Essen. Alte Computer landen oft auf dem Müll: Ein Essener Verein bereitet Rechner auf und schenkt sie Jugendlichen. Dafür gibt’s nun einen Preis.

Sie sammeln, was andere ausrangieren, sorgen dafür, dass alte Computer nicht Elektroschrott werden, sondern digitale Teilhabe ermöglichen: Die Ehrenamtlichen vom Essener Verein „Hey, Alter!“ verschenken Rechner an Kinder und Jugendliche, die sich diese nicht leisten könnten. Nun hat das Projekt den ersten Platz in der Kategorie „Jugend“ beim Ehrenamts-Preis des Verbandes Engagierte Zivilgesellschaft (VEZ) NRW gewonnen.

Trotzdem plagen „Hey, Alter!“ aktuell Sorgen. „So ein Preis beflügelt im Moment, doch für die tägliche Arbeit brauchen wir praktische Unterstützung“, sagt Dirk Bußler, der die Vereinsgründung im Jahr 2020 angestoßen hatte. „Hey, Alter“ ist gleichsam ein ehrenamtliches Franchise-Format: 30 Standorte gibt es inzwischen bundesweit. Multi-Aktivist Bußler, der den Konsumreform-Shop am Kopstadtplatz betreibt und den Zombie-Walk veranstaltet, war von der Initiative begeistert und übertrug sie spontan auf Essen – eine Gründung zur rechten Zeit.

Während der Pandemie Laptops an Essener Schüler verteilt

In der Corona-Pandemie setzten die Schulen auf Wissensvermittlung am Bildschirm, doch vorbereitet waren darauf anfangs weder die Schulträger noch die Schüler. „Viele Kinder und Jugendliche in Essen haben weder einen Zugang zum Internet noch digitale Geräte“, sagt Bußler. Ein Problem, auf das die Stadt damals durchaus reagiert habe: „Über das Bildungspaket wurden rund 15.000 Tablets bereitgestellt. Den tatsächlichen Bedarf schätzte man auf 20.000, also haben wir uns vorgenommen, die fehlenden 5000 Geräte zu organisieren.“

„Ich war oft bei Familien, die fünf oder sechs Kinder haben. Da gibt es auch keinen Raum, wo die in Ruhe ihre Hausaufgaben machen können“, sagt Dirk Bußler vom Verein „Hey, Alter!“.
„Ich war oft bei Familien, die fünf oder sechs Kinder haben. Da gibt es auch keinen Raum, wo die in Ruhe ihre Hausaufgaben machen können“, sagt Dirk Bußler vom Verein „Hey, Alter!“. © FUNKE Foto Services | André Hirtz

Der Verein bat Firmen, Einrichtungen und Privatleute um alte Tablets, Laptops und PCs, bereitete diese auf; eine Spezial-Firma sorgte mit einem zertifizierten Lösch-Prozedere für Datensicherheit. Für die Schüler selbst sollte der Weg zum eigenen Rechner möglichst unbürokratisch sein: „Hey, Alter“ macht weder Bedürftigkeitsprüfungen noch Leihverträge, sondern verschenkt die Computer. Um das Angebot publik zu machen, mailte der Verein die Essener Schulen an und bat sie, die Laptops und PCs am Kopstadtplatz abzuholen. Dort hat der Verein mit Bußlers Konsumreform-Shop eine Anlaufstelle mit großzügigen Öffnungszeiten.

Manche Schulen antworteten nicht mal auf das Angebot

Das Echo sei extrem unterschiedlich ausgefallen, sagt Bußler. Manche Schulen hätten begeistert auf die Idee reagiert, andere hätten sich weitere Mails verbeten: „Als wäre das Spam. Das war sehr frustrierend.“ Nur mit zehn Schulen habe die Zusammenarbeit reibungslos geklappt. Es gab Gespräche mit der Stadt, bei denen diese Wohlwollen signalisierte, doch die Unterstützung hätte kraftvoller ausfallen können, findet Bußler.

Als im vergangenen Jahr kurz nach dem Überfall auf die Ukraine die ersten Kriegsflüchtlinge nach Essen kamen, beschloss der Verein, die Computer direkt an die Familien abzugeben: „20 bis 30 Rechner geben wir jeden Sonntag ab.“ Vereinzelt kämen auch noch Lehrer und Lehrerinnen vorbei. „Corona hat die Schulen gezwungen, die Digitalisierung voranzutreiben. Nun scheint das zurückzugehen“, vermutet Bußler. Vielleicht ist aber auch der dringendste Bedarf erstmal gedeckt. So habe „Hey, Alter“ das selbstgesteckte Ziel von 5000 Rechnern zwar nicht erreicht, aber bereits mehr als 2000 Computer ausgegeben.

Viele Kinder haben keinen Platz, um Hausaufgaben zu machen

Für den Verein sei der Online-Unterricht ohnehin nur ein Anlass zum Handeln gewesen. „Die Digitalisierung bietet Schüler und Schülerinnen so viele Möglichkeiten. Für uns ist digitale Teilhabe daher ein Grundrecht.“ Darum bespiele man die Computer auch mit kostenloser Software. „Ich war oft bei Familien, die fünf oder sechs Kinder haben. Da gibt es auch keinen Raum, wo die in Ruhe ihre Hausaufgaben machen können.“ Deswegen sei den Kindern dort am besten mit Laptops geholfen, mit denen sie sich in eine ruhige Ecke zurückziehen können.

Um noch mehr junge Menschen zu erreichen, möchte „Hey, Alter!“ darum nun „Learning Points“ in Jugendtreffs und anderen Einrichtungen für Teenager einrichten: „Es gibt sicher genügend Räume, wo wir die Desktop-Rechner aufstellen könnten“, glaubt Bußler. Gehe ein Gerät kaputt, ersetze man es durch ein Neues.

„Hey, Alter“ sammelt ausrangierte Laptops ein

„Hey, Alter!“ Ist eine Essener Gruppe aus Ehrenamtlichen, Organisationen und Firmen. Diese sammeln funktionsfähige Laptops ein, bereiten sie auf und schenken sie bedürftigen Kindern und Jugendlichen. Essen ist einer von mehr als 30 Standorten bundesweit, die Initiative ging hier von Aktivist Dirk Bußler aus. Die Gruppe wird unterstützt durch: Bußlers Konsumreform-Shop, Ehrenamt-Agentur, Caritas, Initiative Stadtlichtung Kopstadtplatz sowie die Firmen Elorec und CitX.

Gespendete Laptops sollten über Kamera und Mikrofon verfügen. Die Rechner sollten mindestens einen 2 GHz Dual Core Prozessor und 4 GB RAM haben, alle Komponenten sollten funktionsfähig sein. Nachfragen dazu per Mail an den „Hey, Alter!“-Technikleiter: oder unter 0156-78404490. Anliefern kann man Rechner ohne Termin montags bis samstags von 10 bis 19 Uhr im Konsumreform-Shop, Kopstadtplatz 10 (Einfahrt Parkhaus Kasteinstraße).

Noch scheitern die Lern-Inseln an den Kapazitäten der Ehrenamtlichen. Zwar gebe es bei „Hey, Alter!“ viele IT-Profis, die die gespendeten Rechner wieder fit machen. „Doch das sind Leute, die auch im Berufsleben stehen. Die haben nicht die Zeit, Listen von Jugendeinrichtungen abzutelefonieren.“ Darum hoffe er, dass sich das Angebot herumspreche und sich interessierte Erzieher oder Sozialarbeiter telefonisch oder im Konsumreform-Shop melden.

Es müsste ein unendliches Reservoir an Rechnern geben

Bei den Computer-Spenden wünscht sich Bußler mehr Firmen, die es wie das Dienstleistungsunternehmen Ista halten, das jährlich 50 Laptops spendiere. „Theoretisch gäbe es ein unendliches Reservoir an Rechnern.“ Doch viele Firmen entsorgten diese lieber oder seien durch Leasing-Verträge zur Rückgabe verpflichtet.

„Hey, Alter!“, so sein Fazit, müsse sich wohl noch weiter ‘rumsprechen. Und dann plagt Bußler noch die Sorge um seinen Konsumreform-Shop, der mit der steigenden Raummiete am Kopstadtplatz überfordert ist. Müsse der Laden schließen, gehe auch die Anlaufstelle für den gerade ausgezeichneten Verein verloren. Nun hofft er, sein Geschäft im Gespräch mit dem Vermieter auf eine solidere Basis stellen zu können.

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