Geschichte

Als die Nazis die Gewerkschaften zerschlugen

Seckin Söylemez (m.), Politikstudent der Uni Duisburg Essen, mit Ewald Miera (Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt) und DGB Regionsvorsitzenden Dieter Hildebrand.

Foto: WAZ Fotopool

Seckin Söylemez (m.), Politikstudent der Uni Duisburg Essen, mit Ewald Miera (Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt) und DGB Regionsvorsitzenden Dieter Hildebrand. Foto: WAZ Fotopool

Essen. Als SA-Schergen Peter Schatowski in den finsteren Keller der Villa an der Huyssenallee sperren, liegen dort bereits ein halbes Dutzend Inhaftierte mit zerschlagenen Gliedern. Zwei bewaffnete SA-Leute bewachen die Gefangenen. Bei der geringsten Bewegung oder auch nur einem Flüstern setzt es einen Hieb mit dem Kolben.

So schildert der Gewerkschafter Peter Schatkowski 1949 in einem Brief, was sich am 2. Mai 1933 zugetragen hat. Es ist der Tag, an dem die Nationalsozialisten im ganzen Deutschen Reich die freien Gewerkschaften zerschlagen, so auch in Essen.

80 Jahre danach legt der Deutsche Gewerkschaftsbund Mülheim-Essen-Oberhausen eine wissenschaftliche Studie zu den damaligen Ereignissen vor. Auch heute noch sei das Thema aktuell, sagt Essens DGB-Vorsitzender Dieter Hillebrand und spielt auf jüngste Ereignisse an wie den Aufmarsch von Rechten in Dortmund oder auch Nazi-Schmierereien in Kray.

Wissenschaftliche Dokumentation

Seckin Söylemez, 23-jähriger Student der Politikwissenschaft an der Universität Duisburg-Essen, ist den Spuren von damals im Rahmen eines Praktikums beim DGB nachgegangen. Es war keine einfache Suche: Nur wenige Originalquellen sind erhalten. Was nicht den Nazis in ihrer Zerstörungswut in die Hände gefallen war, vernichteten Gewerkschafter selbst, um sich zu schützen. Oder es ging im Bombenkrieg verloren.

Der Brief Schatkowskis, 1933 Angestellter beim Deutschen Metallarbeiterverband, an das Amt für politisch Geschädigte ist eine dieser Quellen. Eine weitere ist das Schreiben des 1. Bevollmächtigten Arthur Fritsch. Beide Schriftstücke liegen im Archiv Ernst Schmidt im Haus der Essener Geschichte, wo die Namen jener Gewerkschafter verewigt sind, die am 2. Mai 1933 verhaftet wurden.

Geschehen rekonstruiert 

Seckin Söylemez gelingt es, das Geschehen zu rekonstruieren: Um 9 Uhr versammeln sich SA-Männer auf dem Burgplatz und auf dem Rüttenscheider Platz. Um 10 Uhr - wie zur selben Stunde im ganzen Reich – schlagen sie los, stürmen den Sitz des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes an der Huyssenallee 82 und den Sitz des Deutschen Metallarbeiterverbandes auf der Hindenburgstraße 30.

Die Schergen verwüsten Büros und Archive und hissen Hakenkreuzflaggen an den Gebäuden. 31 Gewerkschafter werden noch am selben Tag verhaftet und wie Sträflinge in einer Marschkolonne ins Polizeipräsidium überführt. „Das alles geschah öffentlich“, ohne dass jemand Anstoß daran genommen hätte, bedauert Andreas Hillebrand. Die Maschinerie der Unterdrücker war bereits warm gelaufen.

Über die Opfer ist nur wenig bekannt

Die selbstständigen Gewerkschaften werden gleichgeschaltet, ihre Funktionäre bedroht und verfolgt. Peter Schatkowski, und Arthur Fritsch überleben, andere wie der Gewerkschaftssekretär Karl Wolf werden ermordet. Unter welchen Umständen er starb, bleibt ungeklärt.

So kann sich Seckin Söylemez nur wundern. Ein paar Klicks im Internet genügten, um Ausführliches über die Täter zu erfahren, auch über zwei SA-Standartenführer, die den Sturm auf die Gewerkschaftshäuser an der Huyssenallee anführten. Über die Opfer hingegen sei nur wenig bekannt. Söylemez Studie für den DGB soll dazu beitragen, dass sich dies ändert.

„Das war Mord an Karl Wolf“

Karl Wolf, Gewerkschaftssekretär und Sozialdemokrat, zählt zu den bekanntesten Opfern des 2. Mai 1933. Weil er sich an diesem Tag auf einer Gewerkschaftstagung in Berlin aufhält, entgeht er zunächst der Verhaftung. Kurz darauf kehrt er nach Essen zurück, wo er sich bei Freunden und Bekannten versteckt. Als Wolf erfährt, dass die Nazis drohen, seinen ältesten Sohn in „Schutzhaft“ zu nehmen, stellt er sich. Zweimal wird der 50-jährige verhaftet und wieder freigelassen.

Als der gelernte Dreher bei Krupp vor Kollegen Kritik an dem Unrechtsregime übt, meldet ihn sein Vorarbeiter der Gestapo. Wegen „Heimtücke“ wird Wolf zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Zwei Tage nach seiner Entlassung wird er erneut festgesetzt und ins KZ Sachsenhausen gebracht. Ein ehemaliger Mitgefangener schildert 1965, dass Wolfs Aufgabe als Häftling 40 326 darin bestand, andere Häftlinge, die per Genickschuss ermordet worden waren, abzutransportieren.

1942 stirbt Wolf in Sachsenhausen. Ob auch er erschossen oder erschlagen wurde, oder ob er an den Folgen der Haft starb, ist unklar. Wie auch immer sein Schicksal endete, für Seckin Söylemez steht fest: „Es war Mord.

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