Essen. Warum es schlechter läuft als früher auf den Essener Wochenmärkten, wie Händler arbeiten, was Kunden wollen. Interview mit dem Chef der Märkte.

In 20 Essener Stadtteilen bauen Händler jede Woche ihre Marktwagen auf. Was einen guten Markt auszeichnet, ob Wochenmärkte noch zeitgemäß sind und wie sie sich entwickelt haben, erklärt Wolfgang Fröhlich (63), Geschäftsführer der für die Märkte zuständigen Essener Verwertungs- und Betriebs GmbH (EVB) im Interview.

Wie geht es den Essener Märkten?

Im Jahr 2021 haben wir eine Renaissance der Wochenmärkte erlebt. Da hatten wir erstmals seit langem ein besseres Ergebnis als im Vorjahr. Die Märkte zählten zu den Gewinnern der Pandemie. Die Leute wollten lieber zum Wochenmarkt als in den Supermarkt und haben sich dort auch gerne mit anderen getroffen, weil sie dann unter freiem Himmel waren.

Und jetzt? Sind die guten Zeiten für die Märkte wieder vorbei?

Danach hatten wir wieder ein schlechteres Ergebnis als im Vorjahr. Das geht jetzt schon seit etwa 15 Jahren so. Dieser Trend gilt aber nicht nur für Essen, sondern mindestens für ganz Nordrhein-Westfalen, mit Ausnahme von Münster vielleicht.

Was läuft beim Markt in Münster anders?

Münster profitiert von einer Insellage. Da kommen viele Händler und auch viele Kunden aus den umliegenden Dörfern. Es gibt dort auch nur wenige Wochenmärkte in den Stadtteilen, soweit ich weiß.

Markthändler haben Probleme, Nachwuchs zu finden

Zurück nach Essen: Woran machen Sie fest, dass das Ergebnis jedes Jahr schlechter ist?

Etwa drei Viertel der Händler sind Vertragshändler, die haben ihre festen Tage und festen Stadtteile. Der Rest sind Tageshändler. Die kommen mal und mal nicht. Die Standgebühr beträgt seit 2011 pro Quadratmeter 1,13 Euro. Manche Händler haben zehn Quadratmeter, andere 50. Es kommen ungefähr ein Viertel weniger Händler als noch vor 15 Jahren. Das ist ein harter Job, der sich für manche nicht mehr lohnt. Andere finden auch einfach keinen Nachwuchs.

Worin sehen Sie die größte Herausforderung in Bezug auf die Wochenmärkte in Essen?

Die liegt darin, die Händler bei Laune zu halten und sie zu motivieren, für Nachwuchs zu sorgen. Da ist es wichtig, mit ihnen im Gespräch zu bleiben, und auch mal mit ihnen ein Bier trinken zu gehen.

Wolfgang Fröhlich, Geschäftsführer der für die Märkte zuständigen Essener Verwertungs- und Betriebs GmbH (EVB), geht gerne nach Essen-Steele auf den Markt: „Da gibt es alles außer Klopapier und Haftcreme.“
Wolfgang Fröhlich, Geschäftsführer der für die Märkte zuständigen Essener Verwertungs- und Betriebs GmbH (EVB), geht gerne nach Essen-Steele auf den Markt: „Da gibt es alles außer Klopapier und Haftcreme.“ © FUNKE Foto Services | André Hirtz

Hand aufs Herz, manchmal ist auf einigen Wochenmärkten fast gar nichts los. Müssen wir uns Sorgen um die Märkte machen?

Die Märkte werden eventuell noch einmal schrumpfen, das hängt auch immer von der Entwicklung des jeweiligen Stadtteils ab. Wenn Einzelhändler schließen, ist es für den Markt auch schwieriger. Vielleicht kommt aber auch noch einmal eine Renaissance der Märkte, zum Beispiel, wenn die Babyboomer in ein paar Jahren alle in Rente gehen. Die haben vielleicht Lust, auf dem Wochenmarkt einzukaufen, Freunde zu treffen und einen Kaffee zu trinken.

Essener Händler wollen nachmittags keinen Markt

Wie viele Wochenmärkte sind in den vergangenen Jahren gestorben?

Der in Karnap und der auf dem Weberplatz. Da wollten wir mal einen Abendmarkt etablieren, das hat nicht geklappt. Die Händler sind abgewandert, weil es nicht genügend Kunden gab. Andere Märkte sind stark geschrumpft. In Burgaltendorf gibt es zum Beispiel nur noch einen einzigen Händler. Der kommt aber gerne, weil er dort gute Umsätze macht.

Neue Serie: Wochenmärkte in Essen

In Essen gibt es über 20 Wochenmärkte, ihre Frequentierung schwankt enorm. Zu einigen kommen bis zu 70 Händler, wie etwa in Rüttenscheid. In anderen Stadtteilen, wie etwa Burgaltendorf, ist es ein einziger. Die meisten Märkte finden vormittags statt, wenige – auf der Margarethenhöhe und in Heisingen – auch am Nachmittag.

Haben Wochenmärkte langfristig eine Zukunft? Das wollen wir mit unserer neuen Serie, dem Wochenmarkt-Check, in den kommenden Wochen und Monaten herausfinden.

Wir schauen uns jeden einzelnen Essener Wochenmarkt unter bestimmten Fragestellungen an. Wie ist das Angebot, wie das Ambiente? Welche Stände bieten die Märkte, wer geht dort einkaufen, wer flanieren? Dabei sprechen wir mit Händlern, Besuchern und Marktmeistern. Wir kaufen ein und schauen uns auch das Drumherum an. Gibt es genügend Parkplätze, gibt es Toiletten, und wie ist die Anbindung im Stadtteil?

Ist auch die Zahl der Besucher gesunken?

Die Besucherzahl erfassen wir nicht, aber es sind weniger Besucher als noch vor einigen Jahren.

Sind Wochenmärkte noch zeitgemäß? Früher sind viele Hausfrauen dort einkaufen gegangen, aber mittlerweile gehen Frauen genau wie Männer vormittags arbeiten.

Trotzdem gehen sie zum Markt. Viele sind Rentner, andere gehen frühmorgens vor der Arbeit einkaufen. In Rüttenscheid gehen manche auch in der Mittagspause auf den Markt. Die holen sich dann ein Fischbrötchen oder Antipasti. Einige Märkte sind ja auch samstags, da müssen weniger Menschen arbeiten.

Wäre es nicht besser, wenn die Märkte nachmittags stattfinden würden?

Da kann man die Händler nicht zu bewegen. Einerseits ist es Tradition, dass morgens Markt ist, andererseits fahren die früh morgens zum Großmarkt. Von dort wollen sie direkt zum Wochenmarkt und verkaufen. Ich hatte mal vorgeschlagen, den Rüttenscheider Markt samstags bis 18 Uhr laufen zu lassen. Das wollten die Händler nicht.

Wie haben sich die Märkte in den vergangenen Jahren verändert?

Es gibt mehr Textiler. Das ist nötig, damit wir die Märkte aufrecht erhalten können. Jeder Händler zieht Publikum an, das sich dann vielleicht auch für die anderen Stände interessiert.

Wochenmarkt-Besuch in Essen soll ein Erlebnis sein

Böse Zungen behaupten, im Norden bestehen die Märkte hauptsächlich aus Textilhändlern.

Im Essener Norden, zum Beispiel in Katernberg und Schonnebeck gibt es verstärkt Textilhändler, das stimmt. Vielleicht sind die Kunden da mehr multikulti. Die sind es eher gewohnt mal Kleidung auf dem Markt zu kaufen, weil sie das aus ihren Herkunftsländern kennen. Ich glaube nicht, dass sich jemand in Rüttenscheid auf dem Markt einen BH aussucht.

Auch der Borbecker Markt ist einer der größeren: Rund 40 Händler kommen regelmäßig zum Wochenmarkt am Bahnhof Borbeck.
Auch der Borbecker Markt ist einer der größeren: Rund 40 Händler kommen regelmäßig zum Wochenmarkt am Bahnhof Borbeck. © FUNKE Foto Services | Vladimir Wegener

Warum sollten Menschen zum Wochenmarkt statt in den Supermarkt gehen?

Der Wochenmarkt-Besuch soll im Vergleich zum Supermarkt ein Erlebnis sein. Zu einem guten Markt gehört alles, was es zu essen gibt: Obst und Gemüse, Fleisch, auch Geflügel und Wild, Fisch, Käse, Gemüse und auch ein Blumen-Händler ist wichtig. Am besten gibt es noch eine Kaffeebude und eine Gulaschkanone. Manche Märkte haben noch Unikate, wie den Messerschleifer in Kupferdreh.

Ist die Qualität der Ware besser als im Supermarkt?

Ja, die Qualität ist besser und außerdem bekommt man auf dem Markt eine unschlagbar gute Beratung. Der Kartoffelmann in Rüttenscheid sagt mir genau, welche Sorte für den Auflauf, welche für meine Pommes die Richtige ist. Und der Blumenhändler in Altenessen ist der lustigste Typ auf dem Markt. Er weiß, welche Blumen gut für meine Frau sind – Tulpen nämlich, und welche ich für meine Mutter nehmen sollte – ein Ostergesteck war es zuletzt.

Welches ist Ihr Lieblingsmarkt?

Ich gehe gerne nach Altenessen, da ist ein besonderes Flair, Menschen und Händler sind vielfältig und der Markt ist groß. Mein Lieblingsmarkt ist Steele, das liegt auch daran, dass ich nicht weit entfernt, in Horst, wohne. Auf dem Markt in Steele gibt es alles außer Klopapier und Haftcreme.

Mehr Parkplätze an Essens Wochenmärkten gewünscht

Ist es teurer, auf dem Wochenmarkt einzukaufen?

Ich glaube eigentlich nicht, aber ich weiß es nicht. Der Supermarkt hat auf jeden Fall den Vorteil, dass er überdacht ist und Parkplätze direkt vor der Tür hat.

Mangelt es den Wochenmärkten an Parkplätzen?

Ja, fast überall. Die, die flanieren, brauchen keinen Parkplatz, aber die, die da einkaufen, schon. Kartoffeln sind schließlich schwer. Ich hätte gerne mehr Parkplätze.

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