Augenzeugen

ANC-News - vom Flugzeugabsturz zum Film-Familienunternehmen

November 2006: Weil ihm der Sprit ausgeht, muss der Pilot eines Privatflugzeugs auf der Autobahn 52 bei Essen notlanden. Bei dem Beinahe-Absturz werden sieben Menschen verletzt.

November 2006: Weil ihm der Sprit ausgeht, muss der Pilot eines Privatflugzeugs auf der Autobahn 52 bei Essen notlanden. Bei dem Beinahe-Absturz werden sieben Menschen verletzt.

Foto: ANC-News

Essen.   Mit einem spektakulären Flugzeugabsturz unterhalb der Mülheimer Ruhrtalbrücke begann 1988 das zweite Berufsleben von Hermann Anhuth. Ein Jahr später gründete der Essener ANC-News und fand schnell heraus, welche Bilder sich verkaufen. 25 Jahre später spielt der Senior-Chef lieber Tennis, das Familienunternehmen übernimmt Sohn Rene. Der 33-Jährige sagt: „In erster Linie sind wir Journalisten.“

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Die Worte, mit denen Hermann Anhuth seinen ersten dicken Einsatz beschreibt, lassen sich nicht wiedergeben. Der 8. Februar 1988: Unter der Ruhrtalbrücke in Mülheim ist ein Flugzeug abgestürzt, keiner der 21 Insassen hat den Aufprall auf einem Acker überlebt. Um kurz nach 8 Uhr gibt es einen Knall, der die ganze Stadt erschüttert. „Nach drei oder vier Minuten war ich da“, erinnert sich der heute 67-Jährige, „und ich war mittendrin.“ Anhuth watet durch Wrack- und Leichenteile - und er schießt ein Foto, dass das Schicksal dieses Fluges bebildert, ohne Blut zu zeigen: Eine Tragfläche ragt aus dem Acker in die Höhe, ein Maschinen-Fragment, im Hintergrund die Ruhrtalbrücke. Ein dokumentarisches Gemälde des Grauens. Anhuth verkauft das Foto bundesweit. Ein Jahr später gründet Anhuth ANC-News.

Einsätze im Kriegsgebiet in Jugoslawien

Im 25. Jahr des Firmengeschehens übergibt er jetzt das Zepter an Sohn Rene und Schwiegersohn Günter Müller. Hermann Anhuth zieht den Court dem Tatort vor: „Ich könnte von morgens bis abends Tennis spielen“, sagt der 1. Vorsitzende der LSG Essen, „und irgendwann muss man sagen: Schluss - andere sind besser.“ Sohn Rene ist nach einer Lehre als Kommunikationselektroniker in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Für den Junior alternativlos: „Ich will das machen, was mein Vater macht“ - das habe für ihn schon früh festgestanden.

Ende der 80er Jahre hat Hermann Anhuth nach einem Vierteljahrhundert als Verkaufsleiter bei Wella die Nase voll von Haarpflegeprodukten und sattelt auf Selbstständiger um. Kreativ will er tätig sein: „Ich hatte immer ein Hobby: Pressefotografie - und daraus haben sich dann Film und Fernsehen ergeben.“ Anhuth macht erste Gehversuche beim Offenen Kanal Essen und er findet nach der Gründung von ANC-News schnell heraus, welche Bilder die Menschen sehen wollen.

Die kreative Alternative zum beschaulichen Dasein bei Wella sind Einsätze im Kriegsgebiet in Jugoslawien - oder eine Geschichte, die sich 1996 abspielte, in der Zeit der großen Kurdendemos. In Dortmund soll es da einen großen Protestzug geben, da fahren alle hin. „Was soll ich dann auch noch da?“, fragt sich Anhuth und fährt zum Grenzübergang auf der A 3 nach Elten.

24 Stunden am Tag stehen Kamera-Teams auf Abruf

100, vielleicht 200 Kurden haben dort die Autobahn blockiert. „Es war eine Freudenfeier“, erzählt Anhuth vom Ausgang, „und dann ist die Situation explodiert, das kann man sich nicht vorstellen.“ Knüppel und Wurfgeschosse fliegen plötzlich aus der Menge, der Mob zieht einen Polizisten aus dem Auto, prügelt auf ihn ein, ein zweiter Polizeiwagen fährt in die Menge. 30 Sekunden, mehr Zeit bleibt Anhuth nicht, um mit der Kamera draufzuhalten. Dann hilft er den Polizisten. „Die Bilder sind um die Welt gegangen“, freut sich Anhuth. Als die Situation bereinigt ist, kommt ein Kameramann eines öffentlich-rechtlichen Senders - und baut sein Stativ 100 entfernt vom Ort der Randale auf.

„Wir müssen die Bilder machen, die die Sender nicht selber machen“, sekundiert Rene Anhuth. Abnehmer sind Medien in ganz Deutschland. Ständige Verfügbarkeit sei ein Muss: „Wir sind nachts um drei Uhr genau so schnell vor Ort, als wenn es mittags wäre.“ 24 Stunden am Tag stehen Kamera-Teams auf Abruf. Dabei ist Geschwindigkeit längst nicht alles. Manchmal gehe es einfach nur um das richtige „Feeling“, sagt Rene. Um den besten Standort, um den besten Zeitpunkt. Ein Großbrand brennt lange. Beim Absturz von FDP-Ikone Jürgen W. Möllemann „war ich der erste“, sagt Hermann Anhuth, „aber ich hätte auch drei Stunden später da sein können.“ Nur eins darf ihnen nicht passieren: Zu spät zu kommen.

„Nur von Blaulicht allein kannst du nicht leben“, sagt der Firmenchef 

Baumärkte im Vollbrand, zwischen Straßenbahnen zerquetschte Autos, explodierte Häuser, Busunfälle, Alltagsgeschäft für ANC-News, aber längt nicht alles. „Nur von Blaulicht allein kannst du nicht leben“, sagt Hermann Anhuth, der sein Unternehmen deshalb breiter aufgestellt hat. Im ETEC-Gebäude, dem Firmensitz, gibt es sogar ein kleines TV-Studio für Interview-Aufzeichnungen, acht Festangestellte arbeiten für ANC-News, die unter anderem den kompletten Aufbau des Einkaufszentrums Limbecker Platz mit der Kamera begleitet haben oder Image-Filme für die Dortmunder Westfalenhallen drehen. Per Glasfaserkabel können die Bilder aus Essen weltweit verschickt werden. Seinen (Blaulicht-)Einzugsbereich hat das Unternehmen bis in die Niederlande ausgedehnt, von wo freie Mitarbeiter zuliefern. Ein Mitglied der eigenen Redaktion spricht holländisch. Besonders stolz sind die Anhuths über den Erfolg ihres Facebook-Auftritts nrw-aktuell.tv. Über 70.000 Fans folgen der Seite. Die Social-Media-Plattform fungiert nicht nur als Publikationskanal, sagen die Betreiber: Von Nutzern kämen nicht zuletzt oft die besten Tipps für mögliche Geschichten.

Hermann Anhuth hat früher Bilder gedreht, „die würde ich heute nicht mehr machen“, erzählt der 67-Jährige selbstkritisch. Nah am Tatort zu sein, heißt auch Leid zu erleben. „Wenn es mal richtig schlimm ist, dann muss man das auch verarbeiten“, sagt Rene Anhuth. In ihren Bildern drückt sich die Härte eines Verbrechens, eines Unfalls, eines Unglücks nur bedingt aus. „Wir machen keine Bilder, die die Sender nicht wollen“, sagt Hermann Anhuth heute.

Nah am Tatort zu sein, heißt auch Leid zu erleben

„Ich war immer ganz nah dran“, erinnert sich Hermann Anhuth. Heute ist Sohn Rene mittendrin - und manchmal zu nah, erinnert sich der 32-Jährige: Im Sommer des vergangenen Jahres ist Rene Anhuth bei einer gewalttätigen Auseinandersetzung zwischen zwei libanesischen Großfamilien in Altendorf - bevor die Polizei eintrifft. Der Streit verlagert sich auf die Straße, die Stimmung eskaliert. Anhuth überlegt die Kamera anzuschalten und erkennt: „keine gute Idee“. Die Bilder, die ANC-News von dem Vorfall liefert, zeigen Polizisten vor einem Wohnblock, eigentlich ein fades Motiv. „Du“, sagt Rene Anhuth, „darfst dich nie selbst in Gefahr bringen." Und er ergänzt: "In erster Linie sind wir Journalisten.“ Im Auge des Geschehens.

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