Essen-Holsterhausen. Der Essener Hubert Dingenskirchen veröffentlicht nach 20 Jahren ein neues Blues-Album. Im Alltag pendelt er zwischen Grugapark und Xanten.

Der Erfinder des „Emscher Delta Blues“ und des „abwaschbaren Großstadt-Folk“ hat sich rar gemacht. 20 Jahre ist es her, dass Hubert Dingenskirchen sein letztes Album „Keine Fiesematenten“ im Selbstverlag herausgebracht hat. Nur zwei Jahrzehnte später ist er wieder da, präsentiert sein neuestes Werk mit dem Titel „Zwölf Takte Schwermut“, und wenn man ihn fragt, was er seit 2003 eigentlich gemacht hat, sagt er: „Ich habe mich auf dieses Album vorbereitet.“

Hinter der Kunstfigur Hubert Dingenskirchen versteckt sich der Essener Heiko Schiwy. Im richtigen Leben ist er Berater in einem Bereich, den man neudeutsch „People Management“ und „Leadership Development“ nennt, er selbst bezeichnet sich lieber als „passionierter Entwicklungshelfer für Führungskräfte“. Seit Jahrzehnten lebt er sein musikalisches Alter Ego aus, unter anderem mit dem „Hubert Dingenskirchen Trio“, das gerne auch mal zu viert auf der Bühne stand. Allzu ernst sollte man bei ihm also nichts nehmen, auch wenn er vor allem den Blues spielt, und der ist ja bekanntlich von einer gewissen Traurigkeit gekennzeichnet.

Haus am Grugapark, Wochenende in Xanten, Musik-Album auf Helgoland

Doch in den vergangenen Jahren konzentrierte sich Schiwy eher auf Beruf und Familie, spielte auch ein wenig Theater. „Ich hatte einfach keine Lust mehr, ständig unterwegs zu sein“, erzählt er. „Immer irgendwelche kleinen Hotelzimmer, ständig auf der Autobahn – ich wollte nicht mehr.“ Sprach’s und hängte die Gitarre an den berühmten Nagel. Bis heute wohnt er unter der Woche mit Frau, Schwiegermutter und zwei Hunden in einem Haus am Rande des, man könnte fast schon sagen: im Grugapark und am Wochenende in Xanten, wo sie sich direkt an einem See ein kleines Häuschen von gerade mal 45 Quadratmetern kauften. „Ich brauche nicht viel“, sagt er. Blues-Musiker halt.

„Zwölf Takte Schwermut“ heißt das Album, mit dem Hubert Dingenskirchen zum „Emscher-Delta-Blues“ zurückgefunden hat.
„Zwölf Takte Schwermut“ heißt das Album, mit dem Hubert Dingenskirchen zum „Emscher-Delta-Blues“ zurückgefunden hat. © FUNKE Foto Services | André Hirtz

Bis ihm am Niederrhein sein alter Freund Marco Launert über den Weg lief. 2018 war das. „Der wohnte quasi um die Ecke, nur auf der falschen Seite vom Rhein.“ Dessen Idee: mit vielen Musikern ein Album an der Nordsee zu produzieren. Schiwy: „Zwei Wochen auf Helgoland, Songs schreiben und aufnehmen. Da habe ich einige großartige Kollegen kennengelernt, da sind richtige Freundschaften entstanden.“ Am Ende wurde das Album „Helgoland“ mit einem Konzert auf der Insel präsentiert, und die ganze Truppe tingelte über Wochen an der Nordseeküste.

Corona-Lockdown: Essener Musiker findet zurück zu seinen Wurzeln

In dieser Zeit fand Schiwy wieder Gefallen am Musizieren und entwickelte die Idee für ein neues Hubert-Dingenskirchen-Album. Ganz anders als früher sollte es werden, mit Experimenten und elektronischer Musik. Gesagt, getan: Das Album war im Jahr 2020 komplett produziert, sollte auf den Markt kommen und mit Konzerten promotet werden. Dann kam Corona. Lockdown. Keine Konzerte. „Da habe ich tatsächlich den Blues bekommen. Nur in Xanten empfand ich die Zeit gar nicht als so schlimm, denn da draußen auf dem Land kann es ja sein, dass mir tagelang kein Mensch begegnet, wenn ich will. Durch diese innere Einkehr bin ich zu dem Schluss gekommen, dass ich mich viel mehr reduzieren muss.“

Das Ergebnis: Sämtliche Aufnahmen wurden gelöscht. Keine Sicherungskopie, kein Hintertürchen, alles weg. Neustart. „Ich habe gesagt: Ich mache jetzt alles alleine und finde zurück zum Blues. Ich wollte schon immer mal ein richtiges Solo-Album machen, und diesen Traum habe ich mir erfüllt.“ Im Sommer 2022 ging er mit dem Produzenten Marc Sokal in die Studios der „Carousel Productions“ in Wuppertal. In nur drei Tagen waren 20 Songs im Kasten.

„Zwölf Takte Schwermut“: Hubert Dingenskirchen bedient Blues und Punkrock

Der Name des Albums ist Programm: „Zwölf Takte Schwermut“. Auch wenn die Songs sich nicht immer auf das klassische Blues-Schema beschränken, so konzentriert sich die Musik doch auf das Wesentliche: Die meisten Songs sind so genannte „First Takes“, also einmal live eingespielt und fertig. Schiwy: „Keine Overdubs, kein Chichi. Nur einmal ein Klavier.“ Ansonsten: nur Gitarre – mal Telecaster, mal eine akustische Gitarre – und natürlich seine unnachahmliche Stimme mit dem Ruhrpott-Timbre. Er selbst siedelt die Musik „irgendwo zwischen Punkrock und John Lee Hooker“ an und seine Stimme „als hätte sie die letzten 25 Jahre in einem Fass mit gutem schottischem Whisky nur auf diesen Tag gewartet“.

Zwölf Takte Schwermut

Das Album ist seit 27. Oktober im Fachhandel käuflich zu erwerben und kann zudem auf den einschlägigen Download- und Streaming-Portalen gehört und heruntergeladen werden. Wohnzimmerkonzerte können direkt bei Hubert Dingenskirchen gebucht werden: per Mail: dingenskirchen@me.com

Das nächste Konzert in Essen findet am 15. Januar 2024 um 20 Uhr im Kunsthaus Essen, Rübezahlstraße 33, in der Reihe „Montagtontag“ statt. Jeden Montag wird Live-Musik auf der kleinen Café-Bühne geboten. Es gibt Getränke an der Theke, für die Musiker geht der Hut rum.

Laut Plattenfirma verkauft sich die Scheibe schon nach wenigen Wochen gut. „Das ist natürlich cool“, sagt Schiwy, „dabei haben wir gar keine Werbung gemacht. Nur ein bisschen in den sozialen Medien.“ Apropos Platte: Eine echte CD ist es geworden, das war Schiwy wichtig, und wenn der Verkauf so weitergeht, kommt sie vielleicht sogar noch als Vinyl heraus. Natürlich gibt es die Songs auch zum Download, immerhin leben wir im 21. Jahrhundert. Gewidmet hat er es seinem erkrankten Freund Andreas Wilkowski, einst unter dem Künstlernamen Jack Daniels Pianist von „Hubert Dingenskirchen & Kompagnons“.

Essener gibt Konzerte im Kunsthaus und im heimischen Wohnzimmer

Und Schiwy lässt seinen Beruf für eine Weile ruhen, um wieder Konzerte geben zu können, vorzugsweise im Ruhrgebiet. Unter anderem wird Hubert Dingenskirchen im kommenden Jahr im Kunsthaus Essen an der Rübezahlstraße zu sehen und zu hören sein. Und er ist buchbar für so genannte Wohnzimmerkonzerte: „Das Zimmer sollte schon so groß sein, dass man zehn Leute hinsetzen kann, und dann machen wir uns einen schönen Abend. Ich brauche vom Veranstalter einen kleinen Betrag, um meine Kosten zu decken, und am Ende geht der Hut rum.“

Eine Legende zur Entstehung des Albums hat er auch schon gestrickt: „Als ich vor 60 Jahren zusammen mit Mick Jagger und Keith Richards an der Hotelbar im Sauerlandstern gesessen habe, hatten wir bei Tee und Gebäck eine Idee: Wäre es nicht toll, im gleichen Monat mal ein Album zu veröffentlichen? Dann hat es eine Zeit gedauert, doch jetzt haben die Stones vorgelegt, und ich ziehe nach mit ,Zwölf Takte Schwermut‘.“