Essen-Stoppenberg. Kickerinnen mit Kopftuch, fehlende Wertschätzung auf dem Platz: Bei einer Diskussion in Essen zeigte sich, wie Frauenfußball um Anerkennung kämpft.

Während der Männerfußball große Fangemeinden und beträchtliche finanzielle Ressourcen hat, kämpft der Frauenfußball immer noch um Anerkennung, Gleichberechtigung und finanzielle Unterstützung. Im Rahmen der Ausstellung „Mythos und Moderne“, die auf Zollverein stattfindet, gab es jetzt eine Talkrunde, in der über Gründe für die Ungleichheiten diskutiert wurde.

Unter dem Motto „Mädchen und Frauen im Fußball“ erklärten fünf Gäste mit unterschiedlichen Blickwinkeln auf den Frauenfußball, wo aus ihrer Sicht die Probleme liegen. „Das beste Beispiel dafür, dass Frauen im Fußball fast nicht existent sind, erkennt man daran, dass in der Ausstellung ,Mythos und Moderne‘ kaum Fotos von Frauen zu finden sind“, erklärt Mustafa Mert. Er war mit der Mitmach-Agentur Kooperationspartner der Veranstaltung und wollte einen speziellen Raum für Diskussionen über Frauenfußball bieten. Moderiert wurde die Talkrunde im Kokskohlenbunker von Eda Yücel (26). „Wir haben uns bewusst für eine Frau zur Moderation der Diskussion entschieden. Männliche Moderatoren bei Fußballdiskussionen gibt es genügend“, erklärt Mert.

30 Gäste bei Frauenfußball-Diskussionsrunde

Rund 30 Zuschauerinnen und Zuschauer waren gekommen, einige verließen die Veranstaltung jedoch vor dem Ende. Die Resonanz der Veranstaltung spiegelte das Problem somit wider. Unter den fünf geladenen Gästen war auch Lore Barnhusen (83). Die Gladbeckerin spielte 1956 beim ersten inoffiziellen Damen-Länderspiel gegen die Niederlande im Matthias-Stinnes-Stadion in Karnap: „18.000 Zuschauer haben unser Spiel verfolgt, am Ende haben wir 2:1 gewonnen“, erinnert sie sich. Zum Fußball sei Barnhusen mit 14 Jahren durch ihren Cousin gekommen, der sie dazu ermutigte, im Verein zu spielen.

„Damals gab es noch keine Fußballschuhe für Mädchen, wir mussten auf Fußballschuhe für Jungen zurückgreifen. Da meine Familie aber sehr wenig Geld hatte, bin ich täglich zum Bauern nebenan gegangen, um mir durch Arbeit auf dem Feld das Geld für Fußballschuhe zu verdienen“, erzählte Lore Barnhusen.

Fehlende Akzeptanz beim Frauenfußball

Heute seien die Menschen viel offener, man könne über alles reden, was früher nicht der Fall gewesen sei. „Wir haben damals heimlich Fußball gespielt, heute ist die Lage für Mädchen und Frauen im Fußball deutlich besser. Ich habe mit anderen Frauen hart daran gearbeitet, damit die Akzeptanz im Frauenfußball steigt und ich finde die Entwicklung, trotz vieler Probleme, die nach wie vor bestehen, sehr erfreulich.“

Benjamin Musiolik, Frauenfußball-Trainer in Oberhausen: „Die Wertschätzung beim Frauenfußball fehlt einfach.“
Benjamin Musiolik, Frauenfußball-Trainer in Oberhausen: „Die Wertschätzung beim Frauenfußball fehlt einfach.“ © FUNKE Foto Services | Vladimir Wegener

Viele Probleme, ein Stichwort, zu dem Yousra Al Laboui viel einfällt. Die 26-jährige Lehramtsstudentin wohnt in Altenessen und spielt beim SSVg Velbert. „Ich liebe das Fußballspielen, habe aber relativ schnell bemerkt, dass ich für die meisten Leute überhaupt nicht ins Bild passe. Ich bin eine Frau, Muslimin und trage ein Kopftuch, das zerstört das Weltbild vieler Fußballfans“, erzählt sie. Sie ist sich sicher, dass neben fehlender Akzeptanz auch Benachteiligungen bei den Trainingszeiten und die Ungleichheiten bei der Bezahlung der Spielerinnen und Spieler Gründe für Mädchen sind, gar nicht erst aktiv mit dem Fußball im Verein anzufangen.

Ich muss zugeben, dass es für mich auch ungewöhnlich war, dass meine Tochter als Mädchen Fußball spielen möchte.
Tamer Şimşek, Vater

Einen weiteren Einblick in die Probleme beim Frauenfußball gibt an diesem Abend auch Benjamin Musiolik. Der 31-Jährige ist Trainer einer U17-Mädchenmannschaft in Oberhausen. „Die Wertschätzung beim Frauenfußball fehlt einfach. Ein trauriges Beispiel aus meinem Alltag: Hauptsächlich bringen die Mütter ihre Töchter zum Training und sind dann am Wochenende auch beim Spiel dabei. Ein Vater sagte einmal, dass er lieber bei seinem Sohn zum Fußballspiel zuschauen gehe, da er einfach besser spiele als seine Tochter.“ Musiolik ist sich sicher, dass auch Väter umdenken und ihre Töchter mehr unterstützen müssen.

Tamer Şimşek ist am Diskussionsabend als Vater vor Ort, dessen 15-jährige Tochter Fußball spielt. „Ich muss zugeben, dass es für mich auch ungewöhnlich war, dass meine Tochter als Mädchen Fußball spielen möchte. Ich bekomme auch in meinem Umfeld verwunderte Blicke, wenn ich davon erzähle. Aber genau an dieser Stelle muss ein Umdenken stattfinden.“ Kaum jemand denke daran, sich ein Bundesligaspiel der Frauen anzuschauen, kritisiert Şimşek. „Ich schaue jetzt regelmäßig Spiele im Frauenfußball an und stehe auch bei jedem Spiel meiner Tochter jubelnd am Spielfeldrand.“

Am Ende der 90-minütigen Diskussion waren sich alle Gäste einig: Es sei noch viel Luft nach oben und ein langer Weg, um Frauenfußball populärer zu machen. Es benötige mehr Unterstützung und mehr Anerkennung. Lore Barnhusen hat noch einen Rat an alle Mädchen: „Mädels, spielt Fußball, dann bleibt ihr jung!“

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