Taxigewerbe

Als sich Essens Taxiunternehmer vor 100 Jahren verbündeten

Diese historische Aufnahme zeigt Droschkenfahrer vor dem Handelshof.

Diese historische Aufnahme zeigt Droschkenfahrer vor dem Handelshof.

Foto: Martin Horn / FUNKE Foto Services

Essen.  1919 sollen sich Essener Taxibetriebe zum ersten Mal zusammengeschlossen haben. Der Auslöser war wohl ein Telefon am Handelshof.

Am Anfang war ein Telefonapparat. Er stand vorm Handelshof und eröffnete für die Essener Bevölkerung wie für Essens Taxifahrer ganz neue Möglichkeiten.

„Bis dahin haben die Fahrer immer nur auf Einsteiger gewartet“, sagt der Vorstandschef von Taxi Essen, Michael Rosmanek. Doch von da an konnten sich die Kunden ihr Taxi per Telefon bestellen. Das soll im Jahr 1919 gewesen sein, also vor 100 Jahren. Verbrieft ist dieses Jahr nicht, räumt Rosmanek ein. „Aber das wurde uns immer so überliefert“, sagt er. Damals sollen sich erstmals in der Stadt mehrere Taxiunternehmer, deren „Kraftdroschken“ vor dem Handelshof auf Kundschaft warteten, zusammengeschlossen haben. Und das Telefon war quasi ihre erste Taxi-Zentrale.

Taxi Essen wurde 1963 als Nachfolger gegründet

Dieser Zusammenschluss gilt als Vorläufer der bis heute bestehenden Genossenschaft Taxi Essen. Sie wurde zwar erst viele Jahre später, nämlich 1963 gegründet, sie führt aber bis heute dieses Ursprungsjahr 1919 in ihrem Logo. Am kommenden Mittwoch, 21. August, will Taxi Essen mit einem Tag der offenen Tür den ersten Zusammenschluss vor 100 Jahren feiern und lädt die Essener von 9 bis 18 Uhr in ihre Zentrale ein.

Historisch belegt ist aus den Anfängen sehr wenig. Im Büro von Taxi Essen an der Bottroper Straße hängen lediglich einige Schwarz-Weiß-Fotografien aus den Anfangsjahren. Sie zeigen schwarze Karossen, die vor dem Handelshof aufgereiht sind. Die Fahrer tragen Chauffeursmütze, Anzug und Krawatte und polierte Lederschuhe.

Bis die Genossenschaft Taxi Essen gegründet wurde, soll sich der Name des Taxizusammenschlusses mehrfach geändert haben, sagt Rosmanek. Die ersten Dokumente in seinem Büro stammen erst aus dem Gründerjahr der Genossenschaft. Im ersten Mitgliederverzeichnis vom 20. Dezember 1963 sind 63 Taxiunternehmen aufgeführt. Hinter der Nummer 1 steht der Name Bruno Diesner. Sicher nicht zufällig, wie Rosmanek meint.

Er kann nur vermuten, warum damals aus dem wohl eher unverbindlichen Zusammenschluss eine Genossenschaft wurde: „Als Gesellschaftsform ist sie gerade für kleine Unternehmer sehr gut. Denn jeder hat ein Mitspracherecht. Eine Demokratie im Kleinen also.“ Sicher ging es den Taxiunternehmern aber auch darum, die Wirtschaftlichkeit zu erhöhen. Denn spätestens seit Einführung des Funkes war eine gemeinsame Zentrale umso wichtiger, um die Fahrten besser zu koordinieren.

Für Studenten ein lukrativer Job

Rosmanek selbst saß 1975 erstmals selbst hinter dem Steuer eines Taxis. „In den 70ern war die Hölle los. Es war eine sehr lukrative Zeit für Taxen“, erinnert er sich. Immer mehr Taxiunternehmer hatten nicht mehr nur ein Fahrzeug auf der Straße, sondern gleich mehrere. Sie brauchten Aushilfen. Viele Studenten seien damals Taxi gefahren. „Da konnte man gut verdienen.“ Auch Rosmanek war Student und wollte die goldenen Zeiten für sich nutzen. Also lieh er sich von seinen Eltern Geld und machte sich als Taxiunternehmer selbstständig.

Auch für die Genossenschaft waren es gute Jahre. In ihren Spitzenzeiten hatten die angeschlossen Firmen rund 500 Fahrzeuge auf der Straße, heute sind es nur noch die Hälfte. Auch die Zahl der Genossen hat sich gegenüber dem Gründungsjahr fast halbiert. Aktuell sind es 38. Immer weniger wollen sich dem Genossenschaftsgedanken verpflichten. Joachim Steden, Vorstandsmitglied bei Taxi Essen, hadert mit dieser Mentalität. „Die Kollegialität war früher besser. Heute haben wir kaum noch Kollegen. Sondern wir haben Mitstreiter.“ Ein Grund dafür sei auch, dass das Taxigewerbe heute vor allem attraktiv für Migranten und Flüchtlinge ist.

Viele der 153 Taxiunternehmen, die derzeit für Taxi Essen fahren, sind lediglich „Teilnehmer“. Sie sind nicht Mitglied, sondern nutzen nur die Zentrale als Vermittlung und zahlen dafür einen monatlichen Beitrag. Sie müssen sich damit auch nicht den strengeren Regeln der Genossenschaft unterwerfen und dürfen beispielsweise für die Konkurrenz wie „Free Now“ - früher My Taxi – fahren.

Genossenschaftsgedanke nimmt ab

Rosmanek und Steden sehen das mit Sorge. Denn häufig kann Taxi Essen die Kundenwünsche nicht mehr bedienen, weil zu wenige Taxen für sie dienstbereit sind und für die Konkurrenz fahren. Die Genossenschaft wollte sich vor wenigen Jahren dagegen gerichtlich wehren, verlor aber gegen My Taxi. Allerdings schreibt Taxi Essen den angeschlossenen Taxibetrieben mittlerweile eine Mindestanzahl von Dienststunden vor. Doch auch die wachsende Zahl der Mietwagen machen der Taxi-Genossenschaft heute das Leben schwer. Und expandierende Fahrdienste wie Uber sind in Essen zwar noch nicht angekommen. „Das ist aber nur eine Frage der Zeit“, glaubt Rosmanek.

Wird die Genossenschaft als derzeit immer noch größter Taxi-Zusammenschluss in Essen überleben? Rosmanek schaut skeptisch und sagt dann dennoch: „Wenn es die Genossenschaft nicht mehr geben würde, dann würde es wieder so sein wie vor 1919. Als Einzelkämpfer hat man heute aber keine Chance mehr.“

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