Essen. Radfahrer sollen auf dem beliebten Ruhrtalradweg fast ein Kilometer Strecke schieben müssen. Es gebe zu viele Konflikte. Was Radler dazu sagen.

Ein Radfahrverbot auf einem vielbefahrenen Radweg in Essen: Geht es nach der CDU auf der Ruhrhalbinsel, so sollen Radfahrer künftig am Baldeneysee nahe der ehemaligen Eisenbahnbrücke auf einem Teilstück von knapp einem Kilometer Länge nicht mehr fahren dürfen. Diese Forderung irritiert nicht nur den Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Polizei äußert sich zu Unfällen.

Radfahrer, Spaziergänger, Hundehalter und Inlineskater, die sich am Baldeneysee die Wege am Ufer teilen, kommen sich vor allem bei gutem Wetter an Sommertagen in die Quere. Mitunter kommt es zu Streit und lautstarken Beschimpfungen. Die Situation ist nicht neu, im Gegensatz zu der Konsequenz und dem Verbot, das Politiker nun durchsetzen möchten, um die Lage zu entspannen.

Stadt soll Radfahrer per Schild dazu auffordern, vom Rad abzusteigen

Das Radfahrverbot soll für den Abschnitt Hardenbergufer/Deilbach bis zum Hardenbergufer/Prinz-Friedrich-Platz gelten, so haben es die Christdemokraten in ihrem Antrag formuliert, über den in der Bezirksvertretung am 8. November entschieden werden soll. Demnach soll die Stadt ein Hinweisschild installieren, das das Radfahren untersagt bzw. dazu auffordert, vom Rad abzusteigen.

In dem oben genannten Bereich befänden sich auf einer Länge von etwa 900 Metern „mehrere Lokalitäten, die Anlegestelle der Weißen Flotte, ein Kanuverein, der Weg zur Hespertalbahn und eine Sporteinrichtung des Turnvereins Kupferdreh (TVK)“, beschreibt die CDU die Situation. „Wegen dieser hohen Dichte an Infrastruktur kommt es gerade an schönen Tagen zu gefährlichen Situationen zwischen viel zu schnellen Radfahrern, Fußgängern und spielenden Kindern. Vereinzelt kam es auch schon zu Unfällen“, heißt es zu den Folgen.

Radclub hält die Forderung auf dem Ruhrtalradweg für absurd

Eine Folge sind nun zudem zahlreiche Reaktionen auf diese Forderung, vonseiten des ADFC und ebenso in den sozialen Medien wie auf Facebook. „Diese Forderung für einen Bereich auf dem Hauptroutennetz ist absurd“, formuliert etwa Mirko Sehnke, Vorsitzender des ADFC in Essen, deutlich. Dass das Teilstück zudem zum Ruhrtalradweg zähle, mache die Idee noch absurder. Der Antrag sei zudem nicht unterfüttert, die genaue Weglänge erschließe sich ihm ebenso wenig wie die Ortsangaben. Unfälle seien ihm zudem auf dem Abschnitt nicht bekannt, eine Unfall-Statistik vermisse er.

„Natürlich gebe es immer wieder Konflikte zwischen Radfahrern und Fußgängern“, weiß auch Mirko Sehnke. Daher hält er eine Einteilung des Weges für sinnvoll, so wie es sie früher durch eine weiße Trennlinie an dem Ufer des Baldeneysees bereits gegeben hat, um Zusammenstöße zu vermeiden. Ein Radfahrverbot jedenfalls, das sei nicht akzeptabel.

„Es ist und bleibt eine dumme Lösung, was zu verbieten, weil einem keine bessere Idee einfällt“, ärgert sich ein Nutzer auf Facebook. Dort lauten die Gegenvorschläge Fahrbahn-Markierungen, Texturierung des Bodens, bauliche Trennung von Rad- und Fußweg oder eine Verbreiterung des Weges. Gegenseitige Rücksichtnahme ist eine weitere Empfehlung. „Am Hardenbergufer gibt es gefährlichere Stellen“, lautet eine andere Meinung.

Eine Ufer-Verbreiterung würde erhebliche mehr Kosten erzeugen

„Es gibt in Essen so viele Straßen und Kreuzungen mit regelmäßigen Unfällen. Kein Mensch käme auf die Idee, Tempo 10 oder 20 einzuführen oder, dass der Autofahrer sein Auto einfach mal 900 Meter schiebt“, heißt es auch im Portal. Es gebe Menschen, die nutzten diese Strecke im Alltag, um zu ihrem Hobby, zur Arbeit, zu einer Verabredung zu kommen: „Wieso soll dieser Radfahrer 900 Meter schieben?“ Und: „Wer schon mal an einen Montag um 7.30 Uhr mit seinem Fahrrad über die Gladbecker gefahren ist, kennt die Situation. Hier sollten demnächst alle Autofahrer zum Schutz der Fußgänger und Radfahrer ihr Auto schieben!“

Die Christdemokraten reagieren auf die Kritik, halten aber an ihrer Idee fest und argumentieren: „Fahrbahn-Markierungen gab es schon und die wurden entfernt. Eine Ufer-Verbreiterung würde erheblich mehr Kosten erzeugen, da sind 900 Meter zu Fuß billiger.“ Dies fördere die Sicherheit aller Beteiligten: „Wer schonmal samstags bei gutem Wetter vor Ort war, kennt die Situation. Zudem scheint es doch zumutbar zu sein, mal sein Fahrrad ein paar Meter zu schieben, das würde ein Zeichen von Verständnis und Rücksichtnahme sein.“

Das Amt für Straßen und Verkehr wird diese Idee nicht automatisch umsetzen

Dass diese gelingt, darauf deutet zumindest die Antwort der Polizei hin: „Auf dem beschriebenen Teilstück wurde zuletzt am 30. Mai 2021 ein Unfall aufgenommen. Beteiligt waren ein Radfahrer und eine Radfahrerin, die beide leicht verletzt wurden“, sagt Polizeisprecherin Sonja Kochem.

Stadt-Sprecher Patrick Betthaus erklärt derweil auf Anfrage, dass aus dem Antrag der Bezirksvertretung ohnehin lediglich ein Prüfauftrag hervorgehen könne. Prüfen müsse die Stadt dann zunächst, ob die Forderung realisierbar sei, wie sich die Situation vor Ort darstelle und ob überhaupt eine Umfahrung möglich wäre, nennt er einige Kriterien.

„Das ist ja ein Hauptradweg“, sagt auch Betthaus und ergänzt zum Verfahren: „Das Amt für Straßen und Verkehr wird diese Idee nicht automatisch umsetzen, denn die Bezirksvertretung kann dieses Verbot nicht aussprechen.“ Eine hitzige Diskussion immerhin haben die Christdemokraten entfacht.