Südviertel. Der Essener Künstler Klaus Heuermann zeigt sein Lebenswerk an verschiedenen Standorten im Südviertel. Wie es zu der ungewöhnlichen Aktion kommt.

Das ganze Südviertel wird zur Galerie und ehrt einen Künstler, der seit fünf Jahrzehnten hier zuhause ist: Klaus Heuermann, 88, wird einen Querschnitt seines malerischen Gesamtwerkes an insgesamt 18 Orten des Viertels ausstellen, in dem er seit über 40 Jahren lebt.

Auftakt ist am Samstag, 14. August 2021, um 19 Uhr in der Galerie Jesus-Chris in der Witteringstraße. „Ich hätte nie gedacht, dass ich das noch einmal erlebe: eine große Ausstellung meiner Werke“, sagt Klaus Heuermann und schaut die beiden Herren an, die das möglich machen: Chris Brackmann und Jesus Lopez sind Designer, Galeristen und bekannt dafür, in ihrer Galerie Jesus-Chris an der Witteringstraße Platz zu bieten für Künstler abseits des Mainstreams.

„Wir sind eigentlich offen für alle und für alles“, sagt Chris Brackmann. Mit ihrer Neugierde gelingt es ihnen immer wieder, außergewöhnliche künstlerische Kleinode zu entdecken, wie zum Beispiel die satirisch-heiteren Zeichnungen von Claus Bernd von Klot, die sie 2018 ausgestellt haben. Genauso ein Schatz sei auch das Gesamtwerk von Klaus Heuermann, erzählen sie: „Als wir zum ersten Mal in seinem Haus standen, waren wir schier überwältigt: Wo wir auch immer hinschauten, standen oder hingen seine Werke“, sagt Jesus Lopez.

Riesiger Kunstschatz mit mehr als 1000 Werken

Über 1000 Werke hat der pensionierte Kunstlehrer seit 1947 erschaffen, das Gesamtwerk hat seine verstorbene Frau in einer dicken Mappe chronologisch geordnet und katalogisiert. „Ich bin ein obsessiver Maler“, sagt Klaus Heuermann, „habe mein Skizzenbuch immer dabei“. Und so gehören auch über 100 solcher Skizzenbücher zum Schatz, den Jesus-Chris gehoben hat. „Uns war sofort klar: Unsere Galerie reicht nicht aus, wir müssen andere mit ins Boot holen“, sagt Chris Brackmann.

Ob Café Click, die Goldbar, Le Chat Noir, das Südrock, Café Livres, Schick Essen oder die Statt-Maler, „wen immer wir gefragt haben, mussten wir nicht überzeugen. Alle haben sofort zugesagt“. Nun findet „Heuermann Süd“, so der Titel der Ausstellung, an 18 Orten, die meisten davon im Südviertel, einige in Rüttenscheid, statt.

Der Essener Gastronom Wolli (School of Drinking, Schick Essen) beteiligt sich gerne an der Kunstausstellung mit Werken von Klaus Heuermann.
Der Essener Gastronom Wolli (School of Drinking, Schick Essen) beteiligt sich gerne an der Kunstausstellung mit Werken von Klaus Heuermann. © FUNKE Foto Services | Vladimir Wegener

Alle „Aussteller“ haben sich aus dem Gesamtkatalog Werke ausgesucht – und dabei die gesamte künstlerische Entwicklung von Heuermann in Augenschein genommen. Hat sich der 88-Jährige, der bis zu seiner Pensionierung BMV-Schülerinnen unterrichtete, anfänglich noch an Künstlervorbildern wie Dalí, Picasso, van Gogh oder Magritte orientiert („damals war ich noch ein Suchender“), entwickelte er später seinen ganz eigenen, abstrakten Stil. „Die goldenen Dreiecke, der goldene Schnitt, die goldene Proportion haben mich am meisten bewegt“, sagt Klaus Heuermann, „das ist ein existenzielles Thema, mit dem ich mich in den vergangenen 30 Jahren auch philosophisch auseinandergesetzt habe“.

Es sind vorwiegend Öl- und Acrylgemälde jeglichen Formates und aus all seinen Schaffensperioden, die gezeigt werden. Aber auch ein Teil seiner Skizzenbücher wird zu sehen sein. Und alles kann käuflich erworben werden. „Für mich ist das großartig“, sagt Heuermann, der an der ehemaligen Folkwang-Schule für Gestaltung und an der Berliner Hochschule für Bildende Künste studiert hat, „denn mich beschäftigt schon länger, was mit meiner Kunst wird, wenn ich nicht mehr da bin. Ich will nicht, dass alles, was ich geschaffen habe, in Müllcontainern endet.“

Rüttenscheider begrüßt seinen Sohn zur Eröffnung

Dass er von der freien Kunst nicht leben, schon gar nicht eine Familie ernähren kann, war ihm schon als junger Mann bewusst. „Deswegen habe ich ja den sicheren Lehrerberuf gewählt.“ Der ließ ihm genug Zeit, seine Obsession auszuleben. So hat er neben der Malerei auch immer wieder mit eigenen Entwürfen an Kunst-Ausschreibungen teilgenommen: Bemerkenswert ist sein Entwurf für das Holocaust-Denkmal in Berlin, ein keilförmiger begehbarer Baukörper.

„Ich habe mich Zeit meines Lebens mit sehr vielen Dingen intensiv beschäftigt“, sagt Heuermann, der sich schon auf die vielen Gespräche am heutigen Samstag zur Ausstellungseröffnung freut: Er hat es nicht weit, muss nur kurz über die Kreuzung gehen, um zu Jesus-Chris zu gelangen. So sei auch der Kontakt zu Chris Brackmann und Jesus Lopez entstanden, „ich war einfach neugierig und bin spontan zu einer der vielen offenen Vernissagen in der Galerie gelandet“. Dort wird er am Samstag auch seinen Sohn wiedersehen: Der Kameramann kommt für die Ausstellungseröffnung extra aus Berlin angereist.