Ansichtskarten

Aktuelle Essener Ansichtskarten setzen auf Altbewährtes

„Essen ist eine Reise wert“ – klassische Motive funktionieren immer noch am besten.        

Foto: Schöning-Verlag

„Essen ist eine Reise wert“ – klassische Motive funktionieren immer noch am besten.       Foto: Schöning-Verlag

Essen.   Bimmelbahn und Baldeneysee, Wasserspiel und blauer Himmel: Rund 50 000 Ansichtskarten wandern von Essen aus jährlich in die Welt.

Essen, blaue Hauptstadt Europas. So viel schöner Himmel war selten wie auf den Ansichtskarten, die es aktuell in Essen und von Essen zu kaufen gibt. Wir sehen: Himmel, Wolken, Wasserspiel der Gruga. Himmel, Wolken, Aalto-Theater. Himmel, Wolken, Handelshof. Wir sehen aber auch: Himmel, Wolken, gesichtslose Bauten der Innenstadt. Neckische grafische Spielereien; die Großbuchstaben „ESSEN“ wie auf Einkaufstüten, dazu der mehr oder weniger pfiffige Slogan: „Kultur- und Shoppingmeile mit Kultstatus“. Wir sehen braunen Hintergrund mit Punkten, sollen das Nieten sein, eine Anspielung an Krupps Waffenschmiede von einst? Nein, wohl eher Zollverein.

Ganz ehrlich: Das Bild, das Essener Ansichtskarten zeigen, stimmt wohl kaum mit dem überein, das Bürger von ihrer Stadt haben – im Guten wie im Schlechten. Doch das soll mit Absicht so sein: „Wir sprechen schließlich Touristen mit unseren Produkten an, und die wollen denen, die sie schicken, eine Freude machen“, sagt Boris Hesse, Geschäftsführer des Kieler Schöning-Verlags.

30 verschiedene Motive sind derzeit zu haben

Das Haus („Deutschland ist schön – wir zeigen es“) bildet bundesweit knapp 1000 Orte ab und gilt, was Ansichtskarten angeht, als deutscher Marktführer. Verkauft werden eigenen Angaben zufolge jedes Jahr rund 50000 Karten allein mit Essener Motiven. Eine nicht-repräsentative Erhebung in Geschäften rund um den Hauptbahnhof zeigt: Rund 30 verschiedene Essen-Karten sind im Moment zu haben; vertreten sind sowohl „Einbild-Karten“, wie es im Fachjargon heißt, und selbstverständlich „Mehrbild-Karten“, beliebt seit Jahrzehnten.

Warum, Herr Hesse, mit Verlaub, sind die Karten so kitschig? „Nicht jede Karte würde auch ich selbst kaufen“, gesteht der Fachmann, doch die Nachfrage bestimme nun mal das Angebot: „Wir verfolgen bei jeder einzelnen Karte, wie gut sie sich auf dem Markt macht.“ Heißt: Der Ansichtskartenklassiker mit briefmarkengroßen Motiven, möglichst viel bunter Farbe, blauem Himmel, bunten Blumen, geht immer noch am besten. Das ist in Essen nicht anders als in Hamburg oder München – von jenen Städten werden übrigens mit Abstand die meisten Ansichtskarten verkauft.

Der Einfluss des Kulturhauptstadt-Jahres

Es sind vor allem die Vertriebs-Mitarbeiter, die die Kieler Verlags-Zentrale regelmäßig über Neuerungen in der Stadt informieren, sodass die Motive möglichst aktuell bleiben. Die Kulturhauptstadt im Jahr 2010 hat erkennbar einen Einfluss auf die Angebotspalette gehabt, was heute noch zu sehen ist am Slogan „Kultur- und Shoppingmeile“. „Europas grüne Hauptstadt“, das Signet des laufenden Jahres, kommt dagegen nicht ausdrücklich als Motiv vor.

Überraschend ist auch: Längst nicht auf jeder Essen-Karte taucht die Zeche Zollverein auf. „Das mag daran liegen, dass Industriekultur für manche Touristen nicht immer ein Begriff ist“, mutmaßt Hesse. Oder man den Lieben daheim eben doch altbekannt Pittoreskes zeigen will: Baldeneysee und Bimmelbahn, Wasserschloss und Glockenspiel. So, wie Motivkarten von der Nordsee mit Möwe und Seehund nicht totzukriegen sind: „Allgemeine Motive“, sagt Hesse, „laufen immer am besten.“ Und Nostalgie, betont Hesse, spiele auch eine ganz entscheidende Rolle bei der Ansichtskarte – so kann man es auch nennen: Wer aktuelle Essen-Karten anschaut, kommt sich fast vor wie in einem Heimatfilm der Fünfziger.

>> ZAHL DER GESCHRIEBENEN KARTEN GEHT ZURÜCK

Die Zahl der geschriebenen Ansichtskarten geht in Deutschland jährlich um zwei bis drei Prozent zurück. Das berichtet Dieter Pietruck, Sprecher der Deutschen Post. Auch der Schöning-Verlag in Kiel als deutscher Marktführer von Ansichtskarten bestätigt diesen seit Jahren anhaltenden Trend, der auf die modernen Formen der Kommunikation – Smartphones – zurückzuführen ist.

Die Karten-Bilder liefert ein Netzwerk von freien Fotografen.

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