Umschulung

Azubi mit Mitte 40: Essenerin startet neu ins Berufsleben

Azubi und Chef: Simone Tönnies geht bei Optikermeister Daniel Busch in die Lehre.

Azubi und Chef: Simone Tönnies geht bei Optikermeister Daniel Busch in die Lehre.

Foto: Klaus Micke / FUNKE Foto Services

Essen.  Simone Tönnes war es leid, sich mit Minijobs abspeisen zu lassen. Deshalb begann sie mit 45 Jahren nochmal eine Lehre als Augenoptikerin.

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Simone Tönnes ist 45 Jahre alt und geht seit September wieder regelmäßig zur Berufsschule. In ihrer Optikerklasse ist sie damit zwar mit Abstand die Älteste. Aber am Arbeitsmarkt bei weitem kein Einzelfall. Denn immer mehr Menschen entscheiden in der Lebensmitte, sich beruflich nochmal neu zu orientieren. Doch zur Wahrheit gehört auch: Ohne eine finanzielle Unterstützung durch die Arbeitsagentur gelänge das wohl den wenigsten. Auch Simone Tönnes ist so ein Fall.

Augenoptikermeister Daniel Busch (42) erinnert sich noch an den Tag, als Simone Tönnes beim ihm im Laden am Grendplatz in Steele stand. Seit Wochen suchte er schon vergebens eine Nachfolge für eine Mitarbeiterin, die das Geschäft verlassen hatte. Auf Stellenanzeigen in einschlägigen Optikerportalen „gab es Null Reaktion“, erzählt er. Er fragte Kollegen, ob sie ihm helfen können. Doch bei ihnen erntete er nur bedauernswerte Blicke. Sie hätten selbst Sorgen, Fachkräfte zu finden.

Und da stand da plötzlich Simone Tönnes und schlug Daniel Busch vor, dass sie bei ihm arbeiten wolle. Eine Freundin, die ebenfalls im Laden arbeitet, hatte ihr von der offenen Stelle erzählt. Simone Tönnes hat in jungen Jahren erst im Einzelhandel gelernt und dann zur Kauffrau im Gesundheitswesen umgeschult. Zuletzt arbeitete die Mutter einer zehnjährigen Tochter in einem Minijob bei einer Postagentur. Mit Kunden umgehen, das konnte sie also. Doch Daniel Busch macht keinen Hehl daraus, dass er anfangs skeptisch auf ihre Bewerbung reagierte. Nicht wegen des Alters – immerhin ist er als Chef jünger als seine Auszubildende – , aber er wollte lieber eine ausgebildete Optikerin einstellen. „Gerade wir als kleines Geschäft müssen uns von den großen Ketten abheben.“ Einfach nur Brillen verkaufen, damit sei es nicht getan. Deshalb fragte Daniel Busch Simone Tönnes, ob sie bereit wäre, den Beruf von Grund auf zu lernen.

In der Berufsschule muss Simone Tönnes wieder Mathe und Latein pauken

„Ich habe nicht lange überlegt. Aber ich bin ehrlich. Dass ich wieder zur Schule gehen muss, das habe ich in dem Moment völlig ausgeblendet.“ Simone Tönnes ist im September gleich ins zweite Lehrjahr eingestiegen und muss sich den Stoff des ersten nun zusätzlich erarbeiten. Auf dem Lehrplan stehen Mathe und Biologie. „Beim Formelumstellen tue ich mich noch schwer. Das musste ich schließlich fast 30 Jahre nicht mehr machen“, erzählt sie. Auch lateinische Begriffe muss sie nun pauken. Auf die Hilfe ihrer jüngeren Mitschüler kann sie setzen. Und Simone Tönnes wiederum hilft ihnen mit ihrer beruflichen Erfahrung in Fächern wie Wirtschaft. „Da ergänzen wir uns gut.“

Ihre Ausbildung bzw. Umschulung wird über zwei Jahre von der Arbeitsagentur gefördert. Daniel Busch zahlt ihr keinen Lehrlingslohn sondern ein tarifübliches Helfergehalt. Dafür wiederum bekommt er einen erklecklichen Lohnzuschuss von der Arbeitsagentur. Wie viel genau, wollen beide Seiten nicht sagen. Aber kleine Betriebe können bis zu 75 Prozent der Kosten von der Behörde bekommen. Unterm Strich zahlt er für Simone Tönnes nicht mehr als für eine Aushilfe. „Ich glaube, ohne die Förderung hätte ich das nicht gemacht“, räumt er ein. Simone Tönnes ist sein erster Azubi. Ausbildung generell könne er sich als kleiner Betrieb mit drei Mitarbeitern nicht leisten, meint er.

Simone Tönnes hatte die prekären Jobs satt

Aus Sicht der Arbeitsagentur ist Daniel Busch deshalb vielleicht ein Beispiel dafür, wie Arbeitgeber am Ende doch überzeugt werden können, künftig selbst in Ausbildung zu investieren. Denn die Ausbildungsquoten der Betriebe in Essen sinken seit Jahren. Trotz der hohen Förderung ist das auch „für uns eine Win-Win-Situation“, sagt Stephanie Hermann, Geschäftsführerin Operativ bei der Arbeitsagentur. Berufsrückkehrerinnen wie Simone Tönnes hätten schließlich noch ihr halbes Berufsleben vor sich. Doch wenn man wie die 45-Jährige über zehn Jahre aus dem gelernten Beruf raus ist, bleiben oft nur schlecht bezahlte Helferjobs, Minijobs oder gar Arbeitslosigkeit im Lebenslauf stehen.

Auch Simone Tönnes ist froh, über die neue Chance, die sich nun eröffnet. Sie hatte ihr Dasein in prekären Arbeitsverhältnissen satt. Ständig für den Chef auf Abruf zu sein; nie zu wissen, auf wie viel Stunden und somit Lohn sie am Monatsende kommt. „Das alles wollte ich nicht mehr.“

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