Theater

„Am Boden“ im Theater Essen: von der Kita in den Terrorkrieg

Starkes Bühnen-Solo: Sabine Osthoff spiet die Kampfpilotin in der Essener Inszenierung von „Am Boden" .

Starkes Bühnen-Solo: Sabine Osthoff spiet die Kampfpilotin in der Essener Inszenierung von „Am Boden" .

Foto: Foto: Diana Küster

Essen.   Der Theatermonolog „Am Boden“ erzählt von den Herausforderungen virtueller Kriegsführung aus Sicht einer Drohnenpilotin. Solo für Sabine Osthoff.

Ehefrau, Mutter, Drohnenpilotin: George Brants packender Theatermonolog „Am Boden“ holt den Krieg am Himmel auch in die Niederungen häuslicher Konflikte. In der Box des Schauspiel Essen hat Felicia Daniel den 2013 uraufgeführten Text nun konzentriert in Szene gesetzt. Sabine Osthoff ist die überzeugende Darstellerin in dieser eindringlichen Studie über die seelische Verwundbarkeit von Waffengöttinnen.

Einsatzort: Ein Container in der Wüste von Nevada

Wo sie ist, da ist oben. Anfangs ist diese namenlose F-16-Pilotin der US Airforce eine Frau ohne Furcht und Zweifel, die den Flieger-Kult einstiger „Top Gun“-Filme mühelos in eine weibliche Sicht überträgt. Sie flirtet mit der Gefahr wie mit den Kerlen an der Theke, süchtig nach Freiheit und dem Adrenalin-Kick. Aber dann kommt Eric, und bald auch Samantha, das gemeinsame Kind. Und damit kommt auch das Aus für diese fliegende Kriegerin am Himmel. Aus dem geliebten Himmelsblau wird das Höllengrau eines klimatisierten Containers irgendwo im Nirgendwo der Wüste von Nevada, wo sie eine militärische Hightech-Drohne namens Reaper von nun an in 12-Stunden-Schichten via Bildschirm mit einem Joystick steuert. Beklemmend, aber familienfreundlich.

Von der Kita in den tagtäglichen Krieg gegen den Terror: Sabine Osthoff macht nicht nur die ethisch-moralischen Fragen des ferngesteuerten Tötens nachvollziehbar, sondern auch die innere Zerrissenheit einer Frau, die den Krieg nach Feierabend nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Je größer die Distanzen und je abstrakter die Gefahr werden, desto mehr kollidiert der Job mit dem echten Leben.

Auf der abstrakten Bühne von Gesa Gröning spielt Sabine Osthoff diese seelisch zerrissene Frau im Flieger-Overall bravourös. Anfangs lässt sie buchstäblich die Muskeln spielen, boxt die Hindernisse aus dem Weg wie sie jede Art von Skrupel bekämpft: selbstbewusst, burschikos, nicht zimperlich in Ton und Zugriff. Wie aus der coolen Pilotin nach und nach eine gnadenlose Jägerin wird, die in ihren paranoiden Fantasien und Wahnvorstellungen bald nicht mehr zwischen Realität und virtuellem Schlachtfeld unterscheiden kann, das zeigt Osthoff mit Gespür für die feinen Brüche und Überforderungen dieser anfangs so robusten Kämpferinnen-Seele. Das „Auge am Himmel“, das per Knopfdruck über Leben und Tod entscheidet, ist irgendwann nicht mehr auszuschalten. Das Gefühl permanenter Beobachtung wird zum ständigen Begleiter, verfolgt sie bis in die Umkleidekabine der Shopping-Mall.

Ein Schattenriss hier, eine Ladung Wüstensand dort: Kleine, hier und da etwas knirschende Kulissenverschiebungen akzentuieren den eindrucksvollen, hoch konzentrieren 80-minütigen Monolog. Am stärksten allerdings wirkt der Text, wenn diese Fliegerin am Boden vor der schwarzflackernden Videoleinwand in den Abgrund moderner Kriegsführung blickt. Und am Ende nur den Ausweg im persönlichen Absturz findet. Großer Applaus.

>>STÜCK WELTWEIT ERFOLGREICH

  • In den USA war „Am Boden“, im Original „Grounded“, ein echter Bühnen-Renner. Hollywood-Star Anne Hathaway spielt das Stück am Broadway en suite. Auch in Deutschland wird der vielfach ausgezeichnete Theatermonolog seit 2015 an zahlreichen Bühnen gespielt.
  • Weitere Vorstellungen: 27. Februar, 9. und 22. März, 20. April, in der Box des Schauspiel Essen, Theaterpassage. Tickets unter Tel. 8122-200. www.theater-essen.de

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