Kommentar

Angst und Hass – zwei schlechte Ratgeber in Essen-Frintrop

Redaktionsleiter Frank Stenglein kommentiert die angespannte Situation in Essen-Frintrop.

Redaktionsleiter Frank Stenglein kommentiert die angespannte Situation in Essen-Frintrop.

Foto: WAZ FotoPool

Essen.  Die Konflikte rund um ein Asylheim in Essen-Frintrop drohen zu eskalieren, weil unverantwortliche Zeitgenossen versuchen, einen ganzen Stadtteil aufzuhetzen. Ein Kommentar.

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Soziale Medien im Internet wie Facebook haben die Eigenart, dass kleine Minderheiten sich dort in eine Raserei hineinschreiben, die mit der Wahrheit nur noch am Rande zu tun hat. In Reinkultur ist das derzeit bei einigen Frintroper Bürgern zu besichtigen. Radikale Gegner des Asylheims in der früheren Walter-Pleitgen-Schule wollen tatsächliche Vorfälle nutzen, um einen ganzen Stadtteil in die Geiselhaft ihrer Wut zu nehmen.

Absurde Verschwörungsvorwürfe einiger Einpeitscher

An nahezu allem, was irgendwie schiefläuft, sollen die Bewohner dieses Asylheims schuld sein. Wenn Staatsanwaltschaft und Polizei mitteilen, sie könnten das so nicht bestätigen, wirkt das nicht etwa dämpfend für die Emotionen. Für manchen ist es nur der Beleg, dass diese staatlichen Institutionen sich gemeinsam mit Politik und Medien verschworen haben, um die Wahrheit – IHRE Wahrheit – zu unterdrücken.

Das ist vollkommen absurd. Diese Zeitung wird immer auf dem Posten sein, wenn es gilt, belegbare Missstände aufzuzeigen – auch dann, wenn sie von einem Asylheim ausgehen. Keiner hat die Macht uns daran zu hindern. Aber: Wir werden niemals jemanden auf ein bloßes Gerücht hin der Vergewaltigung bezichtigen, wie es einige Einpeitscher getan haben.

Für jeden Menschen, der sich in diesem Land aufhält, gilt die Unschuldsvermutung, bis es klare Beweise gibt oder ein Gericht die Schuld aufgrund erdrückender Indizien feststellt. Alles andere wäre ein grober Verstoß gegen rechtsstaatliche Grundsätze und die journalistische Berufsethik. Wer dies spöttisch abtut, mag sich fragen, ob er selber auf eine unbewiesene Behauptung hin öffentlich als Straftäter denunziert werden möchte. Wohl kaum.

Auch unter Asylbewerbern gibt es solche und solche

Dabei ist vollkommen klar: Es führt in aller Regel für die Nachbarn nicht zu einem Mehr an Lebensqualität, wenn die Stadt in einem dicht besiedelten Quartier eine alte Schule in ein Flüchtlingsheim umwandeln muss. Die Romantik mancher wohlmeinender Zeitgenossen, die aus oft sicherer Entfernung salbungsvolle Ratschläge erteilen, mag vor Ort mitunter wie Hohn klingen.

Denn natürlich gibt es unter Asylbewerbern wie auch in jeder anderen Bevölkerungsgruppe solche und solche. Wer sich daneben benimmt, wer gar Straftaten begeht, muss deshalb die volle Härte des Gesetzes spüren – wie jeder andere auch. Es gibt keinen kulturellen Bonus. Und wer hier Aufnahme findet, egal ob für kurze Zeit oder vielleicht für immer, der hat sich anzupassen.

Missstände nicht kleinreden und nicht aufbauschen

Dass dies nicht immer sofort klappt und bei manchem nie, ist eine Tatsache. Aber das ist noch lange kein Grund, der undifferenzierten Angst und dem primitiven Hass freien Lauf zu lassen. Angst und Hass sind schlechte Ratgeber, die das klare Urteilsvermögen beeinträchtigen. Missstände darf man nicht kleinreden, aber auch nicht zu einem Popanz aufbauschen. Es gibt keinen Grund, den Behörden zu misstrauen. Sie sind in der Lage, auch unter erschwerten Bedingungen ein würdiges Zusammenleben in Essen sicherzustellen.

Unmoralisch, im Extremfall sogar kriminell wäre es, dem Hass der Radikalen zu folgen. Es hieße alles aufs Spiel zu setzen, was Essen lebenswert macht. Das kann kein vernünftiger Bürger wollen.

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