Essen-Bredeney. Seine Kneipe ist Kult in Essen: Die „Alte Schmiede“ wird 60 – und am Wochenende hebt Wirt Hans Borgsmüller mit seinen Gästen die Tassen.

1963 ist ein bewegtes Jahr: John F. Kennedy besucht Berlin und wird einige Monate später in Dallas erschossen; Ludwig Erhard löst Konrad Adenauer als Bundeskanzler ab; die Beatles bringen ihr erstes Album heraus. Und: Aus einer alten Schmiede in Essen-Bredeney wird eine Gastwirtschaft mit dem Namen „Zur alten Schmiede“. Und genau diese Kneipe feiert am kommenden Wochenende ihr 60-jähriges Bestehen.

Ein erster Blick in den Gastraum verrät: Hier ist vieles noch genauso, wie es auch bei der Eröffnung war. Die Holzvertäfelung an den Wänden, die Delfter Fliesen hinter der Theke, all das ist noch original erhalten, erzählt Wirt Hans Borgsmüller, der sich in den vergangenen Jahrzehnten in mehreren Kneipen und Gaststätten Essens den Ehrentitel „Kult-Wirt“ erworben hat. „Früher gab es hier einen Steinboden, den haben wir mal rausgenommen und durch Laminat ersetzt“, blickt er durch den Raum. „Auch die Heizung haben wir ausgetauscht und ein paar von den Möbeln. Aber davon abgesehen ist hier alles so, wie es ursprünglich mal war.“ Und das bedeutet: Die „Alte Schmiede“ ist das, was man heute als echte Ruhrgebietskneipe bezeichnen würde. Oder auch: urig.

Ein Bier an der Theke, die Knobelrunde am Tisch und diverse Stammtische: Geschichten gibt es viele zu erzählen über die Traditionskneipe, und besonders viel sagen die zahlreichen Fotos an den Wänden aus. Viele davon haben mit Fußball zu tun, angefangen bei Frank Mill bis hin zu Werner Hansch, der „Stimme des Ruhrgebiets“. Sein ganzer Stolz hängt gleich neben der Theke: das signierte Nationalmannschaftstrikot von Helmut Rahn.

Gastronomie ist Tradition in Essener Familie

Woher die Kneipe ihren Namen hat, erschließt sich schnell: „Das Haus wurde in den 1950er-Jahren gebaut vom Bauunternehmer Rochus, der gleichzeitig auch Eigentümer war“, erzählt Borgsmüller. „Das war die Zeit der Pferdefuhrwerke, und hier war die Schmiede. Alles, was mit Schmiedehandwerk zu tun hat, wurde hier gemacht.“ Deshalb ist auch die Eingangstür für eine Kneipe ungewöhnlich groß. Da mussten halt auch mal Pferde durchpassen. „In diesem Raum war nichts außer einem Amboss, und da vorne war eine Feuerstelle.“

Doch die Zeit der Pferdefuhrwerke neigte sich irgendwann dem Ende entgegen. Rochus baute um, installierte 1963 im Haus eine Gastwirtschaft, die zunächst auch von seiner Familie geführt wurde. 60 Jahre ist das jetzt her, und der Name „Zur alten Schmiede“ hat sich bis heute gehalten, obwohl im Laufe der Zeit Wirte kamen und gingen. Einer davon war zwischen 2006 und 2013 und dann ab 2016 erneut Hans Borgsmüller. Er selbst stammt aus einer Gastronomen-Familie: 1876 eröffnete Urgroßvater Wilhelm seine Gaststätte an der Straße In der Hagenbeck in Altendorf. „Direkt dahinter war die Zeche Hagenbeck“, erinnert er sich. „Für die Bergleute hatte ich schon morgens um sieben auf. Die kamen von der Zeche und fielen direkt in meine Gaststätte.“

Das signierte Trikot von Helmut Rahn hat Hans Borgsmüller einst einem Freund abgekauft. In der „Alten Schmiede“ hat es einen Ehrenplatz.
Das signierte Trikot von Helmut Rahn hat Hans Borgsmüller einst einem Freund abgekauft. In der „Alten Schmiede“ hat es einen Ehrenplatz. © FUNKE Foto Services | Uwe Möller

Stammtisch aus Bredeney kommt an jedem Dienstag

1975 übernahm Hans Borgsmüller das Lokal von seinem Vater, führte zeitweise den „Stadtschreiber“ am RWE-Turm, die „Altenau“ auf der Margarethenhöhe, das „Lindenstübchen“ in der City und natürlich die „Alte Schmiede“. „Hier in Bredeney habe ich mich immer sehr wohl gefühlt“, weiß Borgsmüller den Kontakt zu den zahlreichen Stammgästen in der „Schmiede“ zu schätzen. „Ich habe hier ein Grüppchen, von denen ist nicht einer unter 80. Die sind aus Bredeney, Rüttenscheid und Werden und kommen an jedem Dienstag um 11, und dann trinken die bis 18 Uhr in einer Tour Pils und Schnaps.“

Pils und Schnaps, aber auch viele andere Getränke und Speisen wird es auch am kommenden Wochenende geben, wenn die „Alte Schmiede“ Jubiläum feiert. Am Freitag wird im adventlichen Ambiente ab 16 Uhr mit „Genuss, Stimmung und Musik aus den vergangenen 60 Jahren“ gefeiert. Am Samstag geht es um 12 Uhr weiter, da wird im Biergarten Flammlachs zubereitet. Und am Sonntag startet man um 12 Uhr mit einem Frühschoppen.

Von der Currywurst bis zur Schnitzelvariation

Apropos Genuss: Zu essen gibt es in der „Alten Schmiede“ natürlich auch. Auf der Karte steht alles, was man sich von einer Ruhrgebietskneipe wünscht: deftige Erbsensuppe, Currywurst, Schnitzel-Variationen, Muscheln rheinischer Art, das alles auch in Kindergröße, und natürlich Mettbrötchen und Frikadellen. Das Einzige, das man vielleicht vermissen könnte, wären die Soleier, die früher häufig in Kneipen angeboten wurden. Da thronte dann unübersehbar ein großes Glas auf der Theke. Und wenn nach zahlreichen Bier und dem ein oder anderen Pinneken Doppelkorn der kleine Hunger kam, griff man tief hinein und ab dafür. Mit einem Happs in den Mund. Heute sind die meist in Salzlake eingelegten Eier aus den Gaststätten verschwunden. „Das hat etwas mit Hygiene-Vorschriften zu tun und ist deshalb nicht mehr erlaubt“, erklärt Borgsmüller. „Aber es gibt immer wieder Gäste, die danach fragen.“ Weil es früher eben einfach dazu gehörte.

Übrigens: Noch ist der 72-Jährige an jedem einzelnen Tag in seinem Laden, und ein großes Ziel hat er vor Augen: Bis 2026 will er in der „Alten Schmiede“ noch weitermachen. Dann sollen die beiden Töchter, die jetzt schon mit dabei sind, den Laden ganz übernehmen. Warum 2026? Weil der Opa 1876 die erste Kneipe eröffnet hat. „2026 hat meine Familie die 150 Jahre Gastronomie voll.“