahn und an der Bernestraße, wo die Stadt teils mit viel Aufwand Rampen und abgetrennte Fahrradwege („Protected Bike Lines“) baute. Allein, der Effekt ist gering. „Wenn ich dort entlang fahre, bin ich meistens allein“, sagt Mirko Sehnke, der dies allerdings auch auf die Schnittstellen mit dem Autoverkehr zurückführt, die teils wenig radlerfreundlich seien. Wer als Radler von Norden kommend schon mal versucht habe, den Varnhorstkreisel zu überwinden, um auf die Bike Lane zu gelangen, der wisse was gemeint ist.

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